Archiv für den bundesdeutschen Experimental- und Avantgardefilm von Frauen

       

Ute Aurand | Christine Noll Brinckmann | Linda Christanell | Anja Czioska | Helga Fanderl | Bärbel Freund | Monika Funke Stern | Eva Heldmann | Cathy Joritz | Hille Köhne | Maria Lang | Lilo Mangelsdorff | Mara Mattuschka | Elfi Mikesch | Dore O. | Ulrike Ottinger | Laura Padgett | Ingrid Pape-Sheldon | Maya-Lene Rettig | Pola Reuth | Rosi S.M. | Renate Sami | Claudia Schillinger | Helke Sander | Karola Schlegelmilch | Ula Stöckl | Anja Telscher

Am Institut für Medienwissenschaften der Universität Paderborn wird im Rahmen der Professur für Film- und Fernsehwissenschaft ein kleines Archiv mit Avantgarde- und Experimentalfilm von Frauen in Deutschland aufgebaut. Damit soll einem Defizit entgegengewirkt und Filme zugänglich gemacht werden, die – oft in einen Randbereich gedrängt – aus dem Bewusstsein verschwinden: Während es oftmals schon schwierig ist, an vorführbare Spielfilmkopien, die älter als 20 Jahre sind, zu kommen, so sieht die Lage beim Experimentalfilm von Frauen noch schlechter aus. Viele Kopien sind nicht mehr verfügbar oder zugänglich und vom Verschwinden bedroht.

Die Einrichtung einer Filmsammlung, die sich aus finanziellen und inhaltlichen Gründen auf den Experimentalfilm konzentriert ist ein erster Schritt, um diese Lage zu verbessern. Die Sammlung sieht ihre Aufgabe darin, diese Filme zu erfassen, zu archivieren und für die Forschung und Lehre zugänglich zu machen. Mit den Räumen und Apparaturen der Filmwissenschaft in Paderborn (Projektionsmöglichkeit in einem „Kinoraum“, Sichtungsmöglichkeit an einem hochwertigen, professionellen 16mm Schneidetisch) sind dafür beste technische Voraussetzungen gegeben, wie sie außerhalb von Archiven an kaum einer anderen deutschen Universität zu finden sind.

Experimentalfilm

Experimentalfilm trägt alle Elemente des Kinos und des Films in sich, verdichtet und  intensiviert das visuelle Erleben des Films. Gleichzeitig ist er in den Kinos unterrepräsentiert und in einem ökonomischen Sinne „nutzlos“. Diese „Nutzlosigkeit“ befreit das filmische Experiment von den Zwängen zur Konvention und erlaubt die Auseinandersetzung mit dominanten Formen des Filmschaffens und (s)einer  Filmsprache.

In der Forschung findet der Experimentalfilm dagegen – wiederum aus ökonomischen sowie aus kulturellen und wissenschaftstheoretischen Gründen – kaum einen Niederschlag. Im bundesdeutschen Raum fehlen seit dem Erscheinen einiger weniger Publikation in den 70er und 80er Jahren substantielle Veröffentlichungen zum Avantgarde- und „E-Film“. Publiziert sind sie vor allem im angelsächsischen Bereich, mit einem Schwerpunkt in den USA und Kanada.

Experimentalfilm von Frauen

Nimmt man Preise, Stipendien, Einschätzungen führender Kritiker und eigenes Urteil zum Maßstab, so mangelt es diesen Werken sicher nicht an ästhetischer Qualität. Daß sie trotzdem im Verhältnis weniger gezeigt, beachtet und interpretiert werden als vergleichbare Filme von Männern [...] muß besondere Gründe haben.  
Noll Brinckmann

Im Experimentalfilm liegen die Möglichkeiten der Dekonstruktion wie der Konstruktion und Rekonstruktion – von Autorschaft, Geschichte und Ideologie – sowie die formale wie inhaltliche Konfrontation mit, und Infragestellung von, etablierten Normen der „Filmkunst“.  
Für die Filmarbeit von Frauen spielt der Experimentalfilm daher aus ästhetischen und politischen Gründen eine besondere Rolle. Im ästhetischen Experiment such(t)en Filmemacherinnen die Auseinandersetzung mit einer patriarchal geprägten Filmsprache und ihren Gesetzen. Parallel zu den Bemühungen der Literatur um eine „weibliche“ Sprache geht es dabei um Fragen der Möglichkeiten, Bedingungen und Sinnhaftigkeit einer „weiblichen Ästhetik“ und der generellen Beziehung von Film zu geschlechtsspezifischer Schaulust und Subjektkonstitution. Es sind vor allem Filme in dem Entstehungszeitraum der 80er Jahre, die von dieser Aufbruchbewegung der Filmemacherinnen und von einer neuen Ästhetik zeugen. Die Sammlung konzentriert sich daher auf den Erwerb und die Bewahrung der Filme aus dieser Zeit.  

