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Detailaufnahme aus dem Werkstattbereich des Silos. Foto Lisa Kuntze-Fechner. Bildinformationen anzeigen
Treppenaufgang Silogebäude Foto: S. Henning Bildinformationen anzeigen
Schloss Corvey, karolingische Wandmalereifragmente Foto: R. Wakup. Bildinformationen anzeigen
Detailaufnahme aus dem Werkstattbereich des Silos. Foto Lisa Kuntze-Fechner. Bildinformationen anzeigen
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Detailaufnahme aus dem Werkstattbereich des Silos. Foto Lisa Kuntze-Fechner.

Treppenaufgang Silogebäude Foto: S. Henning

Schloss Corvey, karolingische Wandmalereifragmente Foto: R. Wakup.

Detailaufnahme aus dem Werkstattbereich des Silos. Foto Lisa Kuntze-Fechner.

Detailaufnahme aus dem Werkstattbereich des Silos. Foto Lisa Kuntze-Fechner.

SILOGESPRÄCHE

Die SILOGESPRÄCHE wurden 2007 ins Leben gerufen und bieten unter wechselnden Fragestellungen ein Forum für künstlerische, kunstwissenschaftliche und kunstpädagogische Auseinandersetzungen. Mit Vorträgen, Diskussionen und Künstlergesprächen öffnet sich das Fach Kunst dem universitären Diskurs und einer interessierten Öffentlichkeit.

Sommersemester 2021: Tischruinen

Reihentext: Tischruinen

In vielen künstlerischen Arbeiten der Gegenwartskunst erscheint der Tisch als Möbel, Modell oder Motiv. Der Tisch ist Anlass für regelmäßige Zusammentreffen, Treffpunkt sozialer Veranstaltungen, Träger von Dingen und Objekten und Fläche für Einschreibungen. Er strukturiert Handlungsabläufe und reglementiert soziale Ordnungen.  
Einen Großteil unserer Zeit verbringen wir an Tischen - der Tisch ist dadurch immer auch Teil der eigenen Lebensgeschichte.

In der Fortsetzung der Reihe „Atelier im 21. Jahrhundert“ nehmen wir die „Große Tischruine“ des Schweizer Künstlers Dieter Roth (1930-1998) als Referenz für eine künstlerisch-kuratorische Reflexion des aktuellen Atelierinterieurs von Künstler*innen und damit eng verschaltete Handlungs- und Denkweisen. Ausgangspunkt für die inzwischen ins Monumentale angewachsene Rauminstallation, mit der Roth
2002 posthum auf der Documenta 11 in Kassel vertreten war, war ein einzelner Ateliertisch. Roths Auffassung, dass ein Kunstwerk niemals zu seiner endgültigen Form findet, löst dadurch den Blick von der evidenten Materialvielfalt des Schau-Tischs und macht auf diese Weise grundsätzliche Prozesse von Zeit und Raum als das Nicht-Fassbare, Entgleitende, Abfallende sichtbar.

Die „Tischruinen“ nehmen wir daher zum Anlass, um gemeinsam mit Künstler*innen und Wissenschaftler*innen ein Gespräch über Kontingenz und Kohärenz einer künstlerischen Haltung zu sprechen, d.h. auch Umwege, Brüche, Verschiebungen und Neuerungen gleichbedeutend in den Blick zu nehmen. Welche Rolle dafür das Atelier als Denk-,
Produktions- und (Re-)Präsentationsraum, aber auch der Tisch als Dispositiv und Display besonders in Zeiten von Lockdown und Social Distancing einnimmt bzw. haben kann, ist nur eine Perspektive, die wir eröffnen und gemeinsam mit den Gästen, den Studierenden und einer interessierten Öffentlichkeit diskutieren möchten.

04.05.2021 - Ina Jessen (Hamburg): „a kind of laboratory, to search for the beauty in nothing”. Zur Tischmatte von Dieter Roth
18.05.2021 - Erika Hock (Köln)
08.06.2021 - Alfons Knogl (Köln): Coffee Tables - Schnittstellen zwischen Skulptur und Objekt
15.06.2021 - Andreas Mader (Winterthur)
20.07.2021 - Andreas Fischer (Düsseldorf)

Wintersemester 2020/21: Besuch im Atelier des 21. Jahrhunderts

Reihentext: Besuch im Atelier des 21. Jahrhunderts

„BESUCH IM ATELIER IM 21. JAHRHUNDERT“ Wintersemester 2020/21

Was bedeutet der Einzug der sogenannten „Digitalen Revolution“ in die Ateliers von Künstlerinnen und Künstlern der Gegenwart? Inwieweit dominiert und homogenisiert der Computer zunehmend den Atelierraum? 

Wie prägt die Digitaltechnik den Atelieralltag und verschiebt dadurch Gewichtungen innerhalb des Ateliers? Ist das Atelier zugleich Unternehmen, Werkstatt, Labor, Archiv und Büro und setzt Künstlerinnen und Künstler dadurch auch unter einen enormen Organisationsdruck?

Diese und weitere Fragen standen zu Beginn des Jahres im Mittelpunkt der Überlegungen zu den Silogesprächen im Sommersemester 2020: 

„ATELIER IM 21. JAHRUNDERT - Offen, Digital, Spezialisiert?“ sollte ein produktiver Austausch mit Künstlerinnen und Künstlern aus unterschiedlichen Bereichen, Genres und Gattungen, mit internationalen Kuratorinnen und Kuratoren sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern über den vielschichtigen Strukturwandel des Ateliers eröffnet werden. Beabsichtigt war, mit dieser Reihe thematisch zugleich an die Silogespräche von 2011/12 „Vier Wände und ein Oberlicht“ anzuknüpfen und strukturelle Entwicklungen von künstlerischer Produktion, Identität und Raum in den Blick zu nehmen. 

Denn unbestritten ist, dass im Zuge von Globalisierung und Digitalisierung die Atelierform eine tiefgreifende Umgestaltung erfahren hat, womit Tendenzen von Spezialisierung und Ausdifferenzierung sowie rigide Exklusionsmechanismen eng verbunden sind, zugleich aber auch Kohärenzen und Konstanzen sichtbar werden.

Und dann kam Corona. Alles stand für lange Zeit sehr still. 

Universitäten, Museen und Galerien waren geschlossen, Kunstmessen wurden abgesagt, Arbeitsplätze im Kunstbetrieb gingen verloren. Die Wirklichkeit sah und sieht für viele Kunstschaffende dramatisch aus; die Zukunft gestaltet sich noch unsicherer. Die Krise hat aber auch zu Solidarität geführt, neue kreative Räume eröffnet und auch ein kritisches Nachdenken über bestehende institutionelle Strukturen und Mechanismen initiiert. Für das Sommersemester 2020 haben wir spontan auf die neue, zugleich immens einschränkende und vielfach existenziell fatale Situation durch Covid-19 reagiert: Künstlerinnen und Künstler der bisherigen Veranstaltungen der Silogespräche wurden gebeten, aktuelle Essays aus ihrem Atelier zu senden, mit dem Ziel, Auswirkungen und Folgen des Shutdowns sichtbar zu machen.

Darüber hinaus möchten wir mit der aktuellen Ausgabe der Silogespräche im Wintersemester 20/21 an die Verschaltung von digitalem Strukturwandel und kreativer Produktion ansetzen, dabei vor allem den „Besuch" näher in den Blick nehmen. Auffällig in kunst-, kultur- und medienwissenschaftlichen Abhandlungen über das Künstleratelier ist, dass Aussagen und Beschreibungen vielfach eng an einen „Besuch“ geknüpft sind, zugleich aber unklar ist, welche Kriterien dafür ausschlaggebend sind und methodisch zugrunde gelegt werden. Wie kommt ein Besuch im Atelier überhaupt zustande (Gastfreundschaft, Bekanntschaft, Einladung), was sind die Hintergründe und auf welcher Basis findet er statt (Eröffnung, Interview)? Inwieweit prägt der Atelierbesuch zugleich die Sicht von Autor*innen und lenkt so die Aussagen und damit auch eine Atelierikonografie, die zugleich Eingang in den wissenschaftlichen Diskurs findet? Was bedeutet es gleichzeitig für Künstlerinnen und Künstler, jemanden ins Atelier einzulassen und Einblicke in die oft sehr intimen Produktionsweisen zu gewähren? Wo fängt die Inszenierung an und wann setzt ein voyeuristisches Interesse ein? Und: wer hat es in der Hand, was, wie dargestellt wird?

Gemeinsam mit Künstler*innen und Wissenschaftler*innen wollen uns daher in den aktuellen Silogesprächen mit beiden thematischen Schwerpunkten intensiver beschäftigen und haben Gäste aus unterschiedlichen Disziplinen und künstlerischen Gattungen eingeladen.

10.11.2020 - Prof. Dr. Stefanie Bürkle (Berlin)

Die „Silogespräche“ des Fachs Kunst zum Thema „Der Besuch im Atelier des 21. Jahrhunderts“ starten am 10. November um 16 Uhr als Online-Veranstaltung. Zu Gast ist Prof. Dr. Stefanie Bürkle, Künstlerin und Professorin für Bildende Kunst an der TU Berlin.

Im Gespräch mit Prof. Dr. Sabiene Autsch und Studierenden des kunstwissenschaftlichen Seminars „Der Besuch im Atelier“ erörtert Stefanie Bürkle die prinzipielle Vergleichbarkeit von Atelier- und Laborräumen, die sie im Rahmen ihres Kunst- und Forschungsprojekts „Labor und Atelier, Werkstätten des Wissens“ zwei Jahre lang untersuchte. Mit analogen Großbild- und Mittelformatkameras besuchte sie rund 30 Berliner Künstlerateliers und naturwissenschaftliche Forschungseinrichtungen. Ihre fotografischen Raumporträts, menschenleer, zugleich aber angefüllt mit diversen Materialien, Dingen, Werkzeugen, Tischen und Regalen, fokussieren produktions- und raumspezifische Verbindungen zwischen Atelier und Labor.

Doch: was ist was? Unsere Zuschreibungen und Vorstellungen von Atelier (= Unordnung und Improvisiertes) und Labor (= Geplantes und Strukturiertes) geraten beim Betrachten der nebeneinander beziehungsweise gegenüber positionierten Arbeiten im gleichnamigen Bildband oder der wohlkalkulierten Ausstellungshängungen komplett durcheinander. Und so stellt sich beim Betrachten schnell eine Art Suchbildmentalität ein: Ist das jetzt das Atelier eine*r Künstler*in? Oder ein wissenschaftliches Labor? Was findet man auf Bild 1, was auf Bild 2 nicht zu finden ist?

Während Atelier und Labor, Denken und Schaffen durch die Gegenüberstellung in den direkten Vergleich geraten und so das Experimentelle und Prozesshafte für beide Räume sichtbar machen, ist es für die Betrachter*innen gleichzeitig zunehmend unmöglich, die institutionell verschiedenen Architekturen und die jeweiligen Ausprägungen von prozessual-ergebnisoffener  und strukturierter Denk- und Wissensproduktion auseinander zu halten. Atelier und Labor als „moderne Wunderkammern“, zu denen der Zutritt oftmals gar nicht möglich ist, vieles ungesehen und nahezu geheimnisvoll abläuft, werden durch die fotografisch-dokumentarische Praxis einerseits in ihrer Fremdheit und Wundersamkeit geradezu entlarvt, andererseits in ihrer Inszenierung auratisiert. Und so erscheint die fotografische Serie von Stefanie Bürkle selbst als eine experimentelle Versuchsanordnung, die aus dem Oszillieren zwischen Kunst und Wissenschaft, zwischen künstlerischen und wissenschaftlichen Methoden entwickelt wurde und darüber neue Lesarten eröffnet. 

