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Die Bereiche des Instituts

Foto: Yvonne Ruhose

Veranstaltung

Freitag, 25.05.2018 | 09.00 - 19.00 Uhr | Jenny-Aloni-Haus/IBZ

Workshop: "Kulturanthropologie nach Rousseau: Ethnographie, Kulturkritik und Religionskritik zwischen 1800 und 1850"

Insbesondere in der französischen Forschung wird Jean-Jacques Rousseau seit Claude Lévi-Strauss’ einschlägigen Studien als der Begründer der Wissenschaft vom Menschen angesehen, so dass die Formel von der ‚Kulturanthropologie nach Rousseau’ meist in zweifacher und zugleich komplementärer Weise verstanden wird. Denn zum einen wird die Präposition ‚nach’ konsekutiv gelesen und dabei die logische Verbindung bzw. genauer: die logisch aufeinander aufbauende Abfolge herausgestellt, so dass jede Kulturanthropologie nach Rousseau eine ist, die über Modifikationen und Transformationen eine grundlegende Diskursformation bis in die Gegenwart hinein fortschreibt. Zum anderen wird die Präposition ‚nach’ temporal gefasst und damit stärker auf diejenigen Autoren und Werke abgehoben, die dem so genannten Rousseauismus zugerechnet werden können, so dass eine unmittelbare Beziehung, wenn nicht gar Schülerschaft in den Blick genommen wird.
Der 250. Geburtstag von François Réné de Chateaubriand soll als Ausgangspunkt genommen werden, um einen anderen Zugang zur Kulturanthropologie nach Rousseau zu gewinnen, insofern dessen Werk auf zwei Probleme hinweist, die es zu bedenken gilt. Claude Lévi-Strauss’ Rede von Rousseau als Begründer der Wissenschaft vom Menschen, der science de l’homme, setzt eine Kontinuität des Rousseau’schen Denkens voraus, die von diesem ausgehend über die Idéologues um 1800 bis hin zum Strukturalismus Pariser Prägung nach 1950 weitgehend ungebrochen reicht. Betrachtet man die historische Situation nach 1800 in Frankreich, dann erkennt man hingegen leicht, dass einerseits die Idéologues und deren Konzept der Anthropologie nur vergleichsweise kurz die betreffenden Diskurse beherrschten, und andererseits nach 1800 von einer Konkurrenz verschiedener Konzeptionen der Kulturanthropologie zu sprechen ist, die sich etwa durch das Gegeneinander von gnoseologischen und epistemologische Denkweisen auszeichnen oder durch diametral entgegengesetzte Verständnisse von Religionskritik, die einmal das Kompositum als Genitivus subjektivus und einmal als Genitivus objektivus begreifen. Gleichwohl eint diese unterschiedlichen Konzeptionen der Kulturanthropologie, dass sie sich unmittelbar oder mittelbar auf Rousseau und dessen Werke beziehen und dabei drei dominante Diskursformationen bearbeiten, nämlich die Ethnologie, die Kulturkritik und die Religionskritik.
Ein prominentes Beispiel hierfür ist Chateaubriands Konzeption der Kulturanthropologie, die er in seinen frühen Erzählungen Atala und René einerseits auf Rousseau aufbauend präsentiert, andererseits aber durch die Verlagerung in einen anderen, amerikanischen Kulturraum nicht nur neu fasst, sondern auch durch die konzeptionelle Einbindung in den Génie du Christianisme etwa über die so genannte ‚christliche Perspektive’ neu ordnet, um sich dergestalt gegen die Konzeption der Anthropologie als ‚Rapports du physique et du moral de l’homme‘ Cabanis’scher Prägung abzugrenzen.
An diesem Punkt will der geplante Workshop ansetzen und der Frage nachgehen, welche Konzepte und Modelle von Kulturanthropologie zwischen 1800 und 1850, d.h. zwischen den Idéologues und dem Positivismus, aber eben auch zwischen Karl Viktor von Bonstetten und François René de Chateaubriand diskutiert werden und welches Feld wie von ihnen kartographiert wird. Dabei sollen ausgehend von den französischen Diskussionen um die Kulturanthropologie auch diejenigen in den Blick genommen und dergestalt zueinander in Beziehung gesetzt werden, die in den anderen europäischen Ländern zeitgleich, und d.h. eben auch: in Konkurrenz zueinander entwickelt werde. Zu, denken ist hierbei etwa an Ludwig Feuerbachs Hegelkritik, die zugleich auf eine grundlegende Opposition von Anthropologie und Geschichtsphilosophie verweist, oder auf dessen anthropologisch fundierte Religionskritik, deren Kritik wiederum von Seiten Max Stirners sich als Anthropologiekritik präsentiert.
Im Zentrum sollen dabei die drei zentralen Elemente der Rousseau’schen Kulturanthropologie stehen, nämlich die Ethnologie, die Kulturkritik und die Religionskritik, und deren Umsetzungen, aber auch Aneignungen und Umschreibungen durch die verschiedenen Diskursteilnehmer. Zu fragen ist hierbei weitergehend, wie sich etwa einzelne Diskurse ändern aufgrund neuer Beobachtungen, d.h. vor allem neuer Beobachtungsobjekte und Beobachtungsräume, aber auch neuer Beobachtungstechniken. Gewünscht sind entsprechend Beiträge, die zum einen die Frage nach den Formierungen der Kulturanthropologie zwischen 1800 und 1850 aufgreifen und zum anderen die Frage bearbeiten, wie sich die betreffenden Diskursformationen als solche, aber eben auch in Bezug auf weitere Formationen konstituieren, um welche Position im Feld der damaligen Kulturanthropologie zu besetzen.

Die Universität der Informationsgesellschaft