Geschichte der Lo­gik des 19. Jahrhun­derts. Eine krit­ische Ein­führung in die An­fänge der Erken­nt­nis- und Wis­senschaft­s­the­or­ie, König­shausen & Neu­mann

Frank-Peter Hansen, Geschichte der Logik des 19. Jahrhunderts. Eine kritische Einführung in die Anfänge der Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie, Königshausen & Neumann: Würzburg 2000, 201 S., DM 29,80, ISBN 3-8260-1932-6.

   „Wer einmal die Geschichte der Logik des 19. Jahrhunderts schreiben wird, besonders die Geschichte der nachspekulativen, die Verbindung mit den positiven Wissenschaften wieder aufnehmenden und emsig pflegenden Logik, der wird auf Sigwarts Logik als auf einen Markstein in dieser Entwicklung stoßen." Dieses Projekt einer zu schreibenden Logik des 19. Jahrhunderts, wie es in diesen vor mehr als 70 Jahren von Arthur Liebert zu Papier gebrachten Zeilen ins Auge gefaßt worden ist, gelangt in der vorliegenden Publikation zur Durchführung. (1)

Mit diesen Worten beginnt Frank-Peter Hansen seine Geschichte der Logik des 19. Jahrhunderts. Was den zweiten Teil des Liebertschen Monendums angeht: der Tübinger Philosoph Christoph Sigwart wird in dieser Schrift immerhin auf sieben Seiten (83-90) behandelt, ohne daß ihm allerdings der nachgesagte Markstein-Status zuerkannt würde. Dagegen spricht für den Autor offenbar die Zirkularität von Sigwarts Logikauffassung, ein Verdikt, das übrigens auch nahezu alle anderen behandelten Autoren trifft.

Wie sieht es aber mit dem Projekt einer Logikgeschichte des 19. Jahrhunderts aus? Klappern gehört ja bekanntlich zum Handwerk, aber selbst derjenige, der mit den Regeln wissenschaftlichen Marketings vertraut ist, dürfte über die Chuzpe erstaunt sein, mit der hier behauptet wird, daß dieses Projekt mit der vorliegenden Publikation zur Durchführung gelangt sei. Dabei werden vor allem die Leser für dumm verkauft, die sich von der im Vorwort verbreiteten Mitteilung beeindrucken lassen, der Autor sei bei seinen Recherchen auf um die 150 Logiken allein im deutschsprachigen Raum gestoßen. Daß die durch diese Mitteilung motivierte Selbstbeschränkung gerechtfertigt ist, soll hier nicht bestritten werden. Es sei aber darauf hingewiesen, daß eine Recherche in Wilhelm Risses Bibliographia Logica (2) sehr viel mehr monographische Werke zur Logik zutage fördern würde. Bei sehr restriktiver Auswahl nur deutschsprachiger monographischer Werke in erster Auflage bleibt der Zähler schon im Jahr 1837 bei 150 stehen und damit zu einer Zeit, in der der Kampf um die sogenannte „logische Frage" noch gar nicht entbrannt war. Dem Autor scheint aber diese 1842 von Adolf Trendelenburg ausgelöste Großkontroverse in der Philosophie des 19. Jahrhunderts (3) ebensowenig bekannt zu sein, wie überhaupt Risses Bibliographie. Diese wird jedenfalls im Quellen- und Literaturverzeichnis nicht genannt, obwohl es sich doch bei Hansens Logikgeschichte laut Untertitel um eine „Einführung" handeln soll, von der man ja wohl Hinweise auf Hilfsmittel und weiterführende Literatur erwarten dürfte. Vielleicht ist der Bezug auf Risses Bibliographie aber auch lediglich der weitgehenden Ignoranz des Autors gegenüber jedweder Sekundärliteratur zur Geschichte der Logik des 19. Jahrhunderts zum Opfer gefallen, eine Haltung, die natürlich für des Schreibers Überzeugung von der Originalität der eigenen Forschungen sehr förderlich ist. Orientierung stiftende Vorarbeit im Hintergrund ist Karl Christian Köhnkes Entstehung und Aufstieg des Neukantianismus, (4) zweifellos ein wichtiges Buch, aber eben für Entstehung und Aufstieg des Neukantianismus und nicht für jeden Aspekt des logischen Geschehens in der sehr heterogenen philosophischen und mathematischen Szene des 19. Jahrhunderts.

