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Photo: Prof. Dr. Sabiene Autsch

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SILOGESPRÄCHE Online-Projekt

 

"Was machst du gerade?" - Oder Bilder aus dem Atelier in Zeiten von social distancing

In diesem Sommersemester sollte eine neue Reihe der SILOGESPRÄCHE zum Thema Atelier im 21. Jahrhunderts - Offen, Digital, Spezialisiert? im Fach Kunst an der Universität Paderborn starten. Nun ist alles ganz anders gekommen, aber das Interesse, die Themen und Fragen rund um das Atelier sind geblieben. Die universitäre Präsenzlehre wird gegenwärtig durch digitale Formate ersetzt. Die Ermöglichung von spontanen Diskussionen, die Anleitung zu einem Denken in Konstellationen, das Initiieren von Prozessen sind dadurch nur eingeschränkt möglich. Aber nicht unmöglich.

Ausgehend vom allgemeinen Strukturwandel durch Globalisierung und Digitalisierung hat die aktuelle Atelierform seit der Jahrtausendwende eine tiefgreifende Umgestaltung erfahren. Damit eng verbunden sind Tendenzen von Spezialisierung und Ausdifferenzierung sowie von rigiden Exklusionsmechanismen. Angesichts der Corona-Pandemie, die seit Februar auch Europa auf eine völlig ungekannte Art und Weise betrifft und eine Reihe von administrativen Maßnahmen wie Isolation, Begrenzung und Bescheidung, Quarantäne und Teleheimarbeit (Homeoffice) auslöste, scheinen sich Relationen von Zeit und Raum, von Künstlerinnen-Ich und Handlungsabläufen im Atelier noch einmal zugespitzt, ja möglicherweise ganz neu konstelliert zu haben. Das zurückgezogene Genie in der geheimnisvollen Ideenschmiede, in der Zwiesprache mit den eigenen Visionen gehalten wird? Werden die Künstler (wieder) zu jenen aus der Öffentlichkeit isolierten Persönlichkeiten, die den Dialog zwischen solitärer Innen- und Außenwelt neu entfachen? Etablierung eines Blick-Universums? Back to the roots? Oder: Revitalisierung von Atelier-Mythen, die im digitalen und zugleich unberechenbaren 21. Jahrhundert Authentizität erlangen? Re-Lektüre von Ästhetiktheorien und Atelier-Diskursen? Das Atelier als Emergency-Room?

Mit einer spontanen Neu-Konzipierung der SILOGESPRÄCHE als Online-Projekt zum Thema „Was machst Du gerade?“ oder: Bilder aus dem Atelier in Zeiten von social distancing (2020) reagieren wir auf diese Situation. Mit der Frage »Was machst Du gerade?« soll es nicht um ein voyeuristisches Interesse am privaten Leben von Künstlerinnen und Künstlern gehen. Motiviert von einem Interesse an zeitspezifischen mentalen Dispositionen in Krisenzeiten geht es vielmehr um die Auswirkungen von social distancing, d.h. von Abstandhalten auf kreatives Denken und Arbeiten, das sich nun verstärkt auf den Atelierraum fokussiert und möglicherweise eine neue Qualität von Zeit und Raum, vor allem aber eine (neue) Nähe zu den Dingen und Materialien bewirkt (Aufmerksamkeitsökonomie)?

Künstlerinnen und Künstler, die Gäste der Silogespräche in den vergangenen Jahren waren, sind gebeten worden, auf diese Frage mit einem Foto oder Essay aus dem Atelier zu antworten. Die Ergebnisse finden sich hier und auf Instagram unter @silogespraeche. Es ist eine abschließende Publikation geplant (Edition Imorde, Herbst 2020). Ankündigung als pdf.

Maria-Margaretha Modlmayr

28.09.2020

Zurzeit arbeite ich an mehreren Porträt-Projekten. Der Blick auf das Gegenüber ist für mich ein Weg, Erkenntnisse über das Hier und Jetzt und das Dasein als solches zu sammeln.

Ich verwende die Handlung des Portraitierens, um von verschiedenen Perspektiven aus, und durch das Fokussieren durch unterschiedliche Wahrnehmungsfilter - auch die Prozesse des Porträtierens selber - wahrnehmbar zu machen.