24.11.2020 - Heiner Thiel (Wiesbaden)

Am 24.11.2020 finden die Silogespräche mit dem Bildhauer Heiner Thiel als Online-Veranstaltung von 16 - 18 Uhr statt.

Im Gespräch mit Prof. Dr. Sabiene Autsch und den Studierenden geht es um die spezifische künstlerische Produktionsweise von Heiner Thiel, die nur zum Teil im Atelier realisiert wird. War es in den 1970er Jahren noch vor allem Bronzeguss, der den Künstler faszinierte, begann er in den 1980er Jahren mit Stahlblechen zu experimentieren, die er in einem komplexen malerischen Verfahren vorbehandelte. Diese Stahlbleche formte er dann zu abstrakten Wandreliefs. Ende der 90er Jahre entstehen Arbeiten aus Aluminiumblechen, die entweder konkav oder konvex geformt sind und mit einem Farbauftrag versehen werden. Der Farbauftrag erfolgt durch Eloxierung und ist nur 20 Tausendstel Millimeter dick. Auch die Herstellung und Vorbearbeitung der Aluminiumbleche wird industriell ausgeführt. Dabei handelt es sich um Teile von großen Kugelelementen, die für die Industrie benötigt werden. Die künstlerische Arbeit von Heiner Thiel, die wichtige Impulse aus konkreter Kunst und Minimalismus erfahren hat und auf einem konzeptuellen Denken basiert, ist ohne den Einsatz moderner Technologien und industrieller Verfahren nicht realisierbar: Eine Maschine schleift die Oberfläche ab, eine weitere biegt flache Aluminiumbleche, ein chemisches Bad eloxiert die Farbe. Der Künstler setzt außerdem den Computer ein und bestimmt durch digitale Modellierung die Radien, Formen und Farben; er poliert die Oberflächen und schleift die Enden des durch und durch industriellen Produkts. In den Schaukontexten entfalten die monochromen Werke durch Einwirkung von Licht und Schatten vielfältige Resonanzen und bewirken neue Wahrnehmungserlebnisse in den Grenzbereichen von Skulptur und Malerei, Relief und Körper, Kontemplation und Interaktion, Zwei- und Dreidimensionalität.

Digitalisierung, Outsourcing, Arbeitsteilung, Dienstleistung – Begriffe, die wir aus der Wirtschaft kennen, haben schon seit langem Einzug in die Kunst und in die künstlerische Produktion gefunden. Doch wie wirken sich Aus- und Verlagerung von kreativen Aktivitäten auf das künstlerische Denken und Handeln aus? In welcher Weise bestimmen Fremdbezug, also der Auszug des Modells aus dem Atelier und seine Rückkehr bzw. sein Wiedereinzug als nahezu abgeschlossene künstlerische Arbeit zugleich die Nähe des Künstlers zu seiner Arbeit, die immer auch geprägt ist durch Experimente, Prozesse, Momente von Scheitern und Neubeginn? Wie verändern diese Strukturen zugleich die Architektur des Ateliers, das clean, durchrationalisiert, aufgeräumt anmutet und mehr Büro als Alchemistenküche oder Labor zu sein scheint? Und: Inwiefern sind Prozesse von Outsourcing ebenso wie Idee und Konzept, Ausstellung und Katalog integrierte Bestandteile der künstlerischen Arbeit, die zu einer Neubestimmung von Kunstbegriff, Produktionsverfahren und Atelier im 21. Jahrhundert auffordern?

01.12.2020 - Johannes Bendzulla (Düsseldorf)
Foto (Johannes Bendzulla privat): Johannes Bendzulla: Delusional Self Portrait 2018.

Im dritten Teil der digitalen „Silogespräche“ des Fachs Kunst zum Thema „Der Besuch im Atelier des 21. Jahrhunderts“ gibt der Düsseldorfer Künstler Johannes Bendzulla am 1. Dezember ab 18 Uhr Einblicke in seine Arbeit.

Im Gespräch mit Prof. Max Schulze und den Studierenden geht es um Bendzullas künstlerische Arbeit, welche die Auswirkungen einer immer stärker digital geprägten Gegenwart auf unsere Bildkultur reflektiert. Dabei greift der Künstler häufig auf Material kommerzieller Bilddatenbanken zurück. Johannes Bendzullas Arbeiten verschränken dabei die Authentizitätsansprüche künstlerischer Arbeit und zeitgenössischer Unternehmerschaft mithilfe simulierter und echter Materialität. Er verwendet klassische künstlerische Materialien wie Büttenpapier und Holz ebenso wie idealtypische Werbebilder und Slogans, aber auch computergestützte Algorithmen, die ganze Bildserien generieren und dabei ihre eigene Materialität zur Schau stellen.

15.12.2020 - Christine Moldrickx (Amsterdam)
Foto (Christine Moldrickx): Kunstwerk von Christine Moldrickx.

Im vierten Teil der digitalen „Silogespräche“ des Fachs Kunst zum Thema „Der Besuch im Atelier des 21. Jahrhunderts“ gibt die Amsterdamer Künstlerin Christine Moldrickx am 15. Dezember ab 18 Uhr Einblicke in ihre Arbeit.

„Als ich einmal versucht habe, den von einer Kuh zu einem komplexen Gebilde geleckten Salzstein in Ton nachzuformen und daran scheiterte, habe ich etwas verstanden: Es ist wichtig, dass die weichen Höhlungen des Steins über Wochen hinweg von einer Zunge geformt wurden. Und wenn ich dieses Gebilde als ein poetisches wahrnehmen möchte, braucht es die Rinderzunge, das Feld und Zeit.“ In ihren Arbeiten geht Christine Moldrickx den Fragen nach, wie ein Kunstwerk den Problemdruck seiner eigenen Entstehung reflektieren kann und wie ein Werk in einem Raum geschaffen werden und dann selbst einer werden kann.

12.01.2021 - Prof. Dr. Knut Ebeling (Berlin)

Im fünften Teil der digitalen „Silogespräche“ des Fachs Kunst zum Thema „Besuch im Atelier des 21. Jahrhunderts“ spricht Prof. Dr. Knut Ebeling von der Weißensee Kunsthochschule Berlin am Dienstag, 12. Januar, ab 16 Uhr über „Matisse. Zur Codierung einer zitternden Hand im Atelier“.

Im 20. Jahrhundert liefen große Teile der Codierung der Malerei, die heute über Instagram geschieht, über das Medium des Films. Ein prominentes Beispiel dieser Codierung ist ein klassischer Dokumentarfilm über Henri Matisse von François Campaux von 1946, der beispielsweise auf der ersten Documenta gezeigt wurde – und der die klassische Schlüssellochperspektive des Blicks ins Künstleratelier durch die Kameralinse vertauscht. Der 26-minütige Film, der in Vence und Paris gedreht wurde, zeichnet das Issy-Studio des Künstlers auf, in dem der Künstler einige der größten Werke der Zeit von 1913 bis 1917 schuf. Der Besuch des Künstlerateliers mit der Kamera untersucht auch faszinierende Aspekte seiner Arbeitsprozesse. Matisse zeigt eine ähnlich genaue Sorge um die wesentliche Form einer Komposition und ihre Platzierung auf einer Leinwand oder einem Blatt. Diese klassische Codierung der Malerei ist nicht nur deshalb von Interesse, weil sie erst nach dem Zeitalter des Films heute von uns verstanden werden kann, sondern weil die ersten Blicke auf den Film von Maurice Merleau-Ponty und Jacques Lacan geworfen wurden. Im Gespräch mit Prof. Dr. Sabiene Autsch, dem Referenten und den Studierenden werden diese Überlegungen zur Medialität der Geste aufgegriffen und die Relationen zwischen (Zeitlupen-)Technik, Handlung und Sehen am Beispiel des Künstlerateliers eingehender diskutiert.

26.01.2021 - Prof. Uschi Huber (Köln)
Foto (Uschi Huber): Kabine Rudolfplatz, 12-stündiges Live-Kino (in Kooperation mit Boris Sieverts), 2018.

Im sechsten Teil der digitalen „Silogespräche“ des Fachs Kunst zum Thema „Besuch im Atelier des 21. Jahrhunderts“ spricht Prof. Uschi Huber am Dienstag, 26. Januar, ab 16 Uhr über das Thema „Digitaler und realer Raum“.

Im Gespräch mit Prof. Dr. Sabiene Autsch, Studierenden des kunstwissenschaftlichen Seminars „Der Besuch im Atelier“ erörtert Prof. Uschi Huber Rolle und Funktion des Ateliers in ihrem künstlerischen Arbeitsprozess: Wie wirken der digitale und der reale Raum in ihrer Arbeit, innerhalb und außerhalb des Ateliers zusammen? Hubers fotografische Arbeit ist durch Beobachtung und Analyse des realen Stadtraums gekennzeichnet. Dabei fragt die Künstlerin: Wie sind Räume strukturiert und aus welchen Gründen? Wie äußern sich Präsenz und Wirkung einer städtischen Infrastruktur? In öffentlichen Räumen gelten und wirken die widersprüchlichsten Regeln der unterschiedlichen Akteure zur gleichen Zeit. Diese „Layer“, Ebenen und Zuschreibungen, werden miteinander in ein neues Verhältnis gesetzt. Ihre Fotografien konfrontieren die Betrachter*innen auf diese Weise mit den Bedingungen des öffentlichen Raums: Einerseits durch Offenlegen, andererseits durch ein Spiel mit den Vorstellungen und Konzepten hinter den sichtbaren Formen mit den Mitteln der Fotografie, des Films, der Intervention vor Ort. Die Übersetzung des physisch Erlebten, des Gesammelten und Wahrgenommenen in eine künstlerische Form benötigt einen Ort der Verarbeitung des (Bild-)Materials. Ebenso geht es um den Einbezug bereits existierender digitaler und analoger Bilder. Die Werkstatt des Ateliers schaltet dabei von digital auf materiell um und umgekehrt; sie ist der Raum für Recherche, Produktion und Archivierung. Der digitale Raum scheint sich im Atelier proportional zunehmend auszudehnen, allerdings bleibt die physische Präsenz der Dinge im künstlerischen Prozess zentral. Das Atelier, so die Künstlerin, fungiert so als Scharnier zwischen außen und innen.

Sommersemester 2020: "Was machst du gerade?" - Oder Bilder aus dem Atelier in Zeiten von social distancing

Reihentext: "Was machst du gerade?" - Oder Bilder aus dem Atelier in Zeiten von social distancing

In diesem Sommersemester sollte eine neue Reihe der SILOGESPRÄCHE zum Thema Atelier im 21. Jahrhunderts - Offen, Digital, Spezialisiert? im Fach Kunst an der Universität Paderborn starten. Nun ist alles ganz anders gekommen, aber das Interesse, die Themen und Fragen rund um das Atelier sind geblieben. Die universitäre Präsenzlehre wird gegenwärtig durch digitale Formate ersetzt. Die Ermöglichung von spontanen Diskussionen, die Anleitung zu einem Denken in Konstellationen, das Initiieren von Prozessen sind dadurch nur eingeschränkt möglich. Aber nicht unmöglich.

