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Lehrstuhl für Materielles und Immaterielles Kulturerbe, Exkursion 2016, hier: Besuch des Schlosses Solitude

Foto: Privat

Landesstelle Immaterielles Kulturerbe NRW

Die Landesstelle Immaterielles Kulturerbe NRW unterstützt Bewerber im Verfahren um die Aufnahme von kulturellen Ausdrucksformen in das Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes des Landes NRW und die weiteren nationalen und internationalen Listen.

Sie arbeitet im Auftrag des Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport NRW und ist angesiedelt am Lehrstuhl für Materielles und Immaterielles Kulturerbe von Prof. Dr. Eva-Maria Seng an der Universität Paderborn.

Zur Beantwortung von inhaltlichen oder formalen Fragen zu Ihrer Bewerbung steht die Landesstelle Ihnen gerne zur Verfügung. Weitere Informationen erhalten Sie auf den Internetseiten des Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport NRW und der Deutschen UNESCO-Kommission e.V.

Immaterielles Kulturerbe des Landes Nordrhein-Westfalen sind Traditionen, die in das Landesinventar eingetragen sind. Sie dürfen nach der Freigabe durch das MFKJKS das IKE-Landeslogo tragen.

Aktuelles

Beitrag über immaterielles Kulturerbe in NRW in der Zeitschrift „Städte und Gemeinderat“

Das neue Heft der Zeitschrift „Städte und Gemeinderat“ (4/17), die der Städte- und Gemeindebund Nordrhein-Westfalen herausgibt, enthält einen Artikel über das immaterielle Kulturerbe in NRW und das aktuelle Bewerbungsverfahren zur Aufnahme von Traditionen in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes. Die Deutsche UNESCO-Kommission hat in ihrer Pressemitteilung vom 30. März 2017 zum Beginn des dritten Auswahlverfahrens darauf hingewiesen, dass Vorschläge, die die Vielfalt heutiger Stadtgesellschaften abbilden, besonders willkommen sind. Der Beitrag spricht daher explizit die Kommunen und Kommunalverwaltungen an, die aufgerufen sind, ihr immaterielles, kulturelles Erbe zu melden und Bewerbungen einzureichen.

Vorschläge für Immaterielles Kulturerbe in und aus Deutschland gesucht

Bis zum 30. Oktober für die Aufnahme ins Bundesweite Verzeichnis bewerben

Gemeinschaften, Gruppen und Einzelpersonen können sich zwischen dem 1. April und 30. Oktober mit ihrer Kulturtradition oder Wissensform für die Aufnahme in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes bewerben. Zum Immateriellen Kulturerbe zählen lebendige Traditionen aus den Bereichen Tanz, Theater, Musik, mündliche Überlieferungen, Naturwissen und Handwerkstechniken. 68 Kulturformen sind aktuell im Bundesweiten Verzeichnis eintragen, darunter der Poetry Slam, das Hebammenwissen sowie die Flussfischerei an der Mündung der Sieg in den Rhein.

Aufnahmekriterien

Zahlreiche Kriterien sind für die Aufnahme in das Bundesweite Verzeichnis entscheidend: Eine kulturelle Ausdrucksform muss Identität stiften und Zugehörigkeit vermitteln. Das mit ihr verbundene Wissen und Können muss über längere Zeit weitergegeben werden und sich immer wieder neu entwickeln können. Zudem muss die Mitwirkung an der Kulturform grundsätzlich für alle offen sein. Wirtschaftliche Interessen dürfen nicht im Vordergrund stehen. Besonders willkommen sind Vorschläge, die die Vielfalt heutiger Stadtgesellschaften abbilden.

Bewerbungsverfahren

Interessierte sind aufgerufen, ihre Kulturform, deren Entstehung, Wandel und heutige Praxis sowie die Trägerschaft bis zum 30. Oktober zu beschreiben. Dafür stehen online ein Bewerbungsformular und ein Merkblatt zur Verfügung. Bewerbungen werden elektronisch in dem Bundesland eingereicht, in dem die Bewerber verortet sind oder ihren Hauptsitz haben. In Nordrhein-Westfalen schicken Sie Ihre Bewerbung an Ministerialrat Johannes Lierenfeld im Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport (MFKJKS) unter der E-Mail-Adresse: johannes.lierenfeld@mfkjks.nrw.de. An dem sich anschließenden mehrstufigen Auswahlverfahren sind die Länder, die Kultusministerkonferenz, die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, das Auswärtige Amt und die Deutsche UNESCO-Kommission beteiligt. Über neue Aufnahmen in das Bundesweite Verzeichnis wird Anfang 2019 entschieden.

Das Bundesweite Verzeichnis

68 Kulturformen und vier Erhaltungsprogramme Immateriellen Kulturerbes sind aktuell im Bundesweiten Verzeichnis eingetragen. Sie sind entscheidend von menschlichem Wissen und Können getragen und Ausdruck von Kreativität und Erfindergeist. Formen Immateriellen Kulturerbes vermitteln Identität und Kontinuität. Ihre Träger geben sie von Generation zu Generation weiter und gestalten sie immer wieder neu. Das Verzeichnis wird schrittweise erweitert. Es soll die Vielfalt kultureller Ausdrucksformen in Deutschland sichtbar machen.

Hintergrundinformationen zum Immateriellen Kulturerbe

Seit 2003 unterstützt die UNESCO den Schutz, die Dokumentation und den Erhalt dieser Kulturformen. Das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes soll die Vielfalt an kulturellen Ausdrucksformen in Deutschland abbilden. Einzelne Elemente aus diesem Verzeichnis können für eine von drei UNESCO-Listen des Immateriellen Kulturerbes vorgeschlagen werden. 429 Bräuche, Darstellungskünste, Handwerkstechniken und Naturwissen aus aller Welt werden derzeit auf diesen Listen geführt, darunter die Genossenschaftsidee und -praxis aus Deutschland, die Rumba aus Kuba, die traditionelle chinesische Medizin und die italienische Geigenbaukunst. Bis heute sind 172 Staaten dem UNESCO-Übereinkommen zur Erhaltung des Immateriellen Kulturerbes beigetreten. Deutschland ist seit 2013 Vertragsstaat.

Die Landesstelle Immaterielles Kulturerbe NRW am Lehrstuhl für Materielles und Immaterielles Kulturerbe an der Universität Paderborn berät und unterstützt Kulturerbeträger im Bewerbungsverfahren. Informationen erteilt Maria Harnack (Landesstelle Immaterielles Kulturerbe NRW), Telefon: +49 5251 60-5462 oder E-Mail: mharnack@mail.uni-paderborn.de.

Kontakt Deutsche UNESCO-Kommission

Presse:

Pressesprecherin
Katja Römer
Telefon: +49 228 60497-4
E-Mail: roemer@unesco.de

Fachliche Fragen:
Geschäftsstelle Immaterielles Kulturerbe
Benjamin Hanke
Telefon: +49 30 206 5819-11
E-Mail: hanke@unesco.de

Themenheft der Zeitschrift „Heimatpflege in Westfalen“ über das immaterielle Kulturerbe

Die Zeitschrift „Heimatpflege in Westfalen“ ist das Mitteilungsorgan des Westfälischen Heimatbundes. Die aktuelle Ausgabe (Heft 1, 2017) entstand in Kooperation mit dem Lehrstuhl für Materielles und Immaterielles Kulturerbe und ist dem immateriellen Kulturerbe gewidmet.

Das vollständige Heft können Sie hier herunterladen.

 

 

Inhalt
Eva-Maria Seng: Die UNESCO-Konvention zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes

Maria Harnack: Das immaterielle Kulturerbe in NRW. Bewerbungs- und Auswahlverfahren

Sonja Meßling: Die Haubergswirtschaft im Siegerland. Nachhaltige Waldwirtschaft als Kulturform

Peter Karl Becker/Philipp Rustemeier: Schützenvereine – Vereine schützen? Eine wirtschaftswissenschaftliche Perspektive

Marie-Luise Welz: Tanz weitertragen. Zwei Beispiele der Praxis und des Umgangs mit dem Kulturerbe Tanz

Birgit Gropp: Auf einen Blick. Immaterielles Kulturerbe und die Heimatvereine

Neuaufnahmen in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes zeigen kulturelle Vielfalt – auch in NRW
Helmut Schell, Mitglied der Fischereibruderschaft zu Bergheim an der Sieg, flechtet eine Korbreuse

Seit Freitag, den 09. Dezember 2016, ist es offiziell: 34 kulturelle Ausdrucksformen erhielten einen Eintrag im bundesweiten Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes. Dadurch verdoppelte die Liste, die seit 2014 geführt wird, ihren Umfang. Zu den Neuaufnahmen zählt die traditionelle Flussfischerei an der Mündung der Sieg in den Rhein, die eine landesspezifische Tradition von Nordrhein-Westfalen darstellt. Getragen wird sie von der Fischerei-Bruderschaft zu Bergheim an der Sieg, die Bräuche wie das Fischerfest pflegt, alte Handwerkstechniken weitergibt, Wissen über den Fischfang tradiert und Naturschutz betreibt.

Weitere Formen immateriellen Kulturerbes, die nun auf nationaler Ebene anerkannt wurden, werden ebenfalls in Nordrhein-Westfalen praktiziert. Hebammenwesen, Flechthandwerk, Mundtheater und Posaunenchöre sind Beispiele für solche länderübergreifenden Traditionen. Mit dem Poetry-Slam fand außerdem ein jugendkulturelles Phänomen Eingang in die Liste. Das Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen und die Landesstelle Immaterielles Kulturerbe NRW gratulieren allen Trägergruppen zur erfolgreichen Bewerbung.

Das nächste, dritte Auswahlverfahren im Rahmen der Umsetzung des UNESCO-Übereinkommens zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes beginnt voraussichtlich im Frühjahr 2017. Weiterführende Informationen erhalten Interessierte unter anderem auf den Internetseiten der Deutschen UNESCO-Kommission und der Landesstelle Immaterielles Kulturerbe an der Universität Paderborn.

Bericht zur zweiten Informationsveranstaltung über das immaterielle Kulturerbe am 29. Oktober im LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster
v.l.n.r.: Benjamin Hanke, Dr. Katrin Holthaus, Johannes Lierenfeld, Prof. Dr. Eva-Maria Seng, Karl Josef Tielke, Josef Zolk, Maria Harnack, Prof. Dr. Frank Göttmann

Die Landesstelle Immaterielles Kulturerbe NRW hat am 29. Oktober 2016 eine weitere Informationsveranstaltung über das immaterielle Kulturerbe im Auftrag des Ministeriums für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport durchgeführt. Diesmal lag der Veranstaltungsort in Westfalen, wo das LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster seine Türen den Teilnehmern öffnete. Neben dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe war erneut die Deutsche UNESCO-Kommission als Kooperationspartner involviert.

Prof. Dr. Eva-Maria Seng eröffnete das Programm mit einer Einführung. Sie schilderte die Geschichte der UNESCO-Konvention zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes und stellte die fünf Bereiche vor, in denen immaterielles Kulturerbe zum Ausdruck gebracht wird: 1. mündliche Ausdrucksformen, 2. darstellende Künste, 3. gesellschaftliche Bräuche, 4. Wissen und Bräuche in Bezug auf die Natur und das Universum, 5. traditionelle Handwerkstechniken. Hierbei machte sie auf Unterschiede bei den Anerkennungskriterien von immateriellem und materiellem Kulturerbe aufmerksam. So komme es beispielsweise bei Erstgenanntem auf Lebendigkeit an, wogegen für das Weltkulturerbe Authentizität wichtiger sei.

Ministerialrat Johannes Lierenfeld, zuständig für das immaterielle Kulturerbe in NRW, drückte in seinem Grußwort Bedauern über den späten Beitritt der Bundesrepublik Deutschland zum UNESCO-Übereinkommen (Beitrittsjahr: 2013) aus. Inzwischen zeige sich zunehmend die Sinnhaftigkeit des Verfahrens, welches die Erhaltung der kulturellen Vielfalt fördere. Auch die Politik könne durch Gesetzgebung, zum Beispiel beim Steuerrecht, einen Beitrag leisten.

Die Kulturdezernentin des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, Dr. Barbara Rüschoff-Thale, plädierte dafür, auch im musealen Betrieb immaterielle Aspekte nicht zu vernachlässigen. Sie betonte, dass eine adäquate Präsentation und Vermittlung notwendig seien, nicht zuletzt, um junge Menschen zu mobilisieren. Das Freilichtmuseum in Hagen stelle einen beispielhaften Ort für die Tradierung historischer Handwerkstechniken dar. 

Benjamin Hanke referierte über die Umsetzung der UNESCO-Konvention in Deutschland. Hierbei erklärte er das Aufnahmeverfahren in Deutschland. Bewerbungen sind beim zuständigen Bundesland einzureichen. In Nordrhein-Westfalen sichtet die Landesjury für das immaterielle Kulturerbe die Eingänge. Die Jury empfiehlt maximal vier Traditionen zur weiteren Prüfung durch das nationale Expertenkomitee. Traditionen, die auf Bundesebene als immaterielles Kulturerbe anerkannt sind, können für internationale Listen des immateriellen Kulturerbes nominiert werden. Herr Hanke benannte die positiven Effekte einer Eintragung wie die öffentliche Wertschätzung und Selbstvergewisserung. Bereits der Bewerbungsprozess sei lohnenswert, da er oft zur Bewusstseinsbildung über das eigene Tun und zur Netzwerkbildung führe. 

Diese Einschätzung bestätigte Josef Zolk, der stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Friedrich-Wilhelm-Raiffeisen-Gesellschaft. In seinem Vortrag beschrieb er die Vielseitigkeit der Genossenschaften von der Bank bis zur Teewirtschaft von Frauen in Marokko. Dann berichtete er über seine Erfahrungen aus der Bewerbungsrunde 2013-2014, als die Genossenschaftsidee in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen wurde (siehe Bericht Bonn). Inzwischen sind Idee und Praxis der Organisation von gemeinsamen Interessen in Genossenschaften für die repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit nominiert. Aus diesem Anlass wurde ein Film über die Kulturform der Genossenschaften angefertigt, den Herr Zolk vorführte.  

Karl Josef Tielke begrüßte die Teilnehmer der Veranstaltung mit dem Köhlergruß „Gut Brand!“ Mit einem Hinweis auf Teerfunde beim „Ötzi“ veranschaulichte der Präsident des Europäischen Köhlervereins das Alter von Köhlerhandwerk und Teerschwelerei. Heutzutage sei der Beruf des Köhlers tot, aber das Handwerk lebe. Dieses solle wieder stärker in das öffentliche Bewusstsein gerückt werden. Vor diesem Hintergrund erarbeiteten vier Ehrenamtliche des Europäischen Köhlervereins im Jahr 2013 eine Bewerbung um die Aufnahme der Tradition in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes. Hierbei sei hilfreich gewesen, dass bereits im Jahr 2011 die Köhlerei in Österreich einen Eintrag im nationalen Verzeichnis erhalten hatte, sodass man sich an den damals verwendeten Unterlagen orientieren konnte. Als Folgen der Anerkennung in Deutschland im Jahr 2014 führte Herr Tielke einen Zuwachs an Vereinsmitgliedern, eine gestiegene mediale Präsenz, vermehrten Austausch und ein stärkeres Zusammengehörigkeitsgefühl an.   

Einen Höhepunkt der Veranstaltung bildete die feierliche Aufnahme des Bochumer Maiabendfestes in das Inventar des immateriellen Kulturerbes von Nordrhein-Westfalen. Dieses Verzeichnis würdigt landesspezifische Traditionen. Die Landesjury hatte die Eintragung auf Basis einer Bewerbung der Bochumer Maiabendgesellschaft 1388 e.V. empfohlen. Der Vorschlag fand die Zustimmung der Ministerin für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport, Christina Kampmann. Infolgedessen überreichte Herr Lierenfeld in Münster eine Urkunde an Karl-Heinz Böke, den Vorsitzenden der Bochumer Maiabendgesellschaft, der das Dokument stellvertretend für die Trägergruppe in Empfang nahm. Das Landesinventar ist auf der Webseite des Ministeriums abrufbar.

Dr. Michael Euler-Schmidt nahm in seinem Vortrag eine doppelte Perspektive ein. Er sprach einerseits in Vertretung für die Träger des Rheinischen Karnevals mit all seinen lokalen Varianten (Aufnahmejahr: 2014, siehe Bericht Bonn). Andererseits berichtete er über den Brauch aus der Sicht des gutachtenden Experten. Denn Herr Dr. Euler-Schmidt verfasste 2013 ein Empfehlungsschreiben zur Karnevalsbewerbung der sogenannten ABCD-Städte (Aachen, Bonn, Köln, Düsseldorf). Auch er stellte als begrüßenswerte Entwicklung heraus, dass das Bewerbungsverfahren die Träger enger zusammengebracht habe.  

Das letzte Fallbeispiel bezog sich noch einmal auf ein traditionelles Handwerk: die manuelle Fertigung von mundgeblasenem Hohl- und Flachglas. Dr. Katrin Holthaus skizzierte die geschichtliche Entwicklung der Kulturform von der Antike bis zur Gegenwart. Aktuelle Anwendungsbereiche seien die Glasrestaurierung und bildende Kunst. Es benötige rund zehn Jahre Praxis, um das anspruchsvolle Handwerk zu beherrschen. Auch theoretisches Wissen und die Glasmacherkultur gelte es durch Ausübung, Dokumentation und Netzwerke zu bewahren. Die Eintragung in das bundesweite Verzeichnis im Jahr 2014 kann einen Schritt bedeuten, um der Gefährdung des Verlustes entgegenzuwirken.

Die Veranstaltung endete mit einer Podiumsdiskussion mit Herrn Hanke, Frau Dr. Holthaus, Herrn Lierenfeld und Prof. Dr. Frank Göttmann. Prof. Dr. Göttmann verfasste 2013 ein Gutachten zur Bewerbung betreffend die deutsche Brotkultur (Aufnahmejahr: 2014). Die Moderatorin, Prof. Dr. Seng, fragte eingangs nach der Bedeutung des UNESCO-Übereinkommens für die Menschen. Die Diskutanten antworteten einhellig mit dem Verweis auf die identitätsstiftende, verbindende und werbende Wirkung. Herr Hanke präzisierte, dass eine Chance bestünde, zwischen verschiedenartigen Traditionen Gemeinsamkeiten festzustellen. Er konstatierte außerdem eine Demokratisierung des Kulturbegriffs. Prof. Dr. Göttmann machte darüber hinaus auf die Möglichkeit aufmerksam, eine bessere Beziehung zur Vergangenheit zu gewinnen, und der Geschichtsvergessenheit entgegen zu arbeiten. Eine zweite Fragerunde befasste sich mit dem Auswahlverfahren. Hier wurde Verbesserungsbedarf erkannt. So wünschte Frau Dr. Holthaus mehr Transparenz bei der Verhandlung über das Kulturerbe. Prof. Dr. Göttmann kritisierte die Beschränkung auf vier Vorschläge je Bundesland. Dies sei angesichts der ungleichmäßigen Verteilung der Vereinssitze unsinnig. Für mehr Landeslisten sprach sich Herr Lierenfeld aus. Er ermutigte die Kulturträger ausdrücklich dazu, Bewerbungen einzureichen.

Aufnahme des Bochumer Maiabendfestes in das Landesinventar für das immaterielle Kulturerbe von Nordrhein-Westfalen
Eichausgrabung

Am 29. Oktober 2016 erfolgt die feierliche Aufnahme des Bochumer Maiabendfestes in das Landesinventar des nordrhein-westfälischen immateriellen Kulturerbes mit der Verleihung einer Urkunde an die Bochumer Maiabendgesellschaft 1388 e.V. Ministerialrat Johannes Lierenfeld wird die Urkunde im Auftrag der Ministerin für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport, Christina Kampmann, im Rahmen einer Informationsveranstaltung über das immaterielle Kulturerbe überreichen. Die Veranstaltung findet im LWL-Museum für Kunst und Kultur, Domplatz 10, in 48143 Münster statt. Der Beginn ist um 10 Uhr, der Festakt ist für 13 Uhr angesetzt.

Das Bochumer Maiabendfest, welches seit dem 18. Jahrhundert in Quellen fassbar ist, stellte ursprünglich einen lokalen Schützenbrauch dar. Heutzutage zählen ein Brauchtumsabend, ein ökumenischer Gottesdienst, Festumzüge, die Umsetzung einer Eiche und ein historischer Jahrmarkt zu den Bestandteilen der viertägigen Feier. Die gemeinnützige Bochumer Maiabendgesellschaft, deren Ziel die Brauchtumspflege ist, richtet das Maiabendfest jährlich am letzten Wochenende im April aus. Die Teilnahme steht allen Interessierten offen.

Seit 2014 führt das Land Nordrhein-Westfalen ein Inventar des immateriellen Kulturerbes. In dieses Verzeichnis können im Zuge eines Bewerbungsverfahrens kulturelle Ausdrucksformen aufgenommen werden, die einen besonderen Bezug zu Nordrhein-Westfalen besitzen. Am 02. März 2016 empfahl die unabhängige Landesjury für das immaterielle Kulturerbe von Nordrhein-Westfalen die Eintragung des Bochumer Maiabendfestes. Die Jury hob in ihrer Urteilsbegründung die Lebendigkeit der Tradition hervor, die sich durch stetige Anpassung an aktuelle Gegebenheiten erhalten habe, und Aspekte von Junggesellen-, Mai- und Schützenbrauchtum vereine. Ministerin Kampmann bestätigte die Juryempfehlung. Auf der Landesliste befinden sich bislang vier weitere Traditionen: die Flussfischerei an Rhein und Sieg, das Schützenwesen, der Rheinische Karneval und der Osterräderlauf in Lügde.

Die Informationsveranstaltung zum immateriellen Kulturerbe in Münster wird organisiert und durchgeführt von der Landesstelle Immaterielles Kulturerbe NRW, welche das Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport am Lehrstuhl für Materielles und Immaterielles Kulturerbe von Prof. Dr. Eva-Maria Seng eingerichtet hat. Auch berät und unterstützt die Landesstelle Bewerber im Verfahren um die Aufnahme in das Landesinventar sowie die nationalen und internationalen Verzeichnisse des immateriellen Kulturerbes.

Bericht zur ersten Informationsveranstaltung über das immaterielle Kulturerbe am 09. September im LVR-Landesmuseum in Bonn
Programm der Informationsveranstaltung Immaterielles Kulturerbe in NRW in Bonn

Am 09. September 2016 fand im LVR-Landesmuseum in Bonn eine Veranstaltung über das immaterielle Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen statt, zu der das Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport und die Landesstelle Immaterielles Kulturerbe NRW in Kooperation mit der Deutschen UNESCO-Kommission, dem Bund Heimat und Umwelt sowie dem Landschaftsverband Rheinland eingeladen hatten. Das Ziel war, über die UNESCO-Konvention zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes zu informieren.

Prof. Dr. Eva-Maria Seng ist die Inhaberin des Lehrstuhls für Materielles und Immaterielles Kulturerbe an der Universität Paderborn. Sie beleuchtete in ihrer Einführung die Gründe für die Trennung von materiellem und immateriellem Kulturerbe, die mit dem Eurozentrismus der Welterbeliste in Zusammenhang stehen. Auch fasste sie die wesentlichen Inhalte des Übereinkommens, das 2006 in Kraft trat und 2013 von der Bundesrepublik Deutschland ratifiziert wurde, zusammen. Seit 2013 wird ein bundesweites Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes erstellt, in das lebendige Traditionen wie Bräuche, Feste, Rituale, darstellende Künste, traditionelle Handwerkstechniken, Wissensformen oder mündliche Überlieferungen aufgenommen werden. Gruppen, Gemeinschaften oder Einzelpersonen, welche die Träger von kulturellen Ausdrucksformen sind, können hierfür Bewerbungen einreichen. Der Entscheidung über die Eintragung auf Bundesebene geht eine Auswahl in den Ländern aufgrund ihrer Kulturhoheit voran. Ministerialrat Johannes Lierenfeld ist der zuständige Ansprechpartner in Nordrhein-Westfalen. In seinem Grußwort verdeutlichte er, dass die UNESCO-Konvention eine Chance biete, die kulturelle Vielfalt in der Region stärker sichtbar zu machen. Außerdem wies er auf Gefahren für die Erhaltung des immateriellen Kulturerbes hin, die aus einer unzureichenden Kenntnis resultieren könnten. Dr. Dagmar Hänel, die Leiterin der Abteilung Volkskunde des LVR-Instituts für Landeskunde und Regionalgeschichte, erforscht Alltagskulturen, weshalb viele eingetragene Traditionen „alte Bekannte“ für sie sind. Auf dieser Basis beschrieb sie im Rahmen ihrer Begrüßung der Teilnehmenden die identitäts- und kontinuitätsstiftende Wirkung immateriellen Kulturerbes, welche spätestens durch den Verlust, beispielsweise eines Dorffestes, offenbar werde.

Es folgten Erläuterungen von Benjamin Hanke, dem Referenten der Geschäftsstelle Immaterielles Kulturerbe der Deutschen UNESCO-Kommission. Herr Hanke zeigte die konkreten Anforderungen an eine Bewerbung um die Aufnahme in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes auf. Er erklärte weiterhin das nationale und internationale Auswahlverfahren. Daran anknüpfend arbeitete Dr. Inge Gotzmann, die Bundesgeschäftsführerin des Bundes Heimat und Umwelt, die Rolle des bürgerschaftlichen Engagements im UNESCO-Übereinkommen heraus. Anhand von Beispielen wie der Haubergswirtschaft, dem Flechten von Nieheimer Hecken oder der traditionellen Herstellung von Holzschindeln machte sie die integrative Funktion ehrenamtlicher Tätigkeiten anschaulich.    

Im zentralen, dritten Abschnitt des Programms trugen Kulturerbeträger über ihre Erfahrungen in Bezug auf die Konvention zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes vor. Josef Zolk hatte im Jahr 2013 als stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Friedrich-Wilhelm-Raiffeisen-Gesellschaft die Bewerbung betreffend die Genossenschaftsidee mit erarbeitet. Die Aufnahme des Brauchs in das bundesweite Verzeichnis erfolgte im darauffolgenden Jahr 2014. Herr Zolk hob hervor, dass die Einbeziehung aller beteiligten Gruppen, die gewährleistet werden muss, eine Herausforderung darstelle. Für das Abfassen der Bewerbung empfahl er ein möglichst kleines Redaktionsteam. Außer dem Antragsformular enthält eine vollständige Bewerbung zwei Empfehlungsschreiben und zehn Fotografien. Hierbei wies Herr Zolk darauf hin, dass es wichtig sei, den Gutachtern realistische Fristen zu setzten, auf deren Einhaltung hingewirkt werden müsse. Hinsichtlich der Fotografien problematisierte er die Frage des Urheberrechts. Nicht zuletzt schilderte er positive Effekte des Bewerbungsprozesses wie den allgemeinen Zuspruch für das Vorhaben. Im März 2015 erfolgte die Nominierung der „Idee und Praxis der Organisation von gemeinsamen Interessen in Genossenschaften“ für die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit; eine Entscheidung wird gegen Ende 2016 erwartet. Dass die Frist für die Einreichung der Nominierungsunterlagen sehr kurz gewesen sei, gab Herr Zolk zu bedenken.

Hans-Albrecht Hewicker, der das Amt des Bundesvorsitzenden des Deutschen Falkenordens bekleidet, referierte über die Falknerei. Er bestätigte, dass die interne Abstimmung bei komplizierten Verbandsstrukturen langwierig verlaufe. Deshalb regte er an, einen Zeitplan für die Bewerbungsphase zu erstellen. Des Weiteren erörterte er die Vor- und Nachteile des Bewerbungsformulars. Einerseits habe die vorgegebene Zeichenzahl erschwert, die Falknerei vollständig vorzustellen. Andererseits fördere die Notwendigkeit, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, das Bewusstsein über die eigene Tradition. Am Jahresende entscheidet der Zwischenstaatliche Ausschuss für die Erhaltung des immateriellen Kulturerbes über die Erweiterung der Eintragung „Falknerei“ auf der Repräsentativen Liste, die mit deutscher Beteiligung beantragt wurde.

Das Fallbeispiel des Rheinischen Karnevals mit all seinen lokalen Varianten präsentierten ein Mitglied der Trägergruppe und ein Verfasser eines Empfehlungsschreibens gemeinsam. Dr. Marcus Leifeld, der das Archiv des Bonner Festausschusses ehrenamtlich leitet, war im Jahr 2013 am Abfassen der Bewerbung maßgeblich beteiligt. Er machte darauf aufmerksam, dass es wichtig sei, die formalen Vorgaben zu beachten. Es sei ratsam, das Merkblatt zur Bewerbung zu berücksichtigen. Ferner sprach er sich für einen selbstkritischen Umgang mit Fehlentwicklungen aus. Hierbei bezog er sich unter anderem auf das Aufnahmekriterium des offenen Zugangs. Darüber hinaus ermutigte er zur kritischen Reflexion, zum Beispiel über den Brauch in der Zeit des Nationalsozialismus. Dr. Michael Euler-Schmidt, der ein Empfehlungsschreiben verfasst hatte, erläuterte den Anspruch an die gutachtenden Experten. Diese müssen unabhängig sowie sachkundig sein und mit ihren Empfehlungen die Bewerbung ergänzen. In diesem Sinne thematisierte Herr Dr. Euler-Schmidt abschließend die Risikofaktoren für die Erhaltung des Rheinischen Karnevals. Er resümierte, dass Bräuche zwar veränderlich seien, aber Grenzen benötigen würden. Diese würden sich beispielsweise in festen Zeiten für die Brauchausübung manifestieren. 

Die Informationsveranstaltung endete mit einer Podiumsdiskussion, an der Frau Dr. Gotzmann, Herr Hanke, Herr Dr. Leifeld und Herr Lierenfeld teilnahmen. Frau Prof. Dr. Seng moderierte und eröffnete die Runde mit der Frage nach einer ersten Bilanz der UNESCO-Konvention, die weitgehend positiv ausfiel. Die Umsetzung des Übereinkommens bewirke eine Aufwertung von individuellem Kulturschaffen, ehrenamtlichem Engagement und Alltagskulturen. Außerdem trage sie dazu bei, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken. In internationaler Sicht gebe es Impulse für Zusammenarbeit, etwa im Hinblick auf das Europäische Kulturerbejahr 2018. Daneben würden parallele Entwicklungen erkennbar werden. Um diese Effekte zu befördern, sei nötig, das immaterielle Kulturerbe bekannter zu machen. Hinsichtlich der Frage, ob hierin die Gefahr einer Kommerzialisierung läge, äußerten die Diskutanten keine große Sorge. Kommerz gehöre zu einem Brauch wie dem Rheinischen Karneval ohnehin dazu; wirtschaftliche Interessen stünden allerdings nicht im Vordergrund. Doch müssten sich Kulturerbeträger darüber klarwerden, ob sie eine größere öffentliche Aufmerksamkeit infolge einer Bewerbung wünschen. Die Frage, ob das Bewerbungs- und Auswahlverfahren in Deutschland grundsätzlich verändert werden müsse, verneinten die Diskussionsteilnehmer. Doch seien mehr Beratungsangebote und Landesjurys für die Vorauswahl wünschenswert. Eine angekündigte Übersicht über Fördermaßnahmen zur Erhaltung immateriellen Kulturerbes ist inzwischen auf der Internetseite der Deutschen UNESCO-Kommission veröffentlicht.

Zeitplan zur besseren Strukturierung des Bewerbungsprozesses

Die Landesstelle Immaterielles Kulturerbe NRW hat in Abstimmung mit dem Referenten der Geschäftsstelle Immaterielles Kulturerbe der Deutschen UNESCO-Kommission einen Zeitplan für die Bewerbung um die Aufnahme in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes entwickelt. Dieser soll einen Überblick über die notwendigen Schritte im Verfahren geben und aufzeigen, welche zeitlichen Dimensionen mitunter zu erwarten sind. Selbstverständlich handelt es sich um eine Empfehlung, die nicht verbindlich ist, und womöglich nicht auf jeden Einzelfall zutrifft.

Leitung

Prof. Dr. Eva- Maria Seng

Fakultät für Kulturwissenschaften > Historisches Institut > Materielles und Immaterielles Kulturerbe ...

Inhaberin des Lehrstuhls für Materielles und Immaterielles Kulturerbe und federführende Vertrauensdo...

Eva- Maria Seng
Telefon:
+49 5251 60-5488
Fax:
+49 5251 60-5461
Büro:
W1.111
Web:

Sprechzeiten:

Dienstags, 16.00-17.00 Uhr

Sprechstunden in der vorlesungsfreien Zeit:

Mittwoch, 16.08. 12.00-13.00 Uhr

Dienstag, 29.08. 11.00-12.00 Uhr

Montag, 04.09. 12.00-13.00 Uhr

Ansprechpartnerin

Maria Harnack, M.A.

Fakultät für Kulturwissenschaften > Historisches Institut > Materielles und Immaterielles Kulturerbe ...

Wissenschaftliche Mitarbeiterin

Maria Harnack
Telefon:
+49 5251 60-5462
Büro:
W1.109
Web:

Sprechzeiten:

dienstags, 14-15 Uhr

Die Universität der Informationsgesellschaft