Neue We­ge auf ver­ges­se­nem Ge­län­de - Work­shop über die Spa­ni­schen Nie­der­lan­de im spä­ten 17. Jahr­hun­dert

Am 29. und 30. September fand in Paderborn eine ambitionierte Tagung statt, welche die Forschung über die Geschichte der Spanischen Niederlande im späten 17. Jahrhundert wiederbelebte und Debatten über die Staatlichkeit dieses historischen Gebietes anregte. Obwohl das Gebiet (das grob mit dem heutigen Belgien übereinstimmt) zwischen dem Achtzigjährigen Krieg (1648) und dem Spanischen Erbfolgekrieg (1701) oft als krisengeschüttelte Peripherie des Reiches der spanischen Habsburger dargestellt wird, ist vieles über die Spanischen Niederlande und die Frage, ob es hier eine autonome Regierung gegeben hat, unerforscht. Dennoch gilt die Region als im Zerfall begriffen sowie als Opfer von Kriegen und inkompetenten Gouverneuren. Die Forschung ignoriert auch die geopolitische Bedeutung des Gebietes in einer Zeit, die als Geburtsstunde des europäischen Staatensystems gilt. Die als Workshop konzipierte Tagung fragte daher, ob die spanischen Niederlande als "Staat" im eigentlichen Sinne angesehen werden können. Hierzu wurden mit einem Call for Papers Referenten aus ganz Europa eingeladen, um mit ihren Vorträgen einzelnen politischen, institutionellen und wirtschaftlichen Aspekten der Region dieser Zeit zu beleuchten. Zusammen würden sie ein neues Bild auf eine unterschätzte Region werfen.

An zwei schönen Herbsttagen trafen fünfzehn Teilnehmer im Liborianum ein, um von Montagmorgen bis Dienstagmittag ihre Papers vorzustellen. Nach einem Grußwort durch Professor Johannes Süßmann im Namen des Belgienzentrums eröffnete der Veranstalter, Jun. Prof. Yves Huybrechts, die Tagung mit einer Rede, in der die Forschungslage, die Zielsetzung sowie auch der Ablauf des Workshops vorgestellt wurden. Ein Wort des Dankes an alle Förderer erfolgte auch. Danach startete Prof. Manuel Herrero Sánchez der Pablo de Olavide-Universität von Sevilla die erste Sektion mit einem Paper über die europäischen polyzentrischen Strukturen des spanischen Reiches und die Position der Niederlande darin. Danach wurde die Aufmerksamkeit der Teilnehmer von Aurélien Destain, Doktorand an der Universität Luxemburg, auf das Verhältnis zum Heiligen Römischen Reich gelenkt, zu dem die Niederlande formal gehörten. Nachdem so in der ersten Tagungshälfte die völker- und staatsrechtlichen Aspekte bezüglich der Spanischen Niederlande beleuchtet wurden, ging es in der zweiten Tageshälfte in den Vorträgen von Prof. Guido Braun der Universität Haute-Alsace sowie René Vermeir der Universität Gent um die internationalen Konflikte im 17. Jahrhundert sowie die wichtigsten Feinde und Alliierten Spaniens. In der zweiten Nachmittagssektion beleuchteten dann Doktoranden der Universitäten Gent (Brent Lievens) und Luxemburg (Jonathan Stuart Keogh) die interne Regierung der Spanischen Niederlande, wobei der Anteil der flämischen Staatenversammlungen an der Militärorganisation und die Verwaltung des von Frankreich besetzten Luxemburgs zentral waren. 

Eröffnet wurde der zweite Workshoptag von Doktorandin Laura Perona Guillén der Universität Castilla-La Mancha, die über die Rolle von adligen Familien wie de Ligne als Verbindung zu Spanien referierte. Hieran schloss das Paper von Prof. Dries Raeymaekers der Radboud Universität Nimwegen an, der sich mit der politischen und zeremoniellen Rolle des Brüsseler Hofes befasste. Der Vortrag von Prof. Hiram Kümper der Universität Mannheim musste leider wegen Krankheit ausfallen. Stattdessen präsentierte Yves Huybrechts einen “Werkstattbericht” mit ersten Erkenntnissen und Fragen aus seiner Forschung bezüglich der Regierung des Gouverneurs Max Emanuels von Bayerns. In der letzten Sektion des Tages stellte Prof. Roberto Quirós Rosado der Autonomen Universität von Madrid seine Forschung über die Bande zwischen den Ministerialen in Madrid in Brüssel vor, wonach wieder Yves Huybrechts über seine Forschung bezüglich der niederländischen Zollpolitik referierte. 