Ausgehend vom allgemeinen Strukturwandel durch Globalisierung und Digitalisierung hat die aktuelle Atelierform seit der Jahrtausendwende eine tiefgreifende Umgestaltung erfahren. Damit eng verbunden sind Tendenzen von Spezialisierung und Ausdifferenzierung sowie von rigiden Exklusionsmechanismen. Angesichts der Corona-Pandemie, die seit Februar auch Europa auf eine völlig ungekannte Art und Weise betrifft und eine Reihe von administrativen Maßnahmen wie Isolation, Begrenzung und Bescheidung, Quarantäne und Teleheimarbeit (Homeoffice) auslöste, scheinen sich Relationen von Zeit und Raum, von Künstlerinnen-Ich und Handlungsabläufen im Atelier noch einmal zugespitzt, ja möglicherweise ganz neu konstelliert zu haben. Das zurückgezogene Genie in der geheimnisvollen Ideenschmiede, in der Zwiesprache mit den eigenen Visionen gehalten wird? Werden die Künstler (wieder) zu jenen aus der Öffentlichkeit isolierten Persönlichkeiten, die den Dialog zwischen solitärer Innen- und Außenwelt neu entfachen? Etablierung eines Blick-Universums? Back to the roots? Oder: Revitalisierung von Atelier-Mythen, die im digitalen und zugleich unberechenbaren 21. Jahrhundert Authentizität erlangen? Re-Lektüre von Ästhetiktheorien und Atelier-Diskursen? Das Atelier als Emergency-Room?

Mit einer spontanen Neu-Konzipierung der SILOGESPRÄCHE als Online-Projekt zum Thema „Was machst Du gerade?“ oder: Bilder aus dem Atelier in Zeiten von social distancing (2020) reagieren wir auf diese Situation. Mit der Frage »Was machst Du gerade?« soll es nicht um ein voyeuristisches Interesse am privaten Leben von Künstlerinnen und Künstlern gehen. Motiviert von einem Interesse an zeitspezifischen mentalen Dispositionen in Krisenzeiten geht es vielmehr um die Auswirkungen von social distancing, d.h. von Abstandhalten auf kreatives Denken und Arbeiten, das sich nun verstärkt auf den Atelierraum fokussiert und möglicherweise eine neue Qualität von Zeit und Raum, vor allem aber eine (neue) Nähe zu den Dingen und Materialien bewirkt (Aufmerksamkeitsökonomie)?

Künstlerinnen und Künstler, die Gäste der Silogespräche in den vergangenen Jahren waren, sind gebeten worden, auf diese Frage mit einem Foto oder Essay aus dem Atelier zu antworten. Die Ergebnisse finden sich hier und auf Instagram unter @silogespraeche. Es ist eine abschließende Publikation geplant (Edition Imorde, Herbst 2020). Ankündigung als pdf.

28.09.2020 - Maria-Margaretha Modlmayr (Paderborn)

Zurzeit arbeite ich an mehreren Porträt-Projekten. Der Blick auf das Gegenüber ist für mich ein Weg, Erkenntnisse über das Hier und Jetzt und das Dasein als solches zu sammeln.

Ich verwende die Handlung des Portraitierens, um von verschiedenen Perspektiven aus, und durch das Fokussieren durch unterschiedliche Wahrnehmungsfilter - auch die Prozesse des Porträtierens selber - wahrnehmbar zu machen.

Zwei von diesen Projekten will ich kurz vorstellen:

Bei dem ersten handelt es sich um eine Langzeitstudie: Mein Modell - eine Philosophiestudentin - sitzt mir seit einem Jahr regelmäßig. Ich beobachte sie von verschiedenen Ansichten aus und male sie, während wir uns Texte zur Menschheitsgeschichte anhören bzw. sie mir kunsttheoretische und philosophische Texte aus unterschiedlichen Epochen vorliest. Bei diesem Projekt konzentriere ich mich nicht so sehr auf das mimetische Abbilden der vor mir sitzenden Person, sondern ich lenke meine Wahrnehmung darauf, möglichst auf die akustischen und visuellen Reize, die mich während der Sitzung erreichen, mit Farbauftrag und Duktus zu reagieren.

Das zweite Projekt ist auch auf eine längere Findungsphase angelegt. Es geht um das Porträt eines Bildhauers. Wir sind uns freundschaftlich verbunden, und so entstand vor einigen Jahren der Plan bzw. die Bereitschaft zu diesem Portrait-Projekt. Im Sommer dieses Jahres war dann endlich der Zeitpunkt gekommen, daran kontinuierlich zu arbeiten. Wir haben uns bis jetzt regelmäßig für kurze, aber auch lange Sitzungen in seinem Garten getroffen. Die Sitzungen sind begleitet von Gesprächen über seine Arbeiten, biographische, historische, politische, kunstgeschichtliche sowie alltägliche Themen. Sie finden auch oft im Beisein von weiteren Personen aus seinem Umfeld statt. Während dieser Begegnungen reagiere ich mit verschiedenen Zeichenmaterialien auf meine Wahrnehmung seines Gesichts, indem ich mich genauso von der Intensität der Unterhaltung in meiner Strichführung leiten lasse, als auch von dem Wunsch, die Physiognomie zu erkunden. Die Farb- und Formensprache seines eigenen Werkes inspiriert mich dazu, charakteristische Elemente davon in die Interpretation seiner Erscheinung einfließen zu lassen.

Beiden Projekten ist gemeinsam, dass ich mich zunächst intuitiv leiten lasse

von den von mir unmittelbar erlebten diversen Emotionen und Sinneseindrücken der Begegnung mit dem Gegenüber; durch sukzessive sich ansammelnde Zeichen, Spuren und Farben, die auf dem Bildträger eine Form annehmen, wird die Spannung, die diesen Begegnungen zu eigen ist, sichtbar gemacht. Im Atelier setze ich mich anschließend mit den gesammelten Eindrücken auseinander und entwickele weitere Bilder, bis das jeweilige Thema soweit ausgelotet ist, dass ein oder mehrere finale Bilder entstehen können.

Eine unmittelbare Auswirkung auf meinen Arbeitsprozess hatte die Pandemie insofern, als die für meine Arbeit wichtigen Personen mehr Zeit als sonst zur Verfügung hatten. Andere Auswirkungen waren abgebrochene laufende Ausstellungen, bzw. die Verschiebung von geplanten Ausstellungsprojekten.

18.08.2020 - Alfons Knogl (Köln)

Ich hätte Anfang März sicherlich nicht geglaubt, dass die Eröffnung von mir und meinem Freund Lukas Schmenger in der artothek Köln für eine lange Zeit die letzte war, bei der viele Menschen sich ungezwungen trafen, sich umarmten und hinterher zusammen feierten. Der einige Tage später einsetzende Lockdown war dann eine ganz neue, unerwartete Realität. Ich versuche diese Realität als Ausnahme zu sehen. Im Atelier vergesse ich meist darüber überhaupt nachzudenken, was ich sehr angenehm finde. Momentan arbeite ich an zwei monografischen Publikationen, die dieses Jahr erscheinen sollen und einem Schallplatten-Release von `a certain object´, einem Musikprojekt von Holger Otten und mir.

21.07.2020 - Manfred Mohr (New York)

Gerade noch rechtzeitig vor dem Lockdown konnte ich eine Reihe von größeren Digitaldrucken meiner neuen Arbeitsserie „algorithmic modulations” beenden. Natürlich waren, wie überall, alle geplanten Ausstellungen abgesagt.

Von April bis Juni war es dann wunderbar ruhig hier in meinem Atelier in New York und ich hatte viel Zeit, über 1000 Dinge nachzudenken.

Keine Meetings, keine Vernissagen, keine Begegnungen, kein NICHTS…

In aller Ruhe habe ich dann im April und Mai einen 36-seitigen Ausstellungskatalog meiner Arbeiten aus den Jahren 2016-2020 aus drei verschiedenen Galerien in Paris, Berlin und New York zusammengestellt, der hoffentlich noch in diesem Jahr gedruckt werden kann.  Auch habe ich ein visuelles Buch, ARTIFICIATA III, für einen Verleger in Südfrankreich hergestellt, das sich über 60 Seiten als visuelle Sonata aus linearen s/w-Arbeiten entwickelt.

Im April habe ich dann an einer interessanten Online-Art-Show „Post Hoc“ teilgenommen und speziell dafür eine Arbeit konzipiert.

Inzwischen scheint die angenehme Ruhe ein Ende zu nehmen, denn die Events beginnen schon wieder wild um sich zu schlagen. Obwohl hier in New York die meisten Institutionen noch geschlossen sind und Restaurants nur in Form von Straßencafés öffnen können, beginnt eine Geschäftigkeit, an die man sich inzwischen fast schon gar nicht mehr erinnert.

Fünf Ausstellungen stehen nun an, davon sind einige inzwischen schon eröffnet.

14.07.2020 - Evanthia Tsantila (Berlin)

So wie viele KünstlerInnen bewege auch ich mich mit meiner Arbeit ständig zwischen mehreren europäischen Ländern. Auch beim Ausbruch des Coronavirus war ich unterwegs.

Mein Atelier in Berlin war ruhig. In der künstlerischen Praxis gibt es immer eine Zeit der Stille, aber gibt es keine verlorene Zeit. Und noch mehr, das mehrdeutige "Dazwischen" erweist sich oft als eine aufschlussreich Zeit, da es uns die wertvolle Distanz und die notwendigen Voraussetzungen zum Nachdenken gibt.

In Krisenzeiten, in denen die Dinge unscharf und schwer fassbar werden, kann nichts den sozialen Zusammenhalt stärker halten, als unsere Nähe zum Geistigen, zur Kunst.

Seit dem Ausbruch der Pandemie sind wir über die verheerenden Auswirkungen des Coronavirus auf das menschliche Leben tief erschüttert.

Die ganze Welt ist unmittelbar mit den brutalen wirtschaftlichen, politischen und sozialen Konsequenzen konfrontiert. Die globale Verlangsamung und der Lockdown verunsichert die gewohnten Mittel und Wege der KünstlerInnen. Das Leben wurde und wird aufgrund von Vesrchiebungen oder Stornierungen von Projekten und Ausstellungen sowie aufgrund von Reisen und anderen Einschränkungen äußerst kompliziert und - prekär.

Viele Kunstinstitutionen und Kulturschaffende bemühen sich, ihre Aktivitäten online aufrechtzuerhalten, und laden zu “Treffen” im Internet ein.

Es stellt sich jedoch heraus, dass das Bedürfnis der Menschen nach physischer Nähe stark ist und unsere Begegnung mit Kunst im physischen sozialen Raum nicht ersetzt werden kann. Zumindest noch nicht.

Zeit und Raum sind grundlegende Elemente des menschlichen Tuns, deshalb auch des Kreativen - und des Wahrnehmungsprozesses der Kunst. Ein Kunstwerk braucht so viel Zeit wie nötig, um kreiert zu warden. Und wenn es bereit ist, wird es im tatsächlichen Hier und Jetzt präsentiert, auch um seine soziale Rolle zu erfüllen. Der künstlerische Akt mit seinen Formen und seinen ästhetischen Gedanken trägt das Material seiner sozio-historischen Erfahrung.

Vor der Pandemie gab es intensive öffentliche Diskussionen über Menschenrechte, Migration, Nationalismus, Umweltschutz, nachhaltige Energien, Digital-Kapitalismus, Post-Kolonialismus, “Kreativindustrien”, Digitalisierung, Fake News, Datenschutz usw.

Wie werden wir diese Diskussionen voranbringen? Was kommt jetzt als nächstes und wie schnell?