Zwei von diesen Projekten will ich kurz vorstellen:

Bei dem ersten handelt es sich um eine Langzeitstudie: Mein Modell - eine Philosophiestudentin - sitzt mir seit einem Jahr regelmäßig. Ich beobachte sie von verschiedenen Ansichten aus und male sie, während wir uns Texte zur Menschheitsgeschichte anhören bzw. sie mir kunsttheoretische und philosophische Texte aus unterschiedlichen Epochen vorliest. Bei diesem Projekt konzentriere ich mich nicht so sehr auf das mimetische Abbilden der vor mir sitzenden Person, sondern ich lenke meine Wahrnehmung darauf, möglichst auf die akustischen und visuellen Reize, die mich während der Sitzung erreichen, mit Farbauftrag und Duktus zu reagieren.

Das zweite Projekt ist auch auf eine längere Findungsphase angelegt. Es geht um das Porträt eines Bildhauers. Wir sind uns freundschaftlich verbunden, und so entstand vor einigen Jahren der Plan bzw. die Bereitschaft zu diesem Portrait-Projekt. Im Sommer dieses Jahres war dann endlich der Zeitpunkt gekommen, daran kontinuierlich zu arbeiten. Wir haben uns bis jetzt regelmäßig für kurze, aber auch lange Sitzungen in seinem Garten getroffen. Die Sitzungen sind begleitet von Gesprächen über seine Arbeiten, biographische, historische, politische, kunstgeschichtliche sowie alltägliche Themen. Sie finden auch oft im Beisein von weiteren Personen aus seinem Umfeld statt. Während dieser Begegnungen reagiere ich mit verschiedenen Zeichenmaterialien auf meine Wahrnehmung seines Gesichts, indem ich mich genauso von der Intensität der Unterhaltung in meiner Strichführung leiten lasse, als auch von dem Wunsch, die Physiognomie zu erkunden. Die Farb- und Formensprache seines eigenen Werkes inspiriert mich dazu, charakteristische Elemente davon in die Interpretation seiner Erscheinung einfließen zu lassen.

Beiden Projekten ist gemeinsam, dass ich mich zunächst intuitiv leiten lasse

von den von mir unmittelbar erlebten diversen Emotionen und Sinneseindrücken der Begegnung mit dem Gegenüber; durch sukzessive sich ansammelnde Zeichen, Spuren und Farben, die auf dem Bildträger eine Form annehmen, wird die Spannung, die diesen Begegnungen zu eigen ist, sichtbar gemacht. Im Atelier setze ich mich anschließend mit den gesammelten Eindrücken auseinander und entwickele weitere Bilder, bis das jeweilige Thema soweit ausgelotet ist, dass ein oder mehrere finale Bilder entstehen können.

Eine unmittelbare Auswirkung auf meinen Arbeitsprozess hatte die Pandemie insofern, als die für meine Arbeit wichtigen Personen mehr Zeit als sonst zur Verfügung hatten. Andere Auswirkungen waren abgebrochene laufende Ausstellungen, bzw. die Verschiebung von geplanten Ausstellungsprojekten.

Alfons Knogl

Ich hätte Anfang März sicherlich nicht geglaubt, dass die Eröffnung von mir und meinem Freund Lukas Schmenger in der artothek Köln für eine lange Zeit die letzte war, bei der viele Menschen sich ungezwungen trafen, sich umarmten und hinterher zusammen feierten. Der einige Tage später einsetzende Lockdown war dann eine ganz neue, unerwartete Realität. Ich versuche diese Realität als Ausnahme zu sehen. Im Atelier vergesse ich meist darüber überhaupt nachzudenken, was ich sehr angenehm finde. Momentan arbeite ich an zwei monografischen Publikationen, die dieses Jahr erscheinen sollen und einem Schallplatten-Release von `a certain object´, einem Musikprojekt von Holger Otten und mir.

Manfred Mohr

21.07.2020

Gerade noch rechtzeitig vor dem Lockdown konnte ich eine Reihe von größeren Digitaldrucken meiner neuen Arbeitsserie „algorithmic modulations” beenden. Natürlich waren, wie überall, alle geplanten Ausstellungen abgesagt.

Von April bis Juni war es dann wunderbar ruhig hier in meinem Atelier in New York und ich hatte viel Zeit, über 1000 Dinge nachzudenken.