Der Autor präsentiert seine logischen Systeme in 16, voneinander weitgehend unabhängigen Kapiteln, teils in ausführlichen Zitaten und langen Exegesen. Der Inhaltsangabe kommt eine überragende Stellung zu, obwohl der Autor richtig bemerkt, daß mit einer „bloßen Inhaltsangabe" niemandem gedient sei: „Wer mit diesem, wie ich finde, eher bescheidenen und gedankenarmen Anspruch einer bloßen Reproduktion des anderwärts bereits Gedruckten an ein Werk der Wissenschaft herantritt, sollte lieber gleich das entsprechende Original zur Hand nehmen" (7). Alternativ hat sich Hansen „von der Einsicht leiten lassen, daß Darstellung und Kritik eine Einheit zu bilden haben" (ebd.), eine Einsicht, die allerdings mit einigem Recht nicht von jedermann geteilt wird, birgt sie doch für den Leser die Gefahr, nicht immer nachvollziehen zu können, ob gerade Ansichten des kritisierten Autors oder kritische Einwürfe des Interpreten verhandelt werden.

Wie stellt sich nun bei Hansen die Einheit von Darstellung und Kritik dar? In Zitaten verwendet er häufig das eher unproblematische Mittel non-verbaler Kritik, ausgedrückt durch Zeichenkombinationen wie „(!)", „(!, F.-P.H.)", „(!?, F.P.H.)" und „(!!!, F.-P.H.)", letztere im Kapitel über des Autors Liebling Gottlob Frege. Bei nicht-wörtlichen Übernahmen richtet er dagegen die präsentierten Stellen zur Verdeutlichung seiner Kritik in respektloser Weise zu. Respektlosigkeit tut zwar jedem Interpreten gut, doch sollten auch historische Autoren als Teilnehmer an einem virtuellen Dialog über philosophische Probleme zumindest als Gesprächspartner ernstgenommen werden, eine Regel, die Hansen in seiner teils bis zur Häme gesteigerten Polemik in eklatanter Weise verletzt.

Der Autor nennt seine Logikgeschichte des 19. Jahrhunderts im Untertitel „Eine kritische Einführung in die Anfänge der Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie". Der eher unbedarfte Leser könnte bei Anwendung des Substitutionsprinzips annehmen, daß für den Autor Logik einerseits und Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie andererseits zusammenfallen. Damit liegt er wohl auch gar nicht einmal so falsch. Dieser Zufallstreffer ändert aber nichts an der Selbstverständlichkeit, daß das für einige Logiker des 19. Jahrhunderts bis zur Identität reichende Wechselverhältnis dieser philosophischen Subdisziplinen zu klären oder zumindest zu thematisieren ist. Eine Einleitung wäre dafür der natürliche Ort, doch muß dieses Buch ohne Einleitung auskommen wie übrigens auch ohne resümierendes Schlußwort. Das Buch beginnt nämlich ebenso unvermittelt mit einer zweiseitigen Darstellung zu Kants formaler und transzendentaler „(Tauto-)Logik" (9-10), wie es mit der schönen Bemerkung endet, daß Edmund Husserl selbst nolens volens zum sicherlich kompetentesten Kritiker seiner eigenen Phänomenologie geworden sei (196).

Im kurzen Kant-Abschnitt wird Kants Trennung von Inhalt und Form der Erkenntnis kritisiert: „Das lediglich logische Kriterium der Wahrheit, nämlich die Übereinstimmung einer Erkenntnis mit dem formalen Gesetz des Verstandes [...] führt allenthalben zu bloß identischen, und damit buchstäblich nichts erklärenden -- tautologischen -- Aussagen" (10). Der Autor betont, daß eine solche „Tauto-Logik" (er schreibt „Tauto - Logik", durchgängig Bindestrich und Gedankenstrich verwechselnd) schon von Hegel kritisiert worden sei (ebd.),

    eine Wissenschaft von den Gesetzen des als lediglich formal verstandenen Denkens zu sein, die notwendig ausgerechnet darum sein sollen, weil sie es zu mehr als bloß identischen Aussagen über die unwirkliche Abstraktheit von sogenannten „Gegenständen überhaupt" nicht bringen. Logik, wie Hegel sie versteht, thematisiert hingegen die Formbestimmungen diverser wissenschaftlicher Erkenntnisse, ist also [...] auf das Vorhandensein besonderer Gegenstände angewiesen.