Sind die aktuellen Bedingungen der Pandemie — der Sicherheitswahn, die Angst vor dem Tod, die Bedrohung von Arbeitslosigkeit und Armut oder sonst noch etwas Unvorhersehbares— ausreichend, jetzt radikale Veränderungen umzusetzen?

Sind wir für all’das überhaupt bereit? Wollen wir das?

Wird das Digitale den physischen Raum und die Formen des Sozialen - die Rituale und die Praktiken, den Protest und das soziale Engagement - total abschaffen und ersetzen, mit allen Konsequenzen die sich auf Freiheit, Privatsphäre, Menschenrechte und Gerechtigkeit beziehen?

Ist es zu spät, um die Folgen der katastrophalen Kombination von Geschwindigkeit und Ego umzukehren?

Und wie stellen wir uns dann die Eigenschaften, die Auswirkungen und die soziale Rolle der Kunst vor?

Da die Gegenwart nicht mehr offensichtlich ist, ist es sicherlich schwierig, zugleich aber notwendig, sich wieder eine Zukunft vorzustellen. Hier liegt die Rolle der Kunst. Kunst zielt darauf ab, Gedanken und Gefühle zu bewegen, die verschwommenen und die fließenden zu erleuchten und hinterfragen, und Formen von Widerstand und Freiheit zu schaffen.

07.07.2020 - Eva Weinert (Düsseldorf)

Ich halte Abstand und weiche aus, tue, was ansteht und was geht.
Eine raumbezogene Arbeit, die ich noch im Februar in einem Ausstellungsraum in Essen aufgebaut hatte, steht dort immer noch. Diese Zeit scheint wie eingefroren.

Zu Beginn der Berichterstattung über die Ausbreitung und Gefahren des Virus hatte ich mein Atelier in meine Wohnung verlegt. Ich habe gezeichnet. Meine Arbeit hat sich unter den Bedingungen der räumlichen Beschränkung auf der Fläche zusammengezogen. Langsam habe ich meinen Arbeitsbereich wieder ins Atelier ausgeweitet. Die Strecke zwischen Wohnung und Atelier führt mit dem Fahrrad auf einer extrem öden Verkehrsachse durch Düsseldorf. Ich liebe die Stille auf der sonst so verkehrsreichen Straße. Unter den Bedingungen der Kontaktbeschränkungen hat sich meine Wahrnehmung und Aufmerksamkeit für die Umgebung verschärft. Das Atelier gibt mir Ruhe, die Arbeit dort Kraft und Hoffnung, dass sich der Horizont einmal wieder weitet. Meine Gedanken gehen jetzt in den Raum. Ich plane eine Installation.

Weniger die Produktionsbedingungen im Atelier, als die Möglichkeiten der Kommunikation, und der Herstellung von Öffentlichkeit haben sich verändert. Die Arbeit am Computer durchsetzt den Alltag, der Strom der Nachrichten reißt nicht ab. Die Digitalisierung kann die unmittelbare Begegnung mit Kunst und Menschen nicht ersetzten, erscheint mir als eine notdürftige, mitunter bedrückende Lösung. Inwieweit diese Bedingungen und die aktuellen Erfahrungen nicht nur den Ausstellungsbetrieb, sondern auch meine Arbeiten verändern werden, wird sich zeigen.

30.06.2020 - Christiane Löhr (Köln)

Seit einigen Tagen bin ich in Köln, aber die letzten vier Monate habe ich in Italien, in Gricigliana bei Prato verbracht, von da möchte ich berichten.

Vier Monate war ich noch nie am Stück in meiner zweiten Heimat. In den letzten Jahren war das Leben ein 'Galopp', viele Reisen, ein Projekt nach dem anderen, immer unterwegs zwischen Köln, der Nordtoskana und den Ausstellungsorten.

Mein letzter Aufbau in Mailand, in der Kirche und Galerie San Fedele Ende Februar, wurde von den 'Corona'-Ereignissen jäh unterbrochen. Damals hatte man noch überhaupt nichts kapiert. Ich erinnere mich, dass ich mit dem Pater vereinbarte, die Eröffnung zwei Wochen später zu machen- seitdem hängt die Hälfte der Ausstellung in dunklen Räumen. Anfang Oktober sollen die Fäden wieder aufgenommen werden.

In den darauf folgenden Monaten: Ruhiges Arbeiten im Atelier und ein sehr schwieriger Endspurt für meine Monografie, die im Mai erscheinen sollte. Nach einer Phase der Verwirrung haben wir die Kurve bekommen und konnten die Arbeit wieder aufnehmen, auch wenn sehr viel umständlicher als unter normalen Bedingungen. Am Ende war es ein Glück, hart abgebremst nochmal in das Buch hineinzutauchen und ich bin mir sicher, dass es anders- weniger stimmig- geworden wäre ohne diese seltsame Phase der stehengebliebenen Zeit.

Jeder Morgen war gleich, die Tage flossen dahin. Am Ort sein, schauen, hören, Veränderungen wahrnehmen- die Bewegungen in den Pflanzen im unglaublich kraftvollen Frühling und das Trocknen der Tusche auf dem Papier. Es war dieser intensive Moment, sich ohne eine Idee von 'Zukunft' im Raum zu bewegen.

23.06.2020 - Therese Weber (Basel)

Frottagen von Kämpfern, Pferden, Kamelen, Schiffen und Wagen bevölkern zurzeit mein Atelier. Woher kommen die Gäste?

Felsen, Steine und die Zeichnungen, die vor Jahrtausenden von Nomaden und Händlern eingraviert wurden in der Wüste Nefud und am westlichen Ausläufer der Rub al-Chali Wüste auf der arabischen Halbinsel, dominieren meinen Prozess im Atelier. Werke, die in der Zeit vom 19.02 bis 05.04 2020 vor Ort entstanden sind und Material, das ich während der Recherche in der Wüste gesammelt habe. Erfahrungen in diesem weiten und offenen Weltenraum sind für mich wie Bibliotheken unter freiem Himmel oder Räume als kulturelles Gedächtnis. Sie bilden einen Vektor zur Reflexion über Zivilisationen, Klimawandel, Wirtschaftsformen und politischen Modellen. Gleichzeitig regen sie an zum Denken und Imaginieren in neuen Zusammenhängen. Diese umzuformen und im erweiterten Kontext zu visualisieren und in meinem künstlerischen Vokabular einzuordnen, ist Gegenstand der momentanen Auseinandersetzung.

Die Situation vor Ort, war in dieser Zeitspanne etwas riskant, doch die Unendlichkeit der Wüste schützte mich vor Isolationsmassnahmen.

Frottagen von Petroglyphen dokumentieren Ereignisse Jahrtausende alter Kulturen bis zurück in die Bronzezeit. Einige sind Palimpseste mit Spuren und Zeichen bis in die Gegenwart, die nebst ihrem narrativen Charakter auch für die Forschung in historischer und anthropologischer Anschauung relevant sind. Zusammen mit den Fotografien und Steinformationen, bilden sie den Rohstoff für die künstlerische Weiterentwicklung.

Anhand dieses Fundus aus der Aussenwelt gehe ich diversen Fragestellungen nach, um die vorerst undefinierten Zusammenhängen zu dechiffrieren und in einen neuen Kontext zu bringen, für bildliche Darstellungen und Objekte.

Zusammenführung der verschiedenen Vegetationsformen seit dem Neolithikum? 

Funktion und Verortung der Tiere?

Erste Mobilität und deren Veränderung?

Material und Werkzeug für die Bewältigung des Alltags und dessen Gefahren?

Dies in Relevanz zu: Figur/Inhalt, Material/Textur, Überlagerung/Palimpsest, Form/Gestalt, Format/Technik, Farbe/Struktur.

Nebst anderen Interessensbereichen befasse ich mich seit etlichen Jahren mit Petroglyphen in Zentralasien, dem Kaukasus und neu der arabischen Halbinsel. Nebst den Motiven und Techniken in den verschiedenen Gegenden, ändert sich auch der kulturhistorische Kontext und gibt Aufschluss über soziale, anthropologische, geografische und geologische Konstellationen, Transithandel, Fauna und Flora bis in die Gegenwart. Diese Faktoren motivieren mich kontinuierlich tiefer zu ‘graben’.

Ebenso Gegenstand der täglichen Auseinandersetzung ist das Buchprojekt ‘Buch im Buch’, BiB.

Bild und Text gehen eine Verbindung ein indem der visuellen Betrachtungsweise der sprachliche Kontext gegenübersteht. Das Buch geht wissenschaftlichen Fragen nach und ist parallel ein Medium zur Bewahrung von Erinnerungen. Das Projekt mit der Verlagerung des Ateliers in ferne Kulturräume über mehrere Zeiträume synchronisiert diese Zeitreise, geht manchmal auch Rätselhaftem nach und öffnet ein neues Vokabular. Der ‘Stoff’ dazu ist gebündelt!

Im Fokus ist auch die für November geplante Einzelausstellung in der Schweiz mit noch zu definierendem Thema.

Zwischendurch geht mein Blick zum Berg Pilatus oder auf der gegenüberliegenden Seite des Ateliers zu den vorbeifahrenden Zügen Richtung Süden. Heute, wo in vielen Gegenden der Welt die Zahlen der COVID-19 Fälle wieder steigen, empfinde ich es als ein Privileg mich dieser umfassenden, spannenden Auseinandersetzung widmen zu können.

09.06.2020 - Michael Sauer (Düsseldorf)

Mein Atelier ist überall in der Wohnung, Ateliermieten sind zu teuer.

Hier gibt es die unterschiedlichen Orte für eine Arbeit, die keine Voraussetzungen hat, ausser Zeit und Geduld.

Hier kann ich zu jeder Tages- und Nachtzeit tätig sein, kurze oder lange Pausen machen oder aufhören und raus gehen.

Im Arbeits-Raum egal wie groß, konkretisieren sich Außen- und Innenwelt, Experiment und Ergebnis.

Ich will im Spiel ausloten und entscheiden was unter gegebenen Umständen möglich ist.

Gewöhnlich beschäftigen mich gleichzeitig mehrere Projekte über verschieden lange Zeiträume.

In der Gegenwart abgeschlossener und aktueller Arbeiten beobachte ich das anhaltende Gespräch zwischen den Dingen.

Wenn Teile mein Atelier verlassen, kommunizieren sie mit ihrer neuen Umgebung.

Die eigene Sammlung wächst überproportional, einen vollkommen leeren Raum gibt es nicht. 

Die verordnete Isolation erscheint im Atelier als Normalzustand.

26.05.2020 - Heiner Thiel (Wiesbaden)

Nach langer Vorarbeit im Atelier (s. Bild u. hier verlinktes Video: tinyurl.com/y97rjnjo) - noch zu „nicht Corona Zeiten“ - ist gerade vor ein paar Tagen ein großes Konvolut neuer Objekte vom Eloxieren zurückgekommen, die jetzt alle fertig bearbeitet werden müssen. Somit bin ich die nächsten Wochen in einer selbst auferlegten „splendid isolation“...

Für mich als „Bildhauer/Objektemacher“ ist allerdings eine virtuelle Auseinandersetzung mit plastischen Gegebenheiten (wie sie ja jetzt überall im Netz zu beobachten ist) sehr problematisch, da hier die Wahrnehmung der tatsächlichen, räumlichen Präsenz des Objekts, das „Raumgefühl“ verloren geht!