Keine Meetings, keine Vernissagen, keine Begegnungen, kein NICHTS…

In aller Ruhe habe ich dann im April und Mai einen 36-seitigen Ausstellungskatalog meiner Arbeiten aus den Jahren 2016-2020 aus drei verschiedenen Galerien in Paris, Berlin und New York zusammengestellt, der hoffentlich noch in diesem Jahr gedruckt werden kann.  Auch habe ich ein visuelles Buch, ARTIFICIATA III, für einen Verleger in Südfrankreich hergestellt, das sich über 60 Seiten als visuelle Sonata aus linearen s/w-Arbeiten entwickelt.

Im April habe ich dann an einer interessanten Online-Art-Show „Post Hoc“ teilgenommen und speziell dafür eine Arbeit konzipiert.

Inzwischen scheint die angenehme Ruhe ein Ende zu nehmen, denn die Events beginnen schon wieder wild um sich zu schlagen. Obwohl hier in New York die meisten Institutionen noch geschlossen sind und Restaurants nur in Form von Straßencafés öffnen können, beginnt eine Geschäftigkeit, an die man sich inzwischen fast schon gar nicht mehr erinnert.

Fünf Ausstellungen stehen nun an, davon sind einige inzwischen schon eröffnet.

Evanthia Tsantila

14.07.2020

So wie viele KünstlerInnen bewege auch ich mich mit meiner Arbeit ständig zwischen mehreren europäischen Ländern. Auch beim Ausbruch des Coronavirus war ich unterwegs.

Mein Atelier in Berlin war ruhig. In der künstlerischen Praxis gibt es immer eine Zeit der Stille, aber gibt es keine verlorene Zeit. Und noch mehr, das mehrdeutige "Dazwischen" erweist sich oft als eine aufschlussreich Zeit, da es uns die wertvolle Distanz und die notwendigen Voraussetzungen zum Nachdenken gibt.

In Krisenzeiten, in denen die Dinge unscharf und schwer fassbar werden, kann nichts den sozialen Zusammenhalt stärker halten, als unsere Nähe zum Geistigen, zur Kunst.

Seit dem Ausbruch der Pandemie sind wir über die verheerenden Auswirkungen des Coronavirus auf das menschliche Leben tief erschüttert.

Die ganze Welt ist unmittelbar mit den brutalen wirtschaftlichen, politischen und sozialen Konsequenzen konfrontiert. Die globale Verlangsamung und der Lockdown verunsichert die gewohnten Mittel und Wege der KünstlerInnen. Das Leben wurde und wird aufgrund von Vesrchiebungen oder Stornierungen von Projekten und Ausstellungen sowie aufgrund von Reisen und anderen Einschränkungen äußerst kompliziert und - prekär.

Viele Kunstinstitutionen und Kulturschaffende bemühen sich, ihre Aktivitäten online aufrechtzuerhalten, und laden zu “Treffen” im Internet ein.

Es stellt sich jedoch heraus, dass das Bedürfnis der Menschen nach physischer Nähe stark ist und unsere Begegnung mit Kunst im physischen sozialen Raum nicht ersetzt werden kann. Zumindest noch nicht.

Zeit und Raum sind grundlegende Elemente des menschlichen Tuns, deshalb auch des Kreativen - und des Wahrnehmungsprozesses der Kunst. Ein Kunstwerk braucht so viel Zeit wie nötig, um kreiert zu warden. Und wenn es bereit ist, wird es im tatsächlichen Hier und Jetzt präsentiert, auch um seine soziale Rolle zu erfüllen. Der künstlerische Akt mit seinen Formen und seinen ästhetischen Gedanken trägt das Material seiner sozio-historischen Erfahrung.

Vor der Pandemie gab es intensive öffentliche Diskussionen über Menschenrechte, Migration, Nationalismus, Umweltschutz, nachhaltige Energien, Digital-Kapitalismus, Post-Kolonialismus, “Kreativindustrien”, Digitalisierung, Fake News, Datenschutz usw.

Wie werden wir diese Diskussionen voranbringen? Was kommt jetzt als nächstes und wie schnell?

Sind die aktuellen Bedingungen der Pandemie — der Sicherheitswahn, die Angst vor dem Tod, die Bedrohung von Arbeitslosigkeit und Armut oder sonst noch etwas Unvorhersehbares— ausreichend, jetzt radikale Veränderungen umzusetzen?