Der Autor zeichnet die Hegelsche Logik gegenüber nach-hegelschen Konzeptionen dadurch aus, daß für Hegel Philosophie nie etwas anderes als Wissenschaft gewesen wäre, somit nicht einmal die Frage nach einer Meta-Theorie der Wissenschaft sinnvoll sei. „Philosophische Theorie ist stets schon Wissenschaft und thematisiert sich entsprechend nicht noch einmal selbst" (47). Die Philosophen nach Hegel hätten sich dagegen an den Naturwissenschaften orientiert und aus dieser Perspektive Grundlagenforschung betrieben.

Allen diesen nach-hegelschen Richtungen sei gemeinsam, daß sie die Erkenntnisleistung des Denkens infragestellen (48),

   das, als stets inhaltsbezogenes, in der Logik des 19. und 20. Jahrhunderts auf den abstrakten Stand einer bloß zu konstruierenden Formalie reduziert wurde, die, gerade auf Grund ihrer inhaltsleeren Allgemeinheit, zum wissenschaftstheoretischen Universalmittel der Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis avancierte. Es wurde nicht mehr wirklich erkannt, sondern nur noch nach den Bedingungen möglicher Erkenntnis gefragt, danach, welchem vorab festgelegten Regelwerk [...] der Intellekt genügen muß, um [...] erfolgreich, d.h. zirkulär, tätig zu werden.

Die hier ausgemachte Zirkularität wird für Hansen zum Beurteilungsstereotyp nahezu aller behandelten logischen Ansätze.

Besonders verwerflich war nach dieser Ansicht Lotze, der den Weg zum inhaltsleeren Denken freigemacht habe (123) und der von Hansen in einem Atemzug (in einem Kapitel) mit der Logik des logischen Empirismus behandelt wird. Die Logik des Wiener Kreises (nur eine Logik?), die ja nur bei sehr freizügigem Umgang mit der Chronologie ins 19. Jahrhundert gerechnet werden kann, wird ungewöhnlicherweise durch den Wittgenstein-Apologeten Friedrich Waismann repräsentiert (warum nicht durch Carnap oder Reichenbach?). Als Quintessenz dieser Sorte Logik wird das unbedingte Bekenntnis zur Tautologie als „dem Prinzip" der Philosophie (128) herausgestellt, ein Bekenntnis allerdings, das selbst die für ihre restriktive Haltung zu dem, was Philosophie ist und sein soll, bekannten Hardliner des Wiener Kreises in dieser Form nicht vertreten hätten, werden doch nur Sätze (also Theoreme) der Logik und der Mathematik als Tautologien bezeichnet, unbeschadet der Tatsache, daß die Logik als strukturierendes Hilfsmittel für die logische Analyse und damit als Werkzeug für eine restriktiv aufgefaßte Philosophie durchaus in nicht-tautologischen Satzsystemen eingesetzt werden kann.

Spätestens an dieser Stelle hätte es dem Autor klar werden müssen, daß er, wenn er die mathematische Logik des Frege-Russell-Typs (natürlich nicht „Russel") mit Hegelschem Instrumentarium beurteilt, Äpfel mit Birnen vergleicht. Mit seiner Kritik verabschiedet er übrigens auch die gesamte moderne Strukturmathematik als „Bankrotterklärung der Wissenschaft" (119).

Den Autor verwundert es nicht, daß Gottlob Frege, einer der Urheber der Unsäglichkeit der mathematischen Logik, sich ebenfalls zum wissenschaftstheoretischen Zirkel bekennt, wonach die Wissenschaft der Logik Voraussetzung aller Wissenschaften sei. Selbst nach Anwendung neuartiger methodischer Maximen („wir stellen uns jetzt alle mal janz dumm", 180) bleibt dem Autor die Fregesche Art der Logik verschlossen, insbesondere die Fregesche Einlösung des Gebots wissenschaftlicher Strenge [„(!?, F.-P.H.)", S. 182] durch eine genaue Festsetzung der logischen Symbolik. Die Symbolik der Begriffsschrift (1879), dieser „der arithmetischen nachgebildeten Formelsprache des reinen Denkens", erfährt die folgende für sich selbst sprechende Charakterisierung (182):

   Seine [Freges] dann irgendwie doch der Arithmetik nachempfundene Zeichensprache erschöpft sich zu einem gut Teil in einem Ziehen von x-beliebigen „Strichen", die im Bedarfsfall, und um der Tatsache Rechnung zu tragen, daß es selbst hier noch, wie auch immer, ums Denken geht, als „Urteilsstrich(e)" [...] bezeichnet werden.