Was ich zur Zeit sehr vermisse, ist der direkte Austausch mit Kolleginnen und Kollegen. Gerade für meine kuratorische Tätigkeit ist der Dialog in den Ateliers sehr essentiell. Virtuelle „Rundgänge“, „Atelierbesuche“ und „online-chats“ können allenfalls - als temporäre Notlösung - einen kleinen Einblick geben und im besten Falle „Lust auf mehr“ erzeugen, einen direkten Dialog mit dem Besucher, Kollegen, Sammler etc. ersetzen sie nicht. Daher macht es Hoffnung, dass Museen, Galerien und Kunstvereine jetzt, wenn auch eingeschränkt, wieder öffnen.

Die Aussicht allerdings, dass bis auf Weiteres größere Gruppen- und Themenausstellungen ( wie z.B. das von mir und meinem Freund und Kollegen Michael Post kuratierte Projekt „embodying colour“; s. Video: tinyurl.com/y82jsf8g) eher nicht oder nur eingeschränkt möglich sein werden, bereitet mir daher schon Sorgen…

19.05.2020 - Karsten Bott (Essen)
Karsten Bott mit Maske vor der Sortieranlage in seinem Archiv für Gegenwarts-Geschichte
Karsten Bott beim Fotografieren an der Hohlkehle für ein neues Lexikon der Dinge

Essen, 19.05.2020

12.05.2020 - Uschi Huber (Köln)

Mein Atelier befindet sich in einem der beiden Türme des Kunsthaus Rhenania in Köln, aus dem Fenster kann ich auf ein Hafenbecken blicken. Ich schätze diesen Ort sehr und verbringe hier im Augenblick möglichst viel Zeit. Zum einen erlaubt mir das ein Forschungsfreisemester, zum anderen liegt das auch an der allgemeinen Verlangsamung auf Grund der Corona- Einschränkungen. Leider können einzelne Projekte nicht stattfinden, aber ich gewöhne mich gerade an den Freiraum, jetzt mehr ins Ungewisse hinein zu arbeiten. Das erzeugt eine andere, offenere Art der Konzentration für das Material und die Themen, mit denen ich mich fotografisch und filmisch beschäftige.  

In den letzten drei Jahren war ich künstlerisch intensiv mit Projekten im öffentlichen Raum beschäftigt (StadtLabor Köln, gemeinsam mit Boris Sieverts) und viel im Stadtraum unterwegs. Jetzt habe ich im Atelier plötzlich Zeit, in mein analoges und digitales Archiv zu blicken, Material auszusortieren und manches neu einzuschätzen oder weiter zu bearbeiten. In dieser Situation kann man sich einen Überblick verschaffen. Das Atelier funktioniert für mich aber weiterhin nicht so sehr als Rückzugsort, sondern wie ein Scharnier zwischen innen und aussen. 

Gerade verfolge ich verschiedene Projekte, zum Beispiel arbeite ich an einem Wettbewerbsentwurf für ein öffentliches Plakatwand-Projekt des Kulturamts Köln. Andere neue Arbeiten, die ich gerade weiter entwickele sind die Posterserie ‘Formationen’, und die Videoinstallation ‘Die Idee einer Schönheit’.

05.05.2020 - Thomas Stricker (Düsseldorf)

Home-Atelier auf der Veranda mit Blick in den Garten in Düsseldorf.

Aus familiärer und gesellschaftlicher Solidarität und, um der gewohnten Isolation im Atelier in dieser herausfordernden Zeit einen anderen Raum zu geben, hab ich mich seit 7 Wochen ins Home-Atelier begeben.

Da arbeite ich, neben Projekten in Monheim, Berlin und in Namibia, die ich parallel vorantreibe, an einem grossen Bodenmosaik für die Deutsche Botschaft in Islamabad. Und freue mich jeden Tag, wie künstlerische Realitäten und menschliche Nähe auch in Zeiten von sozialer Distanz, über digitale Medien, umgesetzt und hergestellt werden können.

28.04.2020 - Dorothea Reese-Heim (München)

Frage: Was machst du gerade?

Im Moment beschäftige ich mich mit der Fortsetzung von schon durchgeführten Installationen. Das selbst gestellte Thema war und ist: „Nahe an der Grenze zum Schatten“, ein Zwischenbereich zwischen Licht und Dunkelheit, was passiert da.

Materialien reagieren unterschiedlich auf Lichtquellen, dies gilt es zu untersuchen.

D.h. mit Licht zu arbeiten, Tageslicht, Mischlicht Schwarzlicht, bedeutet auch den Schatten nicht zu vergessen. Der Schatten als Zwischenbereich eines dreidimensionalen Objekts, als zweidimensionales Spiegelbild. Die Form wird verändert. Der Schatten verzerrt oder verzieht die Form, es überschneiden sich Linien und Kreise in der Fläche, Kreise werden zu Ovalen, die sie nicht sind.

Farbige Schatten zu erzeugen, dem Schatten eine Farbe zuzuordnen, das geht nur über das Material und eine entsprechende Lichtquelle. Der Zwischenbereich zwischen Licht und Dunkelheit, zwischen Tag und Nacht. Wie die Dämmerung, die erlebt man am längsten in den nördlichsten Ländern. Man nennt es „Blaue Stunde“. Dieser Zwischenbereich hat etwas Magisches und lässt sich künstlich erzeugen über die Bestrahlung mit UV Licht.

Das Arbeiten mit Licht ist umfangreich und komplex – und nicht frei von Faszinationen. Farbumkehrung und Lichtführung mit Schwarzlicht verstärkt die Imagination.

Von nüchtern kalt bis schwebend auflösend verändern sich die Werkstoffe. Aber auch der Schatten verwandelt sich und bringt die Form zum Schweben. Nebenformen, wie die linearen Versorgungsleitungen werden zu verbindenden Transportmitteln.

Meine Wand im Atelier ist bestückt mit unterschiedlichen Materialien und Strukturen. Alles sind Versuche Flächen neu zu organisieren. Was gibt es daran zu entdecken, wo sind die Zwischenbereiche.

Wintersemester 2019/20

21.01.2020 - Dr. Ulrich Blanché: Punk Stencils, Robert Del Naja und Banksy

Am Dienstag, 21. Januar, fand die erste Ausgabe der „Silogespräche“ im neuen Jahr 2020 statt. Street-Art-Forscher Dr. Ulrich Blanché von der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg spricht über Punk Stencils, Robert Del Naja & Banksy.

Seit der Steinzeit wird die Schablone (auch Stencil oder Pochoir genannt) als Technik zur Herstellung von Bildern benutzt. So sprühten Steinzeit-Menschen in der Höhle „Cueva de las Manos“ im Südwesten Argentiniens in der Zeit von 7.000 bis 1.000 B.C. Farbe über ihre Hände, die sie an die Wand hielten, und erzeugten auf diese Weise ein Negativbild. Seit einigen Jahrhunderten wird Schablonenmalerei dazu genutzt, um Wände, Möbel, Tapeten und andere Gegenstände zu dekorieren. In den 1920er und 1930er Jahren, in denen Druckmaschinen noch keine guten farbigen Abbildungen liefern konnte, wurden mit der Schablone in Verbindung mit Lithographie, Holzschnitt, Holzstich, Zeichnung oder Radierung in mehreren Farbschichten experimentiert und die Dekorationstechnik wandelte sich zur bildenden Kunst.

Jean Saudé, ein französischer Grafiker in Paris, veröffentlichte 1925 das Buch „Traité d'enluminure d'art au pochoir“, einen Leitfaden für die Pochoir-Technik. Seit der Einführung der Farb-Sprühdosen nach dem Zweiten Weltkrieg wurden diese anfangs vor allem von sozialpolitischen Gruppen wie den „Ateliers Populaires des Beaux Arts“ in Paris genutzt, um politische Forderungen, Anmerkungen, Sprüche oder kleine Bilder an die Wände der Städte zu sprühen. Etwas später wurde das Stenciling als Kunstform vor allem im Bezug zur Punkkultur, u. a. in Amsterdam durch den Künstler Blek le Rat bekannt. Spätestens seit Banksy im Oktober 2018 sein Bild „Girl with Balloon“ im Rahmen einer Sotheby’s Auktion in London nach seiner Versteigerung für gut eine Millionen Pfund von selbst „zerstörte“, indem der untere Teil des Bildes durch einen im Rahmen versteckten Schredder gezogen wurde, ist das Stencil auf der großen Bühne des Kunstmarktes angekommen.

Der Street-Art-Forscher Ulrich Blanché wird in seinem Vortrag mit den drei Eckpunkten: Punk Stencils, Robert Del Naja & Banksy über das Phänomen der Stencils sprechen. Er hat seit 2019 ein eigenes Postdoc-Forschungsprojekt: „A Street Art History of Stencils“ (gefördert durch Fritz-Thyssen-Stiftung) an der Universität Heidelberg. Davor war er dort sechs Jahre wissenschaftlicher Mitarbeiter, wo er u. a. die Habilitationsschrift zu „Affen in Bildern seit 1859“ verfasste. Er veröffentlichte mehrere Aufsätze zu Street Art und ist zudem Co-Herausgeber für den englischen Sammelband „Urban Art. Creating the Urban with Art“. Nach einem Master in Communication in Sydney 2006 folgte ein Magister 2008 in Erlangen in Kunstgeschichte, Theater- und Medienwissenschaften, um als Stipendiat der Bayerischen Eliteförderung in London seine Dissertation „Konsumkunst. Kultur und Kommerz bei Banksy & Damien Hirst“ zu verfassen.

Der Vortrag war eine theoretische Ergänzung zum praktischen Malerei-Seminar „Commedia dell Arte of the Colored Dogs - Stencils in der bildenden Kunst“ von Prof. Max Schulze.

Einführung: Prof. Max Schulze

Sommersemester 2019

21.05.2019 - doc14_workers: Feeling free to talk about working conditions

doc14_workers vertreten durch Alice Escher (Berlin)

„Was tun?“ Unter dieser nur scheinbar einfachen Frage wurde zur documenta 12 (2007) Bildung zu einem der Leitmotive der Ausstellung ernannt. Dadurch wurde der Vermittlung von Kunst innerhalb der konzeptuellen und auch finanziellen Strukturen ein neuer Stellenwert verschafft, der nachwirkt: Die documenta – sie gilt als bedeutendste Kunstausstellung der Welt – ist heute auch ein Experimentierfeld der Kunstvermittlung. Die beiden bisherigen Folgeausgaben positionierten sich mit Begriffen wie Vielleicht Vermittlung, Unlearning und Aneducation jedoch deutlich kritischer zum Bildungsbegriff sowie dem Stellenwert von Kunstvermittlung.
Nicht nur etwa eine Million Besucher*innen kommen mittlerweile alle fünf Jahre nach Kassel, sondern auch eine beträchtliche Anzahl an Arbeiter*innen aus dem Feld der Kunstvermittlung. Die documenta ist einerseits eine Chance, innerhalb eines unvergleichlichen Möglichkeitsraum mit heterogenen Gruppierungen zu agieren und zu experimentieren, andererseits zeigen sich innerhalb dieser Ausnahmesituation die Macht der Institution, Effekte des Kreativ-Kapitalismus sowie eine Tradition der Marginalisierung besonders deutlich. Die documenta 14 (2017) bot ihrerseits drei Fragen zur Vermittlung an, die dieses Problemfeld gewissermaßen zu umreißen vermögen: „Was verschiebt sich? Was treibt hin und her? Was bleibt?“
Um diese und andere Fragen zu diskutieren und über Erfahrungen, Erkenntnisse aber auch Forderungen zusprechen, kommen zum Silogespräch Vertreter*innen der doc14_workers, einer offenen kritischen Gruppe von Kunstvermittler*innen, die sich zur documenta 14 etabliert hat und seither regelmäßig trifft, um ihre gemeinsamen Arbeitsbedingungen zu reflektieren. Sie bilden ein Forum, um sich über Erfahrungen und Kritikpunkte der Arbeit im Feld der Kunstvermittlung auszutauschen und haben den Anspruch, das Feedback und die Vorschläge zu bündeln und engagieren sich so gegen die Individualisierung von Problemen, die struktureller Natur sind und alle betreffen. Ziel ist es, Strategien zu entwickeln, um diese Anliegen kollektiv zu vertreten und die Position der Kunstvermittler*innen insbesondere im Kontext der documenta zu stärken und weiterzuentwickeln.
„Feeling free to talk about working conditions“ kann hierbei weniger als Thema eines Vortrages als denn als Haltung der Gesprächspartner*innen verstanden werden. Daran schließt sich auch die Aufforderung an, dass Besucher*innen der Silogespräche sich frei fühlen mögen, ihre Fragen zur Arbeit in der Kunstvermittlung – sei es auf der documenta 14 oder auch darüber hinaus – zu stellen und in den Diskurs einzusteigen.

