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Die Bereiche des Instituts

Foto: Yvonne Ruhose

Prof. Dr. Jörn Steigerwald

Forschung

Forschungsschwerpunkte
  • Konzepte der Poiesis, insbesondere Fragen zur Naturalisierung der Allegorie
 (13.-17. Jahrhundert)
  • Literarische ‚anthropologia christiana’ (13-18. Jahrhundert)
  • Empirische und literarische Anthropologie (17.-19. Jahrhundert)
  • Soziale und ästhetische Praxis der höfischen Gesellschaft, insbesondere der
Galanterie als sozialem Ideal (15.-18. Jahrhundert)
  • Liebessemantik, insbesondere Modelle der Liebe in der italienischen
Renaissance sowie Geschlechter und Sexualitätsforschung (15.-20. Jahrhundert)
  • Theorien der Imagination von der Renaissance bis zur Aufklärung
  • Das Verhältnis von Raum, Imagination und Subjekt um 1800
  • Wissenschaftsgeschichte (18.-20. Jahrhundert): Modelle des Kulturtransfers 
(17.-19. Jahrhundert)
Aktuelles Forschungsprojekt

 

Die Geburt des modernen Theaters in der Frühen Neuzeit

 

Das Theater in der Frühen Neuzeit wird bis heute meist als vormodern verstanden, da es weniger individuelle Gefühle und subjektive Konflikte und mehr Fragen der Staatsraison auf die Bühne bringt. Hinzu kommt die vermeintliche oder reale Ausrichtung auf einen strengen Aristotelismus, der dazu führt, dass der Beachtung der Regeln, insbesondere derjenigen der drei Einheiten sowie derjenigen der bienséance, des Anstandes bzw. der Schicklichkeit, mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird als den zur Darstellung gebrachten Handlungen und deren Potenzial an Emotionalität. Allein das Theater Shakespeares scheint von dieser Kategorisierung der Dramen ausgenommen zu sein, da hier bereits jenes moderne Individuum – z.B. Hamlet – oder die modernen Leidenschaften wie die romantische Liebe und Tragödien – man denke an Romeo and Juliet, Othello oder King Lear – auf die Bühne gebracht werden, die seit der Mitte des 18. Jahrhunderts unser Verständnis vom Theater bis heute prägen.

Die historische Forschung zur Frühen Neuzeit hat hingegen umfassend herausgearbeitet, dass bereits seit dem Ende der Renaissance und dann verstärkt im 17. Jahrhundert zahlreiche Transformationen im Gefüge der Familie, der Ehe und damit auch im Verständnis der Liebe stattfanden. Aufbauend auf, aber auch in Absetzung zu Michel Foucaults These, dass die Überlagerung des Allianzdispositivs durch das Sexualitätsdispositiv bereits im 17. Jahrhundert beginnt, haben Historiker wie Jean-Louis Flandrin und Maurice Daumas zeigen können, dass die Konfiguration von Elternschaft, Verwandtschaft und Sexualität in der Familie dieser Zeit einem grundlegenden Wandel unterworfen ist. Dieser führt dazu, dass die männliche Herrschaft im so genannten ‚ganzen Haus’, dem ‚oikos’ (Brunner), weiterhin erhalten bleibt, dass die Position der einzelnen Familienmitglieder sowie die Verbindungen untereinander jedoch neu geordnet werden. Hinzu kommt, wie Architekturhistoriker herausgestellt haben, dass auch das Haus im konkreten Sinne eine Veränderung erfährt, insofern zum einen neue Räume wie der Salon in das bauliche Ensemble integriert werden, um erstmals konkrete Räume zu schaffen, in denen Männer und Frauen einander begegnen und kommunizieren können (Gady). Zum anderen geht diese architektonische Neuerung einher mit der Öffnung des zuvor abgeschlossenen Hauses, so dass ein neues, ‚offenes‘ ganzes Haus entsteht.