Die Sammlung - Schwerpunkt und Ziele

Die Sammlung bemüht sich, neben der zeitlichen Konzentration auf die 80er Jahre, die oft vernachlässigten frühen Filme der einzelnen Filmemacherinnen, unter anderem ihre Abschlussarbeiten, zu sammeln und zu erhalten. Diese Bemühungen stoßen bei den Filmemacherinnen auf große Resonanz (http://pape-sheldon.com/blog/2007_04_01_archive.html).

Die Kopienlage dieser frühen Werke ist allerdings oft katastrophal – häufig können die Negative nur unzureichend gelagert werden, sind gar verschollen oder das zum Ziehen einer Kopie nötige Material wird nicht mehr hergestellt. Wir sind daher sehr auf die Kooperation mit anderen Archiven, Filmmuseen und Kopierwerken angewiesen und können in den vergangenen Jahren der Aufbauarbeit unseres Archivs auf zahlreiche bestätigende Momente in der Zusammenarbeit sowohl mit den Filmemacherinnen, den Kopierwerken als auch den Archiven zurückblicken. Die Filme der Sammlung finden regelmäßig ein studentisches und wissenschaftliches Publikum. Für viele (StudentInnen) stellt die Sichtung eine neuartige Erfahrung dar, die sie von alleine kaum suchen oder finden würden.

Das Archiv sieht hier seinen Zweck, die Filme einer breiteren (Fach-) Öffentlichkeit zugänglich und neue Seherfahrungen möglich zu machen. Diese Seherfahrungen lösen grundsätzlich ein weitergehendes Interesse aus und bestätigen uns in unserem Projekt, die Filme als Film vor einem Publikum zugänglich zu machen.

Experimentalfilme von Frauen und kulturelles Erbe

Geschichtsschreibung spiegelt die vorwiegend männliche Kodierung des kulturellen Gedächtnisses. Dadurch stellt sich die Frage nach der Geschlechterdifferenz in Bezug auf das kulturelle Gedächtnis auf besondere Weise. Der offizielle Diskurs bis hin zur Sprache schließt weibliche Praxen aus, welche sich oft als Minoritäre entziehen. Dieses Faktum betrifft in einem starken Maße die Filmarbeit von Frauen, die sich in ihren Produktionen oft bewusst von etablierten Konventionen abheben, um auf konkrete Lebensrealitäten in einer Weise aufmerksam zu machen, die nicht in formalen Konventionen aufgehoben oder neutralisiert wird. Solche Filme aber, die keine kommerzielle Verwertung fanden, bleiben in der Regel von der Archivierung ausgeschlossen.

Film nimmt als eine spezifische Form der kulturellen Äußerung für die Vermittlung weiblicher Kultur/Arbeit einen besonderen Stellenwert ein. Im Experimentalfilm von Frauen findet eine Auseinandersetzung mit herrschender Kultur, ihren Formen der Tradierung, und gerade auch der Festschreibung der Frau als Objekt des Blicks in der Bildkultur statt. Gerade Experimentalfilme stellen stärker als Spielfilme Verkörperungen von Erfahrung dar, die der Wahrnehmung zugeführt werden und damit teilbar und mitteilbar werden. Bezogen auf das kulturelle Erbe ermöglicht das Archiv daher auch, solche Praxen dem offiziellen Diskurs zu erschließen.

Es ist wichtig, dieses kulturelle Erbe, die Filmarbeit von Frauen, in ihrem ursprünglichen Material – als Filmkopien – zu erhalten und neue Kopien zu ermöglichen. Film (Zelluloid, Acetat, Polyester) ist bis heute das sicherste und langfristigste Material der Archivierung, das von keinem anderen Träger übertroffen wird. Die stabile Technik funktioniert seit über 100 Jahren in derselben Weise zuverlässig. Schön wäre, wenn mit dem Experimentalfilmarchiv an der Universität Paderborn nicht nur der Grundstein gelegt wäre für einen Forschungs- und Arbeitsschwerpunkt zum Avantgarde- und Experimentalfilm in Deutschland sondern vor allem auch zur Erforschung und Dokumentation kultureller Praxen von Frauen und der Schreibung einer anderen Geschichte. Neue Aufmerksamkeit nicht nur für diese Filme, sondern auch eine verdrängte Geschichte weiblicher, ästhetischer Praxen in Lehre und Forschung zu wecken, und ein Bewusstsein bei den Studierenden für diese Produktionen zu schaffen, hat sich das Archiv in diesem Sinne zur Aufgabe gemacht.

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