Sind wir für all’das überhaupt bereit? Wollen wir das?

Wird das Digitale den physischen Raum und die Formen des Sozialen - die Rituale und die Praktiken, den Protest und das soziale Engagement - total abschaffen und ersetzen, mit allen Konsequenzen die sich auf Freiheit, Privatsphäre, Menschenrechte und Gerechtigkeit beziehen?

Ist es zu spät, um die Folgen der katastrophalen Kombination von Geschwindigkeit und Ego umzukehren?

Und wie stellen wir uns dann die Eigenschaften, die Auswirkungen und die soziale Rolle der Kunst vor?

Da die Gegenwart nicht mehr offensichtlich ist, ist es sicherlich schwierig, zugleich aber notwendig, sich wieder eine Zukunft vorzustellen. Hier liegt die Rolle der Kunst. Kunst zielt darauf ab, Gedanken und Gefühle zu bewegen, die verschwommenen und die fließenden zu erleuchten und hinterfragen, und Formen von Widerstand und Freiheit zu schaffen.

Eva Weinert

07.07.2020

Ich halte Abstand und weiche aus, tue, was ansteht und was geht.
Eine raumbezogene Arbeit, die ich noch im Februar in einem Ausstellungsraum in Essen aufgebaut hatte, steht dort immer noch. Diese Zeit scheint wie eingefroren.
Zu Beginn der Berichterstattung über die Ausbreitung und Gefahren des Virus hatte ich mein Atelier in meine Wohnung verlegt. Ich habe gezeichnet. Meine Arbeit hat sich unter den Bedingungen der räumlichen Beschränkung auf der Fläche zusammengezogen. Langsam habe ich meinen Arbeitsbereich wieder ins Atelier ausgeweitet. Die Strecke zwischen Wohnung und Atelier führt mit dem Fahrrad auf einer extrem öden Verkehrsachse durch Düsseldorf. Ich liebe die Stille auf der sonst so verkehrsreichen Straße. Unter den Bedingungen der Kontaktbeschränkungen hat sich meine Wahrnehmung und Aufmerksamkeit für die Umgebung verschärft. Das Atelier gibt mir Ruhe, die Arbeit dort Kraft und Hoffnung, dass sich der Horizont einmal wieder weitet. Meine Gedanken gehen jetzt in den Raum. Ich plane eine Installation.
Weniger die Produktionsbedingungen im Atelier, als die Möglichkeiten der Kommunikation, und der Herstellung von Öffentlichkeit haben sich verändert. Die Arbeit am Computer durchsetzt den Alltag, der Strom der Nachrichten reißt nicht ab. Die Digitalisierung kann die unmittelbare Begegnung mit Kunst und Menschen nicht ersetzten, erscheint mir als eine notdürftige, mitunter bedrückende Lösung. Inwieweit diese Bedingungen und die aktuellen Erfahrungen nicht nur den Ausstellungsbetrieb, sondern auch meine Arbeiten verändern werden, wird sich zeigen.

Christiane Löhr

30.06.2020

Seit einigen Tagen bin ich in Köln, aber die letzten vier Monate habe ich in Italien, in Gricigliana bei Prato verbracht, von da möchte ich berichten.

Vier Monate war ich noch nie am Stück in meiner zweiten Heimat. In den letzten Jahren war das Leben ein 'Galopp', viele Reisen, ein Projekt nach dem anderen, immer unterwegs zwischen Köln, der Nordtoskana und den Ausstellungsorten.

Mein letzter Aufbau in Mailand, in der Kirche und Galerie San Fedele Ende Februar, wurde von den 'Corona'-Ereignissen jäh unterbrochen. Damals hatte man noch überhaupt nichts kapiert. Ich erinnere mich, dass ich mit dem Pater vereinbarte, die Eröffnung zwei Wochen später zu machen- seitdem hängt die Hälfte der Ausstellung in dunklen Räumen. Anfang Oktober sollen die Fäden wieder aufgenommen werden.

In den darauf folgenden Monaten: Ruhiges Arbeiten im Atelier und ein sehr schwieriger Endspurt für meine Monografie, die im Mai erscheinen sollte. Nach einer Phase der Verwirrung haben wir die Kurve bekommen und konnten die Arbeit wieder aufnehmen, auch wenn sehr viel umständlicher als unter normalen Bedingungen. Am Ende war es ein Glück, hart abgebremst nochmal in das Buch hineinzutauchen und ich bin mir sicher, dass es anders- weniger stimmig- geworden wäre ohne diese seltsame Phase der stehengebliebenen Zeit.