Betrachtet man vor diesem kulturhistorischen Hintergrund die Dramen des 16. und 17. Jahrhunderts, dann erkennt man, so die leitende Überlegung des Projekts, die Herausbildung von zwei Modellierungen des Dramas, die sich als Hauskomödie und als Familientragödie fassen lassen. Diese bilden den Rahmen, um virulente Fragen nach der Familien- und Geschlechterpolitik genauso in Szene zu setzen, wie die genannten Transformationen des ganzen Hauses zu problematisieren. Sei es, indem etwa die Mutterliebe in Corneilles Médée verhandelt wird oder in Molières L’École des femmes diskrepante Väterfiguren einander gegenübergestellt werden, um ein neues Modell ehelicher Liebe zu präsentieren. Doch handelt es sich hierbei keineswegs um ein Phänomen, das allein für die Modernität der französischen Klassik charakteristisch ist. Vielmehr lässt sich etwa der interne Familienkonflikt um die Funktion und Position des Familienvaters anhand von Shakespeares Romeo and Juliet aufzeigen oder die problematische Familienpolitik sowie die kritische Rolle der Mutterliebe anhand von Lohensteins Cleopatra, so dass von einer dezidiert europäischen Erscheinung gesprochen werden kann. Diese Internationalität der theatralen Modellierungen und Verhandlungen wird noch deutlicher, wenn man sich die Diskussionen um das Märtyrerdrama vergegenwärtigt, das von Corneille mit dem Polyeucte einer Revision unterzogen wird, die darauf abzielt, aus dem tradierten Modell eine Tragödie zu formen, in deren Mittelpunkt die ‚tendresse’, die Zärtlichkeit steht, die dann ihrerseits von Gryphius einer mehrfachen Kritik unterzogen wird.

Das Ziel des Projekts besteht folglich darin, erstens die kulturhistorischen Transformationen der Familien- und Geschlechterpolitik in ihren theatralen Inszenierungen zu verfolgen und dabei die weitergehende Frage zu bearbeiten, inwiefern in den Dramen auf diese Umbrüche reagiert wird oder ob sie diese nicht allererst in ihren Verwerfungen zum Ausdruck bringen. Damit verbindet sich die These, dass sich nach 1630 ein ‚Theater der Zärtlichkeit’ ausprägt, das sich in der sogenannten ‚französischen Klassik’ genauso finden lässt wie in der englischen Restaurationskomödie oder in Gellerts Zärtlichen Schwestern. Dieses Theater des vorbürgerlichen Zeitalters bildet dann die Grundlage für das, was späterhin als ‚bürgerliches Trauerspiel’ reüssieren wird.

Damit einher geht zweitens die Analyse der Debatten und ‚Querelles’, die diese Jahrhunderte durchziehen, insofern sich die Frage stellt, inwiefern in diesen poetische, poetologische und kulturpolitische Probleme interagieren. So ist etwa zu fragen, wie die Bedeutung der poetischen Kategorie der ‚bienséance’ mit der Herausbildung eines dezidiert weiblichen Publikums und dem Funktionswandel der weiblichen Protagonisten korreliert. Chiastisch hierzu verhalten sich die Diskussionen um die so genannte Obszönität, die sich insbesondere an den ‚querelles’ um die Komödien im Speziellen sowie an der Moral des Theaters im Allgemeinen festmachen lassen.

Drittens ist zu untersuchen, inwiefern diese Debatten, aber auch die Beiträge der Autoren einerseits für die Herausbildung einer Normpoetik von Bedeutung sind und inwiefern die Autoren andererseits die Möglichkeit nutzen, das Theater als Poiesis, als theoriegeleitete poetische Praxis zu nutzen, um in die Debatten einzugreifen. Corneilles Horace ist vor diesem Hintergrund etwa als eine Antwort auf die Querelle du Cid zu lesen, genauso wie Molières Critique de l’École des femmes als dessen poietische Antwort auf die Querelle de l’École des femmes gewertet werden kann.

Viertens werden diese Transformationen als Krisenphänomen verstanden, die jedoch nicht, wie meist üblich, als Phänomen eines Untergangs angesehen werden, wie etwa in der berühmten ‚démolition du héros’ (Benichou), sondern als Herausbildung eines neuen Heldenmodells, das in die Fabrikation (Burke) einer neuen Kulturpolitik integriert wird, die eben auch die Familien- und Geschlechterpolitik umfasst. Dadurch erhält die Krise, im Sinne von Paul Hazards La crise de la conscience européenne, indes eine positive Konnotierung, die dergestalt die Grundlage legt für die Herausbildung eines modernen Theaters in der Frühen Neuzeit.

Teilprojekt Steigerwald "Molières Hauskomödien"

Teilprojekt Detoc "Corneilles Familientragödien"

Teilprojekt Schlieper "Tragödien der Männlichkeit"

 

 

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