Einführung: Dr. Tim Pickartz

Wintersemester 2018/19

22.01.2019 - Vera Drebusch: prepared

Ausgangspunkt der künstlerischen Arbeit von Vera Drebusch ist die Auseinandersetzung mit Schnittstellen — Grenzen, Wegen, Kreuzungen —, an denen sich zeitliche Rückkopplungen, Ungleichzeitigkeiten austragen. Von Interesse sind für die Künstlerin Prozesse der Aus-Formung und Form-Findung in einem doppelten Sinn: Zum einen als gesellschaftliche Phänomene, zum anderen als künstlerische Methode. Ihr Ausgangsmaterial ist dabei die eigene Erfahrung des In-Kontakt-Tretens, die Berührung von Objekt und Reflexion, der eigene Körper als Ort, an dem (politische) Ereignisse als individueller Resonanzraum erst erfahrbar werden. Bedingung hierfür ist die Bereitschaft, sich einem Thema auch körperlich so auszusetzen, dass alle verfügbare Rezeptionsmöglichkeiten dafür aufgewendet werden können. Ziel ihrer Arbeit ist die Konservierung, Verdichtung und Rückübersetzung intimer Alltagsmomente in Fotografien, Videos, Performances, Installationen, Textilien sowie Objets trouvés. Am Beispiel ihrer aktuellen kollaborativen Arbeit „prepared“  wird Prof. Dr. Sabiene Autsch im Künstlergespräch mit Vera Drebusch Formen und Bedingungen ihres künstlerischen Handelns ebenso wie kuratorische Entscheidungen diskutieren und darüber auch Bezüge zu ihren Artist-in-Residence-Aufenthalten eröffnen.

Vera Drebusch (*1986) absolvierte ein Diplom-Fotostudium in Dortmund und studierte anschließend an der Kunsthochschule für Medien in Köln (bei Ute Hörner, Julia Scher, Marie-Luise Angerer, Johannes Wohnseifer), in Bogotá und als Gast an den Kunsthochschulen Bremen (KL Hörnschemeyer) und Kassel. 2013-14 gründete sie den Ausstellungsraum GOLD+BETON am Kölner Ebertplatz. Ab 2015 übernahm sie Lehraufträge an der Universität Köln am Institut für Kunst und Kunsttheorie sowie an der Fakultät für Kulturwissenschaften der Universität Paderborn. Sie kuratierte u. a. für den Westdeutschen Künstlerbund Ausstellungen im In- und Ausland. Neben internationalen Förder- und Reisestipendien erhielt Vera Drebusch 2015 den Förderpreis des Landes NRW für junge Künstler und 2016 das Stipendium des Landes NRW für Medienkünstlerinnen. Im Januar 2019 war Vera Drebusch als Stipendiatin der Hamburger Claussen-Simon-Stiftung Artist in Residence in den Worpsweder Künstlerhäusern. Die Künstlerin lebt und arbeitet in Köln und Hamburg.

Einführung: Prof. Dr. Sabiene Autsch

14.01.2019 - Thomas Stricker: Draussen unterwegs

„Draussen unterwegs“, so der Titel des Künstlergesprächs mit Thomas Stricker, fasst seine künstlerischen Projekte unter der Perspektive von Innen und Außen, von Ortsspezifität und Sozialer Skulptur zusammen. Der Titel macht zugleich aber auch auf ein Feld von Fragen aufmerksam, die mit der Arbeitsweise von Thomas Stricker eng verknüpft ist, womit der Künstler den Möglichkeiten und Utopien zeitgenössischer Skulptur nachgeht. Das Interesse von Thomas Stricker richtet sich vor allem darauf, was Skulptur als Teil unserer Realität sein könnte und wie Skulptur dadurch selbst eingreifen und verändern kann. Sein skulpturales Denken ist durch Fragen geleitet, die den jeweiligen künstlerischen Prozess anstoßen und damit immer auch Teil des Konzepts sind. Seine Projekte bezeichnet Thomas Stricker als ‚Langzeitprojekte‘, die nicht nur im europäischen Raum, sondern auf verschiedenen Kontinenten mit der jeweiligen Bevölkerung realisiert werden und sich dabei auch über längere Zeiträume erstrecken. So zum Beispiel das ‚Primary School Project‘ in Kalkfeld (Namibia), welches 2007 startete und einem anonymen Ort im gemeinsamen Planen, Gestalten und Organisieren, d. h. im Mischen, Häckseln, Giessen usw. ein Gesicht gegeben hat. Die Verflechtung von traditioneller Bildhauerei und Projekten im öffentlichen Raum, von künstlerischen und sozialen Prozessen, Interaktion und Ortsspezifik, Diversität und konkreter Bezugnahme sind nur einige Aspekte, die im Künstlergespräch mit Prof. Dr. Sabiene Autsch diskutiert werden.

Thomas Stricker (* 1962) in St. Gallen geboren, hat von 1986-1993 an der Kunstakademie Düsseldorf studiert, wo er Meisterschüler von Klaus Rinke war. Von 1994 – 2012 hatte er mehrere Stipendien und Förderpreise erhalten und Arbeitsaufenthalte in Gastateliers und Museen u. a. in Australien, Mexiko, China und der Mongolei. 2012/13 hatte Thomas Stricker Vertretungsprofessuren an der Kunstakademie Stuttgart und von 2018/19 an der Universität Paderborn für Bildhauerei / Praxis inne.

Einführung: Prof. Dr. Sabiene Autsch

Sommersemester 2018

10.07.2018 - Michael Belhadi, Michel Ptasinski: "Aufschluss" - Gefängnisfotografie

Justizvollzugsanstalten treten häufig dann in Erscheinung, wenn sie jemand verlässt, und ganz besonders dann, wenn dies unerlaubterweise geschieht. In solchen Fällen ist dann vom „Ausbruch“ die Rede. Doch der Ausbruch interessiert Michael Belhadi (Berlin) und Michel Ptasinski (Salzkotten) nicht. Die beiden Fotografen wollten genau dorthin, wo niemand sein oder niemand bleiben will, sie interessiert vielmehr der „Aufschluss“. Ihr Bildband dokumentiert Fotografien aus zwölf deutsche Justizvollzugsanstalten – darunter auch das wohl bekannteste deutsche Gefängnis in Stuttgart-Stammheim –, die für Belhadi und Ptasinski ihre Pforten geöffnet haben. Das Eigentümliche an den Fotografien ist, dass es sich dabei nicht, wie vielleicht zu erwarten wäre, um Begegnungen mit Menschen handelt. Auf den Fotografien sind Architekturen und Gegenstände, aber keine Menschen, Umgebungen eines Häftlingslebens, aber keine Insassen zu sehen. Unwillkürlich entsteht so der Eindruck, dass es der Betrachter selbst sein könnte, dem hier die Zelle aufgeschlossen wird. Denn die Räume sind nicht nur leer, sie werden auch vorwiegend aus der Perspektive der aufgeschlossenen Tür gezeigt. 
Im Rahmen der SILOGESPRÄCHE werden Belhadi und Ptasinski ihre Arbeit vorstellen und über die Eigenheiten der Gefängnisfotografie berichten.

www.belhadi.de
www.michel-ptasinski.de

Einführung: Prof. Dr. Inga Lemke

19.06.2018 - Künstlergespräch mit Martin Assig

In der Marktkirche Paderborn werden seit längerer Zeit zwei große, vielfarbige Bilder ausgestellt, auf denen dicht an dicht kleine Farbfelder aneinandergereiht sind, die wie Symbol- oder Signalfahnen aussehen. Es handelt sich um die Fahnen des internationalen Flaggen-Alphabets, in dem jedem Buchstaben eine bestimmte Flagge zugeordnet ist. Wenn die Flaggen-Bilder in Schriftsprache übersetzt werden, ergibt sich ein unerwarteter Text: Das Vaterunser, in deutscher und in englischer Sprache. Der Künstler Martin Assig (Berlin) hat diese Bilder im Enkaustik-Verfahren geschaffen, bei dem Wachs erhitzt, mit Farbpigmenten versetzt und auf Holz aufgestrichen wird. Auf diese Weise erhalten die Oberflächen der Arbeiten eine spezifische Farbigkeit und reliefartige Struktur, die das Bild in den Raum öffnet, das Motiv aber gleichzeitig überzieht. Rätselbilder oder Gebete? Bilder oder Texte?

Die Präsentation der beiden großformatigen Arbeiten in der Marktkirche Paderborn ist Ausgangspunkt für eine intensivere Beschäftigung mit den Werken von Martin Assig, die der Künstler vielfach als Serien anlegt und mit poetischen Titeln versieht: „Das ist nun mal so“, „Werde ich unsichtbar?“, „Du hast die ganze Welt getragen“, „Glückhaben“ oder „So ist das ganze Leben“. Neben den verwendeten Materialien Wachs, Wachskreide, Tempera und Bleistift, die sich in den Arbeiten begegnen, kommt es auch zu einer Begegnung von Wort und Bild. Doch so, wie „Vasen, Gipfel, Menschen“ zwischen Farbstreifen aufgereiht sind, Köpfe und Hände in eine ornamentale Musterung gleichsam verstrickt werden, ergehen sich auch die Texte und Titel in ihrem fragenden und spirituellen Inhalt oft nur in Andeutungen. Diese „piktorale Metaphysik“ versetzt den Betrachter in eine Suchbewegung, in ein permanentes Kreisen um das, was Benannt wird und das, was Dargestellt ist. 

Martin Assig (*1959) hat von 1979-1985 an der Hochschule der Künste Berlin Malerei studiert und war Meisterschüler von Hans-Jürgen Diehl.1986 erhielt er den Kunstpreis der Stadt Zweibrücken für Malerei und 1993 den Käthe-Kollwitz-Preis. Von 1992 bis 1994 war er Stipendiat der Günther-Peill-Stiftung. Im Jahr 2000 war er als Gastprofessor tätig an der HdK Berlin tätig. Seine Arbeiten hat er auf ungezählten Ausstellungen im In- und Ausland präsentiert. Der Künstler lebt und arbeitet in Berlin und in Brädikow.

