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Die Museumskoffer an der Universität Paderborn

Museumskoffer zur „Rivalität zwischen Borromini und Bernini“. Anika Schwediwy (2013

Projektbereich: Prof. Dr. Jutta Ströter-Bender 
Museen, Denkmäler und Welterbestätten können im Klassenzimmer in besonderer Weise durch ein 
»Museum im Kleinen«, - einen so genannten Museumskoffer anschaulich vermittelt und sinnlich präsentiert werden. Seit einigen Jahren gehören Museumskoffer immer häufiger zum vorbereiten den museumspädagogischen Unterrichtsmaterial für Exkursionen und Projekte. Seit 2002 werden Museumskoffer an der Universität Paderborn im Fach Kunst zur Vermittlung von UNESCO-Welterbestätten (im Rahmen der World-Heritage-Education) in Seminaren und Projekten von Studierenden hergestellt.
In enger Kooperation mit Welterbestätten entstanden Museumskoffer für den Einsatz in der Schule - wie aber auch für die museumspädagogische Arbeit vor Ort.

Historische Bezüge

Museumskoffer sind didaktische Medien, in denen sich verschiedene klassische Funktionen des Museums „verdichten“, so das Sammeln und Bewahren, Archivieren, Dokumentieren, Vermitteln (Ausstellen) und Bilden. In diesem Funktionszusammenhang zeigen sich im Museumskoffer auch Traditionslinien einer „Transport –und Ausstellungskultur“, die historisch betrachtet sehr weit zurückreicht und auch reiche Ergänzungsmöglichkeiten für Museumskofferprojekte im Kunstunterricht anbieten.
In kleinen und großen Kofferkisten ließen die Könige der Merowinger- und Karolingerzeit ihre wichtigsten Besitztümer und Schätze transportieren, wenn sie sich zu ihren zahlreichen Herrschaftssitzen bewegten. In der abendländischen Kunst gibt es beispielsweise eine eigene Tradition der Reliquienkästchen und Schatztruhen, verbunden mit einer besonderen Kultur der „Verhüllung“ der aufbewahrten Objekte. So wird im Dom zu Aachen (UNESCO-Welterbe) alles sieben Jahre zu der so genannten „Heiltumsfahrt“, einem bedeutenden religiösen Fest, der kostbare Marienschrein aus Gold geöffnet. In diesem wird eine sehr wertvolle Reliquie, angeblich das Gewand Mariens, aufbewahrt. Dieses Gewand ist in sieben Hüllen von Seide verpackt, die dann zu dem Festakt in einer eigenen Zeremonie nach und nach entfernt werden.


In der frühen Neuzeit entwickelte sich in Europa ein wachsendes Sammlungswesen der so genannten Kunst- und Wunderkammern. Kuriositäten, exotischen Objekten und Realien, die dort als Sammlungen präsentiert wurden, dienten nicht nur der Neugier, sondern auch zu wissenschaftlichen Studien und einem regen Forschungsaustausch. Bereits in dieser Zeit wurden transportable Sammlungs-Schränke und Kisten eingesetzt, – für Informations- und Unterrichtszwecke. Beispielsweise war es im Rahmen der exklusiven Handelsbeziehungen zwischen dem sonst vom Westen abgeschotteten Japan und Holland üblich, das Geschenke zwischen dem japanischen Kaiserhaus und den holländischen Handelshäusern ausgetauscht wurden. In jedem Frühjahr (des 18. Jh.) besuchte eine holländische Delegation den Kaiserhof in Edo, bestückt mit Kisten, in denen als Geschenke auch wertvolle naturwissenschaftlichen Bücher verwahrt wurden, optische Geräte und Herbarien aus Europa, – was die naturwissenschaftliche Forschung in Japan maßgeblich beeinflusste. 
Mit der Vorgeschichte des Museumskoffers verbindet sich auch die Kulturgeschichte des Reisekoffers (A. Mihm, 2001), die unter anderen in die Bereiche der Emigration (z.B. im 19. Jahrhundert die Auswanderung nach Amerika), das Leben der Dienstboten und auch der Handelsreisenden führt.
In diesen Perspektiven interessiert mit Blick auf die Museumskoffer auch die „Archäologie von Formen des Lehrens und Lernens“, auf die in der UNESCO-Erklärung zur Kulturellen Vielfalt (2001) gleichfalls eingegangen wird (Leitlinie 8).


Hier geht auch um die Forderung der „Einbeziehung traditioneller pädagogischer Ansätze in den Bildungsprozesse, wenn immer dies möglich ist, um kulturell geeignete Methoden der Kommunikation und der Wissensvermittlung zu bewahren und vollständig auszuschöpfen.“
Damit verbinden sich Fragestellungen, ob diese Traditionen, die zur Geschichte der „Wunderkammern in Kisten“ wie der Geschichte des Reisens gehören, auch für Heranwachsende der heutige Zeit relevant sind und ob sie zur ästhetischen Vermittlung des kulturellen Erbes genutzt werden könnten.
Der große Erfolg der Museumskoffer in den verschiedenen Einsatzbereich steht auch vor dem Hintergrund, dass in der ästhetischen Sozialisation der Gegenwart eine visuell orientierte Kultur dominiert und zahlreiche, früheren Generationen noch vertraute Material Erfahrungen, Kindern und Jugendlichen nicht mehr zugänglich oder auch nur bekannt sind.