Das Fehlen eines Schlußwortes schmerzt den verständigen Leser, der es bis hier durchgehalten hat, behauptet Hansen doch für die Beurteilung der neueren Philosophie- und Wissenschaftsentwicklung Grundstürzendes:

  • die Zirkularität und damit Unwissenschaftlichkeit aller nach-Hegelschen Logiken,
  • die Zirkularität und damit Unwissenschaftlichkeit aller auf diese Logiken aufbauenden erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Konzeptionen,
  • damit aber auch das Ende von Logik, Erkenntnistheorie und Wissenschaftstheorie mit Hegel.

Angesichts der aktuellen Diskussion um die Probleme des Wissensmanagements auf dem Wege zur Wissenschaftsgesellschaft, in der es nicht zuletzt um Qualitätssicherung von Online-Publikationen geht, scheint aus dem Blick geraten zu sein, daß auch auf traditionellen Wege produzierte Werke einer Qualitätsprüfung zu unterwerfen sind. Dem Verlag ist ins Stammbuch zu schreiben, daß er seiner Verantwortung für die Qualität dieses von ihm vermarkteten Produktes nicht nachgekommen ist. Handwerklich, philosophisch und historisch unzulängliche Erzeugnisse wie das vorgelegte Buch würden keinem Qualtätssicherungsprozeß standhalten. Dem Autor sei gesagt, daß das Schreiben einer Logikgeschichte keine Gelegenheitsarbeit auf Seminararbeitsniveau ist, mit der man den philosophisch Andersdenkenden durch den Dreck ziehen kann.

Die Aufarbeitung der philosophischen Seite der Logikgeschichte bleibt also weiterhin ein Desiderat, obwohl doch die Logik in den philosophischen Differenzierungsprozessen des 19. Jahrhunderts eine zentrale Rolle spielte. Daß diese für das heutige Selbstverständnis der Philosophen so wichtigen Prozesse von der Philosophiegeschichtsschreibung bislang weitgehend ignoriert worden sind, mag an den Standards der wissenschaftlichen Philosophiegeschichtsschreibung liegen, die eben keine Standards wissenschaftlicher Geschichtsschreibung sind. Solange sich hier nichts ändert, wird Logikgeschichtsschreibung weiterhin mit der Geschichtsschreibung der mathematischen Logik verbunden werden. Vorbilder für exzellente historische Darstellungen zur mathematischen Logik gibt es genug, in beeindruckender Form repräsentiert durch das jüngste Buch von Ivor Grattan-Guinness The Search for Mathematical Roots. 1870-1940. (5)

Volker Peckhaus, Paderborn/Erlangen

Lit­er­at­ur

1. Hansen, Geschichte, 7; mit Bezug auf A. Liebert, „Zur Logik der Gegenwart", Kant-Studien 31 (1926), 297-310, Zit. 298.

2. Wilhelm Risse, Bibliographia Logica. Verzeichnis der Druckschriften zur Logik mit Angabe ihrer Fundorte, Bd. 1: 1472-1800, Olms: Hildesheim 1965; Bd. 2: 1801-1969, Olms: Hildesheim/New York 1973.

3. Vgl. Volker Peckhaus, Logik, Mathesis universalis und allgemeine Wissenschaft. Leibniz und die Wiederentdeckung der formalen Logik im 19. Jahrhundert, Akademie Verlag: Berlin 1997, 130-163.

4. Karl Christian Köhnke, Entstehung und Aufstieg des Neukantianismus. Die deutsche Universitätsphilosophie zwischen Idealismus und Positivismus, Suhrkamp: Frankfurt a.M. 1986.

5. Ivor Grattan-Guinness, The Search for Mathematical Roots. 1870-1940. Logics, Set Theories and the Foundations of Mathematics from Cantor Through Russell to Gödel, Princeton University Press: Princeton/Oxford 2000.

Erscheint in: Zeitschrift für allgemeine Wissenschaftstheorie.

Version: 10.11.2001, VP (E-mail: vrpeckha@phil.uni-erlangen.de)