Einführung: Prof. Dr. Sabiene Autsch

Wintersemester 2017/18

09.01.2018 - Georg Klein: "to participate or not to participate"

[Text folgt]

Einführung: Prof. Dr. Inga Lemke

16.01.2018 - Silogespräche mit Dr. Wolfgang Ullrich und Dr. Michael Kröger

Dr. Wolfgang Ullrich: Aktiv, Kreativ, Exklusiv. Die adjektive des Publikums im zeitgenössischen Kunstbetrieb.

Dr. Michael Kröger: In der Echokammer. Vom Publikum im Zeitalter von Kunst.

Zu den  Silogesprächen am 16. 1. 2018 haben wir Dr. Wolfgang Ullrich und Dr. Michael Kröger eingeladen. Mit den beiden Referenten möchten wir über das Kunstpublikum diskutieren, das aktuell mit partizipativen Angeboten und Aufforderungsstrategien von Teilhabe und Kooperation verstärkt in den Kunstbetrieb eingebunden wird. Dabei werden beide Autoren ihre Perspektive in Form von Statements umreißen und darüber gemeinsam mit Prof. Dr. Sabiene Autsch und Prof. Dr. Sara Hornäk und den Studierenden in eine Diskussion eintreten, zu der wir alle Interessierten herzlich einladen.

Die Rolle des Kunstpublikums hat sich immer wieder geändert - und vor allem wurde das Museum immer wieder zu dem Ort, an dem sich mustergültig definiert hat, was vom Publikum erwartet wird und was umgekehrt es von der Kunst erwartet. Seit rund zwei Jahrzehnten ist wieder einmal eine größere Veränderung, gar ein Paradigmenwechsel zu beobachten. Das Publikum wird heute in verschiedener Weise angesprochen: es konsumiert Bildung und die Ideen Anderer, es genießt die exklusive Aura der Kunstwelt, die immer Neues verspricht und fühlt sich im häufiger sogar als Ko-ProduzentIn von größeren Zusammenhängen. In Anbindung an die Seminare von Prof. Dr. S. Autsch und Prof. Dr. S. Hornäk, die sich aus der Sicht der außerschulischen Kunstvermittlung einerseits und der Kunstpädagogik andererseits mit theoretischen Entwürfen zur Bildungsfunktion von Kunst auseinander gesetzt haben, können weitere Aspekte und Fragen angeschlossen werden, die das Themenfeld insgesamt erweitern: Öffentlichkeit und Partizipation, ästhetische Erfahrung und Aura, Dinge und Praktiken des Zeigens, White Cube, Display und Ausstellung usw. Doch welche Rolle kommt der Kunst in diesen Aktivierungsprozessen zu? Was produziert ein Publikum im Zeitalter von zeitgenössischer Kunst und: wie verändern sich darüber Bildungsansprüche ebenso wie Vermittlungsaufgaben in Museum und Schule?

Zu den Referenten:
Dr. Wolfgang Ullrich war von 2006 bis 2015 Professor für Kunstwissenschaft und Medientheorie an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, seit 2014 Prorektor für Forschung. 2015 legte er seine Professur nieder. Seither ist er freiberuflich tätig als Autor, Kulturwissenschaftler und Berater und lebt in Leipzig und München. Ausgewählte Publikationen: Tiefer hängen. Über den Umgang mit der Kunst (2003), Was war Kunst? Biographien eines Begriffs (2005), Habenwollen. Wie funktioniert die Konsumkultur? (2006), Siegerkunst. Neuer Adel, teure Lust (2016), Der kreative Mensch. Streit um eine Idee (2016), Wahre Meisterwerte. Stilkritik einer neuen Bekenntniskultur (2017) sowie unter https://ideenfreiheit.wordpress.com

Dr. Michael Kröger  war von 2002 bis 2017 tätig als Kurator am Marta Herford u.a. für die Ausstellungen (My private) Heroes, That’s me – Fotografische Selbst-Bilder“, „Asche und Gold – eine Weltreise“, „JETZT. Zeit und Gegenwartsdesign“, „Iwan Baan. 52 weeks – 52 cities“, „Richard Neutra in Europa“, „Visionen – Atmosphären der Veränderung“ und „Zwischen Zonen – Künstlerinnen aus dem arabisch-persischen Raum“.  Seit 2017 tätig als freier Kurator und Autor zahlreicher Texte zur zeitgenössischen Kunst und Kunsttheorie sowie unter www.mikroeger.de

Einführung: Prof. Dr. Sabiene Autsch, Prof. Dr. Sara Hornäk

Sommersemester 2017

18.07.2017 - Katja Hoffmann: Nicht von der Kunst her, sondern von der Theorie? Fragen an die KUNSTvermittlung der documenta 14.

[Text folgt]

Einführung: Prof. Dr. Inga Lemke

04.07.2017 - Harald Kimpel: Auf der Balkanroute. Die Migration der documenta 14 ins Herz der Krise.

[Text folgt]

Einführung: Prof. Dr. Inga Lemke

20.06.2017 - Thomas Rentmeister: Contemporay Contamination

Am 20. Juni 2017, 18.00 Uhr bilden die SILOGESPRÄCHE den Rahmen eines Künstlergesprächs mit Thomas Rentmeister unter dem Titel „Contemporary Contamination“.

Anlass ist die Ausstellung „kontaminiert“ mit skulpturalen und installativen Arbeiten Thomas Rentmeisters in einem sakralen Raum, der Paderborner Universitäts- und Marktkirche, die noch bis zum 9. Juli läuft. Neben einer aus 3000 H-Milchpackungen bestehenden Bodenarbeit ist dort unter anderem eine fünf Meter hohe Metallskulptur zu sehen. Auf den waagerechten Flächen der strengen Konstruktion aus korrodierten Stahlprofilen bilden Textilien unregelmäßige Haufen, deren leuchtendes Weiß mit den rostigen Metalloberflächen kontrastiert. Thomas Rentmeister weckt dabei Assoziationen im Spannungsfeld von Reinheit und Kontamination.

Über die zur Zeit in Paderborn ausgestellten Arbeiten hinaus wird Thomas Rentmeister im Vortrag am 20. Juni einen Einblick in sein künstlerisches Werk geben, in dem er das Materialspektrum der Skulptur stark erweitert und dennoch an sehr grundlegenden skulpturalen Fragen zur Objekthaftigkeit, zu Dingen und ihren alltäglichen Kontexten, zu Verfremdungsmöglichkeiten, zu Geruch, Konsistenz und Form von Materialien, zu Oberfläche, Volumen, Masse oder Ausdehnung im Plastischen oder zu Strukturen und ihrer Wiederholung in der Installation arbeitet.

Thomas Rentmeister, 1964 in Reken geboren, studierte an der Kunstakademie Düsseldorf und war Meisterschüler von Alfonso Hüppi. Seit 2009 lehrt er als Professor an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig. Seine Arbeiten stellt er in einer Vielzahl von Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland aus.

Einführung: Prof. Dr. Sara Hornäk

16.05.2017 - Anna Lena Treese: Mapping Skulptur Projekte - Erkundung durch Kunst. Ein Vermittlungsprojekt mit internationalen Förderklassen.

Für die Skulptur Projekte 2017 werden 35 künstlerische Projekte im Münsteraner Stadtraum realisiert. Internationale Künstlerinnen und Künstler setzen sich seit 1977 alle 10 Jahre intensiv mit der Stadt auseinander und entwickeln neue, ortsbezogene Arbeiten, die den Stadtraum verändern und historische, architektonische, soziale, politische oder ästhetische Kontexte aktivieren. Hier setzt die Kunstvermittlung der Skulptur Projekte an, indem sie Situationen schafft und Prozesse anstößt, in denen diese Veränderungen wahrgenommen und Wahrnehmungen verändert werden können. Mapping Skulptur Projekte ist eine Zusammenarbeit der Kunstvermittlung mit drei Berufsschulen aus Münster. Sieben Monate lang haben drei internationale Förderklassen, die größtenteils aus Schülerinnen und Schülern mit Fluchterfahrung im Alter von 16-20 Jahren bestehen, die Stadt und die dort seit 1977 verbliebenen Skulptur Projekte erkundet. Die individuellen Ergebnisse werden ab dem 10. Juni in Form eines Kartensets und eines Blogs zugänglich gemacht werden. So werden die Besucherinnen und Besucher auf die Spuren der öffentlichen Sammlung geführt und können sich über die Perspektiven der Jugendlichen selbst neu in Münster orientieren.

ANNA LENA TREESE (Mag. Art) ist Kunsthistorikerin und Kunstvermittlerin. Seit Anfang 2016 ist sie als wissenschaftliche Volontärin in der Kunstvermittlung der Skulptur Projekte Münster 2017 am LWL-Museum für Kunst und Kultur tätig. Sie promoviert über das architektonische Frühwerk des Künstler-Architekten Henry van de Velde und zum Begriff des Gesamtkunstwerks.

Einführung: Prof. Dr. Sara Hornäk

Wintersemester 2016/17

24.01.2017 - Reinszenierung, Reenactment (Workshop und Künstlergespräche)

[Text folgt]

Einführung: Prof. Dr. Inga Lemke

22.11.2016 - Michel Sauer: Stellen

„Stellen“ – so lautet der Titel des Silogesprächs mit dem Bildhauer Michel Sauer. Das Plakat zur Reihe wirbt mit einem mehrteiligen schlichten Holzregal. Darin sind Dinge in unterschiedlicher Größe, Materialität und Farbe versammelt. Was aber sind das für Dinge, fragt sich der Betrachter, die auf den ersten Blick vertraut und bekannt vorkommen, an Fundstücke aus Natur und Technik, an Gebrauchsgegenstände oder Artefakte erinnern? So wie die Dinge ins Regal gestellt sind und Stellen darin besetzen, werden Platzierungen vorgenommen und Beziehungen begründet, wodurch die strenge Anordnung in eine geradezu poetische Schauanordnung transformiert. Die Dinge, so scheint es, sind hergestellt und eingestellt, um ausgestellt und angeschaut zu werden. Regal und Ding bilden einen eigenen Raum aus, in dem sich das Ding weniger in seinem Dingsein präsentiert, sondern vielmehr Dingformen veranschaulicht, die zum Vergleich motivieren. Die Dinge und Objekte, die Michel Sauer seit den 1970er Jahren schafft, in Regale, auf Tische oder in Vitrinen stellt, sind modellhafte Nachbildungen. Damit sind bereits wesentliche Bereiche angesprochen – Raum, Ding, Präsentation –, wodurch das „Stellen“ als Handlungsform präzisiert und konzeptionell im Gesamtwerk des Künstlers verortet werden kann. Das „Stellen“ erhält etymologisch im Zusammenhang von Ausstellung und Stellsystemen, von Gegenständen und Gestellen, von Herstellen und Ausstellen sinnhafte Bedeutung. An exemplarischen künstlerischen Arbeiten, Einzelstücken, Reihen, Installationen zum Thema „Höhlen“, „Bauten“, „Gestelle“ sowie deren Inszenierung wird Michel Sauer sein künstlerisches Denken und Handeln erläutern, wozu er anmerkt: „Fragestellung und Interpretation gehen jeweils von realen Objekten aus, sie beziehen sich auf verschiedene Aspekte von Herstellung und Wahrnehmung. Modelle machen das Gedankliche gegenwärtig; Ähnlichkeit und Behauptung verbinden sich in einer Art Referenz-Architektur. Die Dinge verhandeln Materialsprache, Maßstabwechsel, Proportion und Stil jeweils in einem ‚eigen-sinnigen‘ Verfahren.“

Der Vortrag findet um 18 Uhr c.t. in Anbindung an die Seminare „Denken am Modell“ - Theorie und Praxis (Prof. Dr. Sabiene Autsch und Eva Weinert) sowie „Fotografische Praxis als Kuratorische Praxis“ statt. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen! Silo des Faches Kunst, Warburger Str. 100, 33098 Paderborn (Prof. Dr. Sabiene Autsch, Kunst/ Kunstgeschichte und ihre Didaktik).

Michel Sauer, geboren 1949 in Titisee-Neustadt, Studium an der Staatlichen Akademie der Künste, Karlsruhe. 1972 Kunstpreis „Junger Westen“, 1980 Villa Romana-Stipendium, Rom; 1994 Villa Romana-Preis, Florenz. Von 1994 - 2014 Professur für Bildhauerei an der Universität Siegen. Seit 1974 Ausstellungen in Museen und Galerien im In- und Ausland.

Einführung: Prof. Dr. Sabiene Autsch

Sommersemester 2016: Prozesse künstlerischer Forschung und Produktion

Reihentext: Prozesse künstlerischer Forschung und Produktion

Wie arbeiten Künstlerinnen und Künstler, wie laufen künstlerische Schaffensprozesse ab, welche kunstpädagogischen Überlegungen können wir daraus ableiten? Wie werden künstlerische Produktionsprozesse im Unterricht initiiert? Worin besteht der Unterschied von künstlerischer und wissenschaftlicher Forschung und künstlerischer und wissenschaftlicher Wissensproduktion? Gibt es eine Parallelität oder Analogie wissenschaftlicher und künstlerischer Praktiken, was können beide voneinander lernen, welche Formen der Transdisziplinarität existieren? Tritt Kunst nicht immer mit dem Anspruch von Erkenntnisgewinn auf und entspricht somit immer einer suchenden, problematisierenden und forschenden Haltung gegenüber sich selbst und der Welt? Liegt der Grund dafür, dass der Begriff „Artistic Research“ in den letzten Jahren eine solche Konjunktur erfahren hat, nicht auch an verstärkten Ziel- und Zweckorientierungen, die der Forschung gerne zugesprochen werden? Die neue Reihe der Silogespräche wird sich diesen Fragen aus künstlerischer, kunstwissenschaftlicher, kunstpädagogischer und wissenschaftstheoretischer Perspektive widmen und dazu Gäste aus den unterschiedlichen Disziplinen zu Workshops, Vorträgen und Diskussionen einladen.

Konzeption und Organisation:
Prof. Dr. Sabiene Autsch, Prof. Dr. Sara Hornäk

07.06.2016 - Janneke de Vries: Was muss, was kann man zeigen? Gedanken aus dem kuratorischen Alltag.

Ein deutlich gewandeltes Berufsbild der Kurator/innen, zunehmende Knappheit an finanziellen Ressourcen und hartnäckige Forderungen von Politik und Öffentlichkeit, Ausstellungen zeitgenössischer Kunst hätten niedrigschwellig zu sein und die Besucher/innen „abzuholen“, machen eine beständige Befragung des eigenen Tuns als Kurator/in und programmverantwortende Leitung eines Hause heute nötiger denn je. Welche „Art“ Kurator/in möchte man/frau sein? Geht es um eigene Setzungen oder um eine Freiraum-Schaffung für andere? Wie ist der Balanceakt zwischen Geldknappheit und Qualität von Ausstellungen zu bewältigen, ohne ihn auf dem Rücken der Künstler/innen auszutragen? Und wie nimmt man das Einfordern einer „Kultur für alle“ ernst, ohne die eigenen Vorstellungen zu vernachlässigen und Konsens zu befördern? Anhand einiger Beispiele aus ihrer kuratorischen Praxis an der GAK Gesellschaft für Aktuelle Kunst geht Janneke de Vries diesen Fragen nach.

Janneke de Vries ist Kunsthistorikerin, Kuratorin und Autorin. Seit 2008 leitet sie die GAK Gesellschaft für Aktuelle Kunst in Bremen. Nach Tätigkeiten als Kulturredakteurin, freier Kritikerin, freier Kuratorin und wissenschaftlicher Mitarbeiterin in Frankfurt/Main und Hamburg war Janneke de Vries bis 2007 Direktorin des Kunstvereins Braunschweig. Dort realisierte sie u.a. Einzelpräsentationen mit Claire Barclay und Mark Wallinger, die internationale Gruppenausstellung Um-Kehrungen und ein Gastkuratorenprogramm.
Seit 2008 verantwortet sie das Programm der GAK Gesellschaft für Aktuelle Kunst in Bremen, wo sie Einzelausstellungen u.a. mit Cezary Bodzianowski, Shannon Bool, Vlassis Caniaris, Anetta Mona Chisa & Lucia Tkacova, Mariechen Danz, Koenraad Dedobbeleer, Matt Mullican, Kate Newby, Peles Empire, Kathrin Sonntag oder Cathy Wilkes sowie die Gruppenausstellungen Space Revised. Friendly Takeovers, An einem schönen Morgen des Monats Mai..., Beyond Words, Girls can tell oder Im Inneren der Stadt. Öffentlicher Raum und Frei-Raum gezeigt hat. Am 20. Mai eröffnete die Ausstellung Max Schaffer. Power of Style. Neben ihrer Tätigkeit an der GAK kuratiert Janneke de Vries freie Projekte und veröffentlicht Texte zur zeitgenössischen Kunst.

Einführung: Prof. Dr. Sabiene Autsch

19.04.2016 - Andreas Mader: Die Tage Das Leben

[Text folgt]

Einführung: Daniel Sampaio Ribeiro und Prof. Dr. Inga Lemke

Wintersemester 2015/16

12.01.2016 - Dorothea Reese-Heim: Materialerforschung

Im Kontext der Thematik „Prozesse künstlerischer Forschung und Produktion“, die für die aktuelle Reihe der Silogespräche im Wintersemester 2015/16 gewählt wurde, wird der Blick verstärkt auf die Realität aktueller künstlerischer Arbeitsweisen gerichtet. Diese hat in den letzten Jahren einen tiefgreifenden Wandel erfahren, der u.a. auch mit Öffnung, Entgrenzung und Verschränkungen mit anderen Disziplinen, Wissensbereichen, Theorien und Diskursen eng zusammen hängt. Dorothea Reese-Heim repräsentiert in ihrem künstlerischen Denken und Handeln jene Tendenzen künstlereischer Forschung und Produktion, für die das Material Ausgangspunkt intensiver Recherchen und Reflektionen ist. Aus der Textilkunst kommend, spielt immer auch der bildhauerische Ansatz in den Arbeiten der Künstlerin eine zentrale Rolle. Dabei werden die skulpturalen Möglichkeiten wie z.B. von handgeschöpftem Papier und textilen Materialien ausgelotet. Darüber hinaus ist es insbesondere die Kombination unterschiedlicher Materialien und Werkstoffe, die die Künstlerin in ihrem jeweiligen physikalischen Verhalten erkundet und zusammen führt. Sie verwendet u.a. Aluminium und Kupfer, Fiber- und Glasfaserstäbe, Federstahl, Stahldraht, PVC-Schläuche und -binder, Spiegel und Glas, wodurch umfassende Werkreihen wie z.B. die der geometrischen und diaphanen Raumkörper, der Raumzeichnungen und geschlossenen Systeme entstanden sind. Dabei wird geprägt, gewickelt, gegossen, gestreckt, durchnadelt, schabloniert, fixiert, versiegelt und konserviert, es wird codiert und durchleuchtet, balanciert und inszeniert.

Dorothea Reese-Heim (München) war von 1983-2009 Professorin im Fach Textil an der Universität Paderborn, sie hat renommierte Preise und Auszeichnungen erhalten, wie z.B. 1995 den Bayerischen Staatspreis, 2004 das Bundesverdienstkreuz am Bande oder 2009 den Seerosenpreis der Stadt München, darüber hinaus hat sie an zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland teilgenommen. Die Künstlerin gibt im Silogespräch am 12. Januar Einblicke in ihre vielschichtigen Arbeits- und Verfahrensweisen, worüber sie immer wieder Anschlüsse an andere Wissensfelder sucht.

Einführung: Prof. Dr. Sabiene Autsch

07.12.2015 - Hannes Hoelzl: Gardening In The Garden Of Forking Paths

[Text folgt]

Einführung: Prof. Dr. Inga Lemke und Renate Wieser

24.11.2015 - Prof. Dr. Barbara Bader: Your smarter than me. i don't care. Der subjektive Faktor in der künstlerischen Forschung

Den Auftakt der Reihe „Prozesse künstlerischer Forschung und Produktion“ bilden die am Dienstag, den 24. November 2015 stattfindenden SILOGESPRÄCHE mit Prof. Dr. Barbara Bader, die in ihrem Vortrag stereotype Vorstellungen künstlerischen Forschens hinterfragt und die kunstpädagogischen Implikationen des seit einigen Jahren währenden Diskurses zum künstlerischen Forschen herausarbeitet: „Was ist eine Künstlerin, ein Designer, eine Forscherin oder ein Kunstlehrer? Was ist Forschung? Folgen wir Christopher Fraylings mittlerweile historischem Artikel Research in Art and Design aus dem Jahre 1993, war (und bleibt, meine ich) die Debatte geprägt von stereotypen Vorstellungen, was Forschung involviere und was sie liefere. Ausgehend von ebendiesem Begriff: das Stereotyp, nähern wir uns vortragend, zeichnend und diskutierend dem subjektiven Faktor, der Rolle der Intersubjektivität und schließlich den drei von Frayling (in Rückgriff auf Herbert Read) präsentierten Forschungskategorien: research into/through/for the arts. All dies mündet im Argument, dass mit Blick auf das künstlerische Lehramtsstudium und die kunstpädagogische Praxis die Separierung dieser Kategorien weniger Sinn zu machen scheint als deren Verständnis eines zusammenhängenden Bündels epistemologischer Praktiken.“

Barbara Bader,(*1972 in Bern), Professorin für Fachdidaktik Kunst und Bildungswissenschaften an der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. 2006-2013 Studienbereichsleiterin BA/MA Art Education an der Hochschule der Künste Bern. Studium Lehramt Grund- und Sekundarstufe, Illustration und Kunstgeschichte an den Universitäten Bern, Prag und Oxford. Forschungs- und Lehrschwerpunkte: Biografie und Profession, Normalisierungsprozesse, Lern- und Wissensformen in den Künsten.

Einführung: Prof. Dr. Sara Hornäk

Informationen zu Silogesprächen aus vorherigen Semestern finden Sie hier: Homepage Silogespräche.

Aktuell

Alle Videoaufzeichnungen von Silogesprächen finden Sie auf unserem Channel.

Publikationen

Sabiene Autsch, Sara Hornäk (Hg.)
Material und künstlerisches Handeln
Positionen und Perspektiven in der Gegenwartskunst
(unter Mitarbeit von Susanne Henning)

Juni 2017, 256 S., kart., 34,99 €
ISBN 978-3-8376-3417-4

Weitere Informationen zur Publikation finden Sie hier.
Leseprobe (PDF-Datei)

 

Sabiene Autsch, Sara Hornäk (Hg.)
Räume in der Kunst
Künstlerische, kunst- und medienwissenschaftliche Entwürfe

November 2010, 304 S., kart., 32,80 €
ISBN 978-3-8376-1595-1

Weitere Informationen zur Publikation finden Sie hier.
Leseprobe (PDF-Datei)

Die Universität der Informationsgesellschaft