Jeder Morgen war gleich, die Tage flossen dahin. Am Ort sein, schauen, hören, Veränderungen wahrnehmen- die Bewegungen in den Pflanzen im unglaublich kraftvollen Frühling und das Trocknen der Tusche auf dem Papier. Es war dieser intensive Moment, sich ohne eine Idee von 'Zukunft' im Raum zu bewegen.

Therese Weber

23.06.2020

 

Frottagen von Kämpfern, Pferden, Kamelen, Schiffen und Wagen bevölkern zurzeit mein Atelier. Woher kommen die Gäste?

 

Felsen, Steine und die Zeichnungen, die vor Jahrtausenden von Nomaden und Händlern eingraviert wurden in der Wüste Nefud und am westlichen Ausläufer der Rub al-Chali Wüste auf der arabischen Halbinsel, dominieren meinen Prozess im Atelier. Werke, die in der Zeit vom 19.02 bis 05.04 2020 vor Ort entstanden sind und Material, das ich während der Recherche in der Wüste gesammelt habe. Erfahrungen in diesem weiten und offenen Weltenraum sind für mich wie Bibliotheken unter freiem Himmel oder Räume als kulturelles Gedächtnis. Sie bilden einen Vektor zur Reflexion über Zivilisationen, Klimawandel, Wirtschaftsformen und politischen Modellen. Gleichzeitig regen sie an zum Denken und Imaginieren in neuen Zusammenhängen. Diese umzuformen und im erweiterten Kontext zu visualisieren und in meinem künstlerischen Vokabular einzuordnen, ist Gegenstand der momentanen Auseinandersetzung.

Die Situation vor Ort, war in dieser Zeitspanne etwas riskant, doch die Unendlichkeit der Wüste schützte mich vor Isolationsmassnahmen.

 

Frottagen von Petroglyphen dokumentieren Ereignisse Jahrtausende alter Kulturen bis zurück in die Bronzezeit. Einige sind Palimpseste mit Spuren und Zeichen bis in die Gegenwart, die nebst ihrem narrativen Charakter auch für die Forschung in historischer und anthropologischer Anschauung relevant sind. Zusammen mit den Fotografien und Steinformationen, bilden sie den Rohstoff für die künstlerische Weiterentwicklung.

Anhand dieses Fundus aus der Aussenwelt gehe ich diversen Fragestellungen nach, um die vorerst undefinierten Zusammenhängen zu dechiffrieren und in einen neuen Kontext zu bringen, für bildliche Darstellungen und Objekte.

 

Zusammenführung der verschiedenen Vegetationsformen seit dem Neolithikum? 

Funktion und Verortung der Tiere?

Erste Mobilität und deren Veränderung?

Material und Werkzeug für die Bewältigung des Alltags und dessen Gefahren?

Dies in Relevanz zu: Figur/Inhalt, Material/Textur, Überlagerung/Palimpsest, Form/Gestalt, Format/Technik, Farbe/Struktur.

 

Nebst anderen Interessensbereichen befasse ich mich seit etlichen Jahren mit Petroglyphen in Zentralasien, dem Kaukasus und neu der arabischen Halbinsel. Nebst den Motiven und Techniken in den verschiedenen Gegenden, ändert sich auch der kulturhistorische Kontext und gibt Aufschluss über soziale, anthropologische, geografische und geologische Konstellationen, Transithandel, Fauna und Flora bis in die Gegenwart. Diese Faktoren motivieren mich kontinuierlich tiefer zu ‘graben’.

 

Ebenso Gegenstand der täglichen Auseinandersetzung ist das Buchprojekt ‘Buch im Buch’, BiB.

Bild und Text gehen eine Verbindung ein indem der visuellen Betrachtungsweise der sprachliche Kontext gegenübersteht. Das Buch geht wissenschaftlichen Fragen nach und ist parallel ein Medium zur Bewahrung von Erinnerungen. Das Projekt mit der Verlagerung des Ateliers in ferne Kulturräume über mehrere Zeiträume synchronisiert diese Zeitreise, geht manchmal auch Rätselhaftem nach und öffnet ein neues Vokabular. Der ‘Stoff’ dazu ist gebündelt!

