9.-12. Oktober 2008, Universität Stuttgart
Sektionsleitung: Nicole M. Wilk
Sektionsbeschreibung
Kaum etwas reizt die Sinne so stark wie die Speise, die hinuntergeschluckt werden soll. Bevor sie ihren Weg in den Magen antritt, muss sie die sensorischen Prüfinstanzen Auge, Nase und Zunge passieren. Diese folgen physiologischen Algorithmen (körperlicher Hunger, Ekel, Mangelsignale, der evolutionäre „Sicherheitsgeschmack „süß“). Gleichermaßen übersetzen sie einen gesellschaftlich vermittelten Geschmack (soziale Deutungsmuster und Ästhetiken) in eine ganzheitliche Erfahrung des Körpers. Das durch die sinnliche Qualität des Nahrungszeichens verursachte Körpererleben weist den kulinarischen Konsumprozess als besonderen Ort der individuellen Erlebniskonkretion aus: Was ich esse, kann kein anderer nach mir essen oder vor mir gegessen haben. In der Reproduktion des Individuums durch Nahrung erweist sich das Individuelle genau wie im Vorgang von Geburt und im Sterben als unhintergehbar. So oft der Mensch mit verewigenden Gesten seine Bindung an die irdische Materialität zu vergessen sucht, so sehr bringt ihn der knurrende Magen auf den (mitunter kränkenden) Boden der leiblichen Existenz zurück.
Ausgehend von diesem Konvergieren gesellschaftlicher Erfahrungsnormen im Leiblichen annonciert die geplante Sektion zum Konkreten im kulinarischen Prozess das Lebensmittel und seine Ver-/ Behandlung auf wenigstens vier Ebenen:
1. Die ‘Wucht’ der Einzigartigkeit des eigenleiblichen Stoffwechselerlebens macht die Nahrungsaufnahme zu einem bevorzugten ‘Einfallstor’ gesellschaftlicher Macht. Die Einverleibung der Norm bleibt in der kulinarischen Semiose keine Metapher. Sie gewinnt die Realität einer Verhaltensnorm, die auf die spezifischen Herausforderungen sozialer Kontexte reagiert: Ehedem waren es die Übereinkünfte in einer (ritterlichen, familiären, ordensgebundenen etc.) Tischgemeinschaft. In der Konsumgesellschaft sind es primär die (oft körperbasierten) Imageangebote der Verpackungstexte und der öffentlichen Reklamen. Mit der Auflösung traditioneller Esskulturen, ihrer Orte und Sitten, tritt die Machtfunktion des Essens in aller Deutlichkeit zutage: „Wes Brot ich ess’, des Lied ich sing“ – Wenn aber Familientradition, Sippe oder Glaubensgemeinschaft nicht mehr personifiziert werden, wirken andere, dezentrierte Mächte des Marktes, des Wissens und des ökonomischen Steigerungsprinzips, die das Bild des ‘Dauersnackers’ im Einkaufsparadies der Metropolen entwerfen.
2. In Bezug auf das Nahrungsprodukt als solches kann das Heraustreten bestimmter Merkmale von handelsüblichen Nahrungsmitteln als Vorgang der Konkretisierung gefasst werden. Die Nahrung wird zum Beispiel im Hinblick auf ihre gesundheitsfördernden Bestandteile ‘konkretisiert’: Aus kohlehydrat- und fetthaltigen Speisen werden ‘Fruchtbomben’, der Milchanteil in Schokolade kreiert ‘Powerriegel’, Körnerlegierungen lassen Snacks zu Verdauungshilfen mutieren. Das werbewirksame Versprechen dieser Produkte verändert die eigenleibliche Wahrnehmung von Körperprozessen: Zu den Vorstellungen, dass bestimmte Speisen beschweren, entschlacken, die Denk- und Leistungsfähigkeit steigern etc. entwickeln sich (soziale) Körpergefühle. Hier löst sich in vollem Sinne jene Umkehrung des Plotinschen Diktums durch Foucault ein, nach der nicht der Körper die Seele gefangen hält, sondern umgekehrt, der Körper als Gefangener einer (durch Wissens-Instanzen) durchdrungenen Seele erscheint, den es durch subversive (und konkrete?) Kulturtechniken zu befreien gilt.
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