Museumskoffer im Klassenzimmer

Museumskoffer eignen sich auch in Schulen als eigenes, dort stationiertes Unterrichtsmedium, das je nach den Lehranforderungen und Veränderungen der Zielgruppen abgewandelt und nuanciert werden kann. Sie sind in den meisten Fällen nicht industriell gefertigt, sondern Unikate, kleine Archive, die mit viel Mühe und Engagement zusammengestellt wurden. Gerade in Bezug auf die Vermittlung der verschiedenen Formen des Kulturerbes, von Traditionen, geographischen und biologischen Besonderheiten können dadurch im Unterrichtsgeschehen Akzente gesetzt werden, die bei den Heranwachsenden nachhaltig im Gedächtnis bleiben und ästhetische Prozesse anzuregen vermögen.
Allerdings erschließt sich der Inhalt von Museumskoffer, die unterschiedlichen Objekte, den Schulklassen nicht „von selbst“. Es kommt bei diesem Medium auch darauf an, dass der Bedeutungsinhalt des Koffers begleitend durch Personen vermittelt wird, welche die darin enthaltenden Objekte engagiert inszenieren und kontextualisieren können. Durch den Museumskoffer verbinden sich somit personenbezogene, erzählende, informative Ebenen mit Aspekten der Objektpräsentation und Erfahrung.
Es handelt sich hier aber auch um ein Unterrichtsmedium, dass im Klassenzimmer oder durch in den Schulklassen selber hergestellt werden kann. Hier erwies sich das Museumskofferkonzept besonders erfolgreich bei den Schülerinnen und Schülern, welche damit bereits vorhandene handwerkliches Kompetenzen und Erfahrungen einsetzen konnten, die bisher im Kunstunterricht nicht bemerkt und anerkannt worden waren. Zugleich bieten sich mit Schülern und Schülerinnen gestaltete Museumskoffer als Ausstellungsprojekte in der Schule und Region an, z.B. in Zusammenarbeit mit den nahen Museen des Ortes und der Region oder einer Welterbestätte.

Form, Gestaltung, Wahl der Objekte

Allein schon die Wahl des Koffers, seines Formates und seiner Innen- und Außenausstattung setzt elementare Akzente für die spätere Vermittlung. Seine spezifische Materialität und Ästhetik wird zum symbolischen Repräsentant des jeweiligen Museums oder Denkmals. Für „das Bauhaus im Koffer“ wird sich beispielsweise ein anderes Design anbieten als für die Vermittlung eines Museums für Vor- und Frühgeschichte oder für ein Monument wie den Kölner Dom. 
Die Auswahl von repräsentativen Objekten, die Überlegungen, welche ästhetischen Erfahrungen und Prozesse angeregt werden können, erweisen sich oft als überaus schwierig, da es meist um die Begrenzung in einer Fülle möglicher Materialien und von ästhetischen Prozessen geht wie um grundlegende Fragestellungen, die sich mit der materiellen und visuellen Vermittlung von kulturellem Erbe verbinden.

Fragestellungen zur Auswahl der Objekte

Fragestellungen zur Auswahl der Objekte

  • Welche Objekte/Materialien sind aussagekräftig für den Themenschwerpunkt und das Museum?
  • Welches „Bild“ des Denkmals, Museums oder eines Ausschnitts der Kunst- und Kulturgeschichte soll vermittelt werden?
  • Wie „authentisch“ soll ein Objekt wirken? Welche Rolle können Fälschungen spielen?
  • Welche Materialien/Objekte sind als Replikate geeignet?
  • Welche Altergruppen werden in dem Konzept berücksichtigt?
  • In welchem Zusammenhang sollen die Objekte vermittelt werden? in Bezug auf Sammlungsschwerpunkte (z.B. Mineralien einer Region) oder durch einen individuellen, biographischen Bezug, der eine Geschichte rekonstruiert
  • Welche Medien sollen die Objekte „begleiten“ (z.B. Folien, Dia-Reihen, Bastelanleitungen, Spiele, Bücher, CDs)

Präsentation, Inszenierung und Vermittlung

  • Öffnen des Koffers und Auspacken als Performance und Vermittlung durch die Lehrperson, eigene Dramaturgie verbinden durch Inszenierung von Geschichten, Gestik, Spiele oder dem Singen eines Liedes, dem Einsatz mit Musikinstrumenten.
  • Durch den Museumskoffer der Welterbestätte Kloster Lorsch führt beispielsweise eine Handpuppe: ein Mönch, der sich auf ein lebhaftes Gespräch mit den Kindern einlässt. Im Schloss Augustbusburg ist es eine Handpuppe, die den ehemaligen Schlossherrn Kurfürst Clemens August darstellt.
  • Das Auspacken, Herumreichen der Objekte eröffnet eine Fülle von sinnlichen Erfahrungen: Anfassen, Betasten, Riechen, Betrachten....
  • Die Authentizität von Materialien, die alt, fremd, gebraucht, ungewohnt, abgenutzt, selten, kostbar erscheinen, kann das Sprechen über solche Erfahrungen ermöglichen, das Entdecken erweiterter sprachlicher Formulierungen.
  • Es sollte ausreichend Zeit zur Auseinandersetzung mit den Materialien zur Verfügung gestellt werden.
  • In der Auseinandersetzung ergeben sich kommunikative Impulse.
  • Der Koffer ist Ausgangspunkt für Imaginationen und weiterführende Erzählungen, ästhetische Projekte, die auch durch Materialien im Koffer angeregt werden können.

Nachbereitung

  • Es sollte genug Zeit zur Nachbereitung zur Verfügung stehen, mit Fragestellungen: An welche Themen und Materialien erinnere ich mich?
  • Wie haben sich die Materialien angefühlt?
  • Wie wurden sie benannt?
  • Was ist mit ihnen verbunden?
  • Warum gehören sie ins Museum?
  • Was macht sie wertvoll?
  • Was hat mir am Besten gefallen? Was war am Wichtigsten?

Die Universität der Informationsgesellschaft