Das vom Veranstalter gewählte Format eines Workshops – und die Betonung des “Work” – schätzten die Teilnehmer sehr. Für jeden Beitrag und jede Sektion (jeweils aus zwei Beiträgen bestehend) wurde bis zu einer halben Stunde Diskussionszeit eingeplant. Die Teilnehmer nahmen diese Gelegenheit dankend an, ausführlich auf Beiträge eingehen und sie diskutieren zu können. In den Diskussionen am Ende jeder Sektion wurden auch große Fragen und Einsichten freigelegt, die der Veranstalter dankend für seine Forschung angenommen hat. Dass der Workshop “kompakt” war, aber dennoch fast alle relevanten Forscherinnen und Forscher versammelte, förderte angesichts der langen Vernachlässigung des Themas die Diskussionsfreudigkeit und die Bereitschaft, über die Tagung hinaus weiterzuarbeiten. Zwei Tage lang hatte die Gesellschaft, bestehend aus etablierten Professoren und Nachwuchswissenschaftlern aus Belgien, Frankreich, den Niederlanden, Deutschland und Spanien Gelegenheit, in den Sektionen, in den Pausen und beim Essen Altes zu reevaluieren und Neues anzustoßen. In den Diskussionen wurden auch eklatante Forschungsmängel, u.a. bezüglich der Wirtschaftsgeschichte oder der Rolle der königlichen Statthalter, festgestellt. Auch das Bedürfnis, die Verflechtungen mit “Deutschland” in der Geschichte der Spanischen Niederlanden (die bisher zu sehr auf Spanien, Frankreich und die beiden Niederlande fokussiert ist) zu beleuchten, wurde als Desiderat für Folgetagungen hervorgehoben. U.a. Jun. Prof. Huybrechts gewann mit dem Workshop wichtige Zugänge zu Archiven und Literaturtipps. Für das Historische Institut der Universität als Ganzes brachte der Workshop einen erheblichen Internationalisierungsschub und neue Kontakte für Gastvorträge. Für diese Gewinne sowie auch für die exzellente Tagungsorganisation und –bewirtung dankten alle Teilnehmer. Der Veranstalter dankt allen, die es möglich machten, auch der Universitätsgesellschaft.

Nun geht es für die Workshoporganisatoren darum, die Befunde und Desiderate des Workshops festzuhalten und für weitere Forschung zu aktivieren. Zunächst werden die Papers bald in einem “Special Issue” einer angesehen europäischen Zeitschrift veröffentlicht. 

Pro­gramm des Work­shops

29th September 2025 

Morning Session 

09:00. Registration and coffee 

09:30. Greetings on behalf of the Historical Institute and the Belgienzentrum of the University

(Prof. Dr. Johannes Süßmann)

09:45. Opening speech and organizational remarks 

(Yves Huybrechts, University of Paderborn) 

10:15. The Spanish Low Countries and the resilience of a polycentric imperial structure of urban republics (1648-1701) 

(Manuel Herrero Sánchez, Pablo de Olavide University of Seville) 

11:00. “Cur si Circulus est non nominetur?” The Habsburg Netherlands and the Holy Roman Empire after the Peace of Westphalia (1648-1664) 

(Aurélien Destain, University of Luxembourg & Université Haute-Alsace) 

11:45. General discussion 

12:15. Lunch break 

 

Afternoon session 

13:00. Expansionist policy and legal legitimation strategies of Louis XIV in the War of Devolution. The Spanish Netherlands in the political conception of the Sun King in the 1660s

(Guido Braun, Université Haute-Alsace CRESAT)

13:45. Former enemies, new allies: Spain, the Habsburg Netherlands, and the Republic against France, 1648-1659 

(René Vermeir, Ghent University) 

14:30. General discussion

15:00. Coffee break

15:15. ‘Tot secourse ende verlossynghe van dese provintie’ The role of the Estates of Flanders in the defence of the country against the French invasions, 1650-1700.

(Brent Lievens, Ghent University)

16:00. Luxembourg in the face of French Justice, 1684-1698 

(Jonathan Stuart Keogh, University of Luxembourg)  

16:45. General discussion 

18:00. Dinner for Speakers

 

30th September 2025 

Morning sessions 

09:00. The Troubled Decade. The III prince of Ligne, Flemish Elite and the governors of the Low Countries (1659-1668) 

(Laura Perona Guillén, University of Castilla-La Mancha) 

09:45. The Subversive Subcourt: The Political Role of the Court of Brussels in the 17th Century 

(Dries Raeymaekers, Radboud University Nijmegen) 

10:30. General discussion

11:00. Coffee break

11:15. Public provision in difficult times: grain policies in the Spanish Netherlands in the second half of the 17th century

(Hiram Kümper, University of Mannheim)

12:00. General discussion

12:15. Lunch break

 

Afternoon session 

13:15. The Governor and the President. A Court Agency between Brussels and Madrid, 1683-1685

(Roberto Quirós Rosado, Autonomous University of Madrid)

14:00. Kowtowing to the Dutch or a sign of active policy making? The 1681 reform of the customs tariffs under governor Farnese

(Yves Huybrechts, University of Paderborn)

14:45. General discussion 

15:15. Coffee break 

15:45. Final conclusions and future projects 

16:15. Remarks on publication opportunities