Im Fokus ist auch die für November geplante Einzelausstellung in der Schweiz mit noch zu definierendem Thema.

 

Zwischendurch geht mein Blick zum Berg Pilatus oder auf der gegenüberliegenden Seite des Ateliers zu den vorbeifahrenden Zügen Richtung Süden. Heute, wo in vielen Gegenden der Welt die Zahlen der COVID-19 Fälle wieder steigen, empfinde ich es als ein Privileg mich dieser umfassenden, spannenden Auseinandersetzung widmen zu können.

Michel Sauer

09.06.2020

Mein Atelier ist überall in der Wohnung, Ateliermieten sind zu teuer.

Hier gibt es die unterschiedlichen Orte für eine Arbeit, die keine Voraussetzungen hat, ausser Zeit und Geduld.

Hier kann ich zu jeder Tages- und Nachtzeit tätig sein, kurze oder lange Pausen machen oder aufhören und raus gehen.

Im Arbeits-Raum egal wie groß, konkretisieren sich Außen- und Innenwelt, Experiment und Ergebnis.

Ich will im Spiel ausloten und entscheiden was unter gegebenen Umständen möglich ist.

Gewöhnlich beschäftigen mich gleichzeitig mehrere Projekte über verschieden lange Zeiträume.

In der Gegenwart abgeschlossener und aktueller Arbeiten beobachte ich das anhaltende Gespräch zwischen den Dingen.

Wenn Teile mein Atelier verlassen, kommunizieren sie mit ihrer neuen Umgebung.

Die eigene Sammlung wächst überproportional, einen vollkommen leeren Raum gibt es nicht. 

Die verordnete Isolation erscheint im Atelier als Normalzustand.

Heiner Thiel

26.05.2020

Nach langer Vorarbeit im Atelier (s. Bild u. hier verlinktes Video: tinyurl.com/y97rjnjo) - noch zu „nicht Corona Zeiten“ - ist gerade vor ein paar Tagen ein großes Konvolut neuer Objekte vom Eloxieren zurückgekommen, die jetzt alle fertig bearbeitet werden müssen. Somit bin ich die nächsten Wochen in einer selbst auferlegten „splendid isolation“....

 

Für mich als „Bildhauer/Objektemacher“ ist allerdings eine virtuelle Auseinandersetzung mit plastischen Gegebenheiten (wie sie ja jetzt überall im Netz zu beobachten ist) sehr problematisch, da hier die Wahrnehmung der tatsächlichen, räumlichen Präsenz des Objekts, das „Raumgefühl“ verloren geht!

 

Was ich zur Zeit sehr vermisse, ist der direkte Austausch mit Kolleginnen und Kollegen. Gerade für meine kuratorische Tätigkeit ist der Dialog in den Ateliers sehr essentiell. Virtuelle „Rundgänge“, „Atelierbesuche“ und „online-chats“ können allenfalls - als temporäre Notlösung - einen kleinen Einblick geben und im besten Falle „Lust auf mehr“ erzeugen, einen direkten Dialog mit dem Besucher, Kollegen, Sammler etc. ersetzen sie nicht. Daher macht es Hoffnung, dass Museen, Galerien und Kunstvereine jetzt, wenn auch eingeschränkt, wieder öffnen.

 

Die Aussicht allerdings, dass bis auf Weiteres größere Gruppen- und Themenausstellungen ( wie z.B. das von mir und meinem Freund und Kollegen Michael Post kuratierte Projekt „embodying colour“; s. Video: tinyurl.com/y82jsf8g) eher nicht oder nur eingeschränkt möglich sein werden, bereitet mir daher schon Sorgen….

Karsten Bott
Karsten Bott mit Maske vor der Sortieranlage in seinem Archiv für Gegenwarts-Geschichte
Karsten Bott beim Fotografieren an der Hohlkehle für ein neues Lexikon der Dinge

Essen, 19.05.2020

Uschi Huber

12.05.2020

Mein Atelier befindet sich in einem der beiden Türme des Kunsthaus Rhenania in Köln, aus dem Fenster kann ich auf ein Hafenbecken blicken. Ich schätze diesen Ort sehr und verbringe hier im Augenblick möglichst viel Zeit. Zum einen erlaubt mir das ein Forschungsfreisemester, zum anderen liegt das auch an der allgemeinen Verlangsamung auf Grund der Corona- Einschränkungen. Leider können einzelne Projekte nicht stattfinden, aber ich gewöhne mich gerade an den Freiraum, jetzt mehr ins Ungewisse hinein zu arbeiten. Das erzeugt eine andere, offenere Art der Konzentration für das Material und die Themen, mit denen ich mich fotografisch und filmisch beschäftige.  

In den letzten drei Jahren war ich künstlerisch intensiv mit Projekten im öffentlichen Raum beschäftigt (StadtLabor Köln, gemeinsam mit Boris Sieverts) und viel im Stadtraum unterwegs. Jetzt habe ich im Atelier plötzlich Zeit, in mein analoges und digitales Archiv zu blicken, Material auszusortieren und manches neu einzuschätzen oder weiter zu bearbeiten. In dieser Situation kann man sich einen Überblick verschaffen. Das Atelier funktioniert für mich aber weiterhin nicht so sehr als Rückzugsort, sondern wie ein Scharnier zwischen innen und aussen. 

Gerade verfolge ich verschiedene Projekte, zum Beispiel arbeite ich an einem Wettbewerbsentwurf für ein öffentliches Plakatwand-Projekt des Kulturamts Köln. Andere neue Arbeiten, die ich gerade weiter entwickele sind die Posterserie ‘Formationen’, und die Videoinstallation ‘Die Idee einer Schönheit’.

Thomas Stricker

5. Mai 2020

HOME-ATELIER

auf der Veranda mit Blick in den Garten in Düsseldorf.

 

Aus familiärer und gesellschaftlicher Solidarität und, um der gewohnten Isolation im Atelier in dieser herausfordernden Zeit einen anderen Raum zu geben, hab ich mich seit 7 Wochen ins Home-Atelier begeben.

Da arbeite ich, neben Projekten in Monheim, Berlin und in Namibia, die ich parallel vorantreibe, an einem grossen Bodenmosaik für die Deutsche Botschaft in Islamabad. Und freue mich jeden Tag, wie künstlerische Realitäten und menschliche Nähe auch in Zeiten von sozialer Distanz, über digitale Medien, umgesetzt und hergestellt werden können.

Dorothea Reese-Heim

28. April 2020

Frage: Was machst du gerade?

Im Moment beschäftige ich mich mit der Fortsetzung von schon durchgeführten Installationen. Das selbst gestellte Thema war und ist: „Nahe an der Grenze zum Schatten“, ein Zwischenbereich zwischen Licht und Dunkelheit, was passiert da.

Materialien reagieren unterschiedlich auf Lichtquellen, dies gilt es zu untersuchen.

D.h. mit Licht zu arbeiten, Tageslicht, Mischlicht Schwarzlicht, bedeutet auch den Schatten nicht zu vergessen. Der Schatten als Zwischenbereich eines dreidimensionalen Objekts, als zweidimensionales Spiegelbild. Die Form wird verändert. Der Schatten verzerrt oder verzieht die Form, es überschneiden sich Linien und Kreise in der Fläche, Kreise werden zu Ovalen, die sie nicht sind.

Farbige Schatten zu erzeugen, dem Schatten eine Farbe zuzuordnen, das geht nur über das Material und eine entsprechende Lichtquelle. Der Zwischenbereich zwischen Licht und Dunkelheit, zwischen Tag und Nacht. Wie die Dämmerung, die erlebt man am längsten in den nördlichsten Ländern. Man nennt es „Blaue Stunde“. Dieser Zwischenbereich hat etwas Magisches und lässt sich künstlich erzeugen über die Bestrahlung mit UV Licht.

Das Arbeiten mit Licht ist umfangreich und komplex – und nicht frei von Faszinationen. Farbumkehrung und Lichtführung mit Schwarzlicht verstärkt die Imagination.

Von nüchtern kalt bis schwebend auflösend verändern sich die Werkstoffe. Aber auch der Schatten verwandelt sich und bringt die Form zum Schweben. Nebenformen, wie die linearen Versorgungsleitungen werden zu verbindenden Transportmitteln.

Meine Wand im Atelier ist bestückt mit unterschiedlichen Materialien und Strukturen. Alles sind Versuche Flächen neu zu organisieren. Was gibt es daran zu entdecken, wo sind die Zwischenbereiche.

The University for the Information Society