Jüdische Schriftstellerinnen und Schriftsteller in Westfalen

Projektleitung

Prof. Dr. Dr. h.c. Hartmut Steinecke
Universität Paderborn
Institut für Germanistik und
vergleichende Literaturwissenschaft
Warburger Straße 100
33098 Paderborn
Fon: (05251) 60 30 93
Fax: (05251) 60 42 02

Online-Datenbank

aktuell im Internet: www.juedischeliteraturwestfalen.de

Auskunft erteilt

Dr. Iris Nölle-Hornkamp
Dömerstiege 21a
48356 Nordwalde
Fon/Fax: (02573) 1795
Email: hornkamp[at]muenster.de

Der Schriftsteller Günter Kunert fragt 1995 in seinem Begleittext zur ersten Neuausgabe von Werken des in Niederntudorf (heute Salzkotten) geborenen Jakob Loewenberg nach über 60 Jahren: "Wieviele Loewenbergs harren noch unter dem Schutt der Gegenwart ihrer ‚Auferstehung'? Wieviele Autoren jüdischen Glaubens oder jüdischer Abstammung warten eigentlich noch darauf, in das Gedächtnis unserer Zeitgenossen zurückgerufen zu werden?"

Historiker, Judaisten, Sozial- und Rechtswissenschaftler, Archivare und Heimatforscher haben sich des Themas der jüdischen Kultur in Westfalen seit kurzer Zeit intensiv angenommen. Auch in den Bereichen Kunst und Volkskunde sind die Forschungen in den letzten Jahren fortgeschritten. Das Land Nordrhein-Westfalen initiierte 1993 als erstes Bundesland eine umfassende Bestandsaufnahme des jüdischen Kulturerbes. - Eine Geschichte der jüdischen Literatur in Westfalen ist dagegen bis heute nicht einmal in Ansätzen geschrieben.

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Vor nunmehr sieben Jahren hat das Projekt "Jüdische Schriftstellerinnen und Schriftsteller in Westfalen", unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr. Hartmut Steinecke, Leiter des Jenny-Aloni-Archivs an der Universität Paderborn, damit begonnen, hier Abhilfe zu schaffen. Ziel ist es, jüdische Autorinnen und Autoren, die in Westfalen geboren wurden oder gelebt haben, die künstlerisch, wissenschaftlich und journalistisch publiziert haben und publizieren, zu ermitteln und in ihren Werken und Lebensumständen vorzustellen. Bereits in den ersten Bestandsaufnahmen kamen über 250 jüdische Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus Westfalen, ins Blickfeld, deren Leben und Werk heute weitgehend in Vergessenheit geraten sind.

Zweifellos waren die Rahmenbedingungen für eine jüdische Literatur in Westfalen nicht günstig. Zum einen blieb der Anteil der jüdischen Bevölkerung in Westfalen stets vergleichsweise gering. Die Spuren jüdischen Lebens in Westfalen reichen bis ins Hochmittelalter. Als älteste jüdische Gemeinde in Westfalen gilt Dortmund, wo seit 1200 jüdische Bewohner nachgewiesen sind. Von der Vertreibung aus den Städten im Zuge der Pestpogrome des Jahres 1350 bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts spielte sich jüdisches Leben in Westfalen in den ländlichen Regionen, im Sauerland, Münsterland, im Lippischen ab. Erst mit der allmählichen gesellschaftlichen Gleichstellung, die 1869 gesetzlich formuliert wurde, entwickelte sich auch ein städtisches Judentum, das aber selbst in den größten Städten Westfalens nur einen geringen Anteil an der Gesamtbevölkerung ausmachte. Der überwiegende Anteil der jüdischen Bevölkerung Westfalens blieb damals in den angestammten Handelsberufen. Ein literarisches Leben, in dem jüdische Schriftsteller und Journalisten, wie in den Metropolen des übrigen Landes, ihren Wirkungskreis gefunden hätten, bildete sich in Westfalen kaum heraus. In der Zeit des Nationalsozialismus wurden fast alle westfälischen Juden, die nicht ausgewandert oder geflohen waren, in den Konzentrationslagern ermordet. Die wenigen, die zurückkehrten, legten den Grundstein für ein Wiederaufleben der jüdischen Gemeinden, die heute durch die Zuwanderung von Juden aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion seit Beginn der neunziger Jahre allmählich anwachsen.

Trotz dieser ungünstigen Voraussetzungen gab und gibt es jüdische Schriftstellerinnen und Schriftsteller in Westfalen, neben den wenigen bekannteren (wie z.B. Jenny Aloni, Felix Fechenbach, Jakob Loewenberg, Salomon Ludwig Steinheim oder Leopold Zunz) eine große Zahl von kaum bekannten oder sogar vollständig vergessener Persönlichkeiten. Angestrebt wird eine fundierte Bestandsaufnahme, die den jüdischen Beitrag an der westfälischen Kultur- und Literaturgeschichte herausstellt und über ein Archiv zur "jüdischen Literatur in Westfalen" (zugleich in Form von Datenbanken), ein bio-bibliographisches Lexikon, eine Textedition und eine Wanderausstellung dokumentiert. Darüber hinaus gilt es, die erarbeiteten Materialien auch für die Gegenwart fruchtbar zu machen. Das kann sowohl in Form von Veranstaltungen als auch in interdisziplinären Diskursen geschehen. Medien wie das Internet bieten hierfür neue Möglichkeiten der Kommunikation. Im Bereich der internationalen "Jewish Studies" ist der Einsatz der neuen Medien längst etabliert, für den Bereich der westfälischen Literatur- und Sozialgeschichte dagegen noch ein dringendes Desiderat.

Ziel ist eine jüdische Literaturgeschichte für Westfalen, die, mit Sensibilität für die Besonderheit der jüdischen Identität, als integraler Bestandteil der westfälischen Regionalliteraturgeschichte gesehen wird. Die intensive Beschäftigung mit der jüdischen Literatur Westfalens verspricht zudem über die Literatur hinaus Aufschlüsse über die Beziehungsgeschichte von Juden und nichtjüdischer Umwelt, Probleme der gesellschaftlichen Integration und Akkulturation der Juden, soziokulturelle und ideengeschichtliche Aspekte, Schreiben in verschiedenen Sprachen und nicht zuletzt innerjüdische Zusammenhänge, Quellen und Traditionen.

Den Auftakt des Projektes markierte im Oktober 2000 ein Symposion "Jüdische Literatur in Westfalen. Vergangenheit und Gegenwart" im Museum Bökerhof (Brakel-Bökendorf), veranstaltet von der Bökerhof-Gesellschaft, der Gesellschaft zur Förderung des Jenny-Aloni-Archivs, der Literaturkommission für Westfalen und der Universität Paderborn. Gefördert wird das Projekt von der Universität Paderborn, dem Ministerium für Wissenschaft und Forschung des Landes NRW, der Literaturkommission für Westfalen, der Kulturstiftung der Westfälischen Provinzialversicherungen, der Kulturstiftung NRW sowie dem Kreis Höxter und mehreren Kommunen.

Der Veranstaltung im Bökerhof 2000 folgten weitere Tagungen und workshops in Haus Nottbeck, dem Museum für Westfälische Literatur. Zu allen Veranstaltungen sind Tagungsbände und weitere begleitende Publikationen erschienen, die auf der Webseite des Projekts aufgeführt sind. Zuletzt erschienen, herausgegeben von Hartmut Steinecke und Iris Nölle-Hornkamp: Westfälische Lebensstationen. Texte und Zeugnisse jüdischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus Westfalen. Spurensuche zu jüdischer Kultur in Vergangenheit und Gegenwart (Bielefeld 2009).

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