Tagung: Von Transzendenz zum Transhumanismus - Deutungskulturen von (Un)Heilsgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert
Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte von einer Suche nach Heil und Erlösung. Wurde beides noch bis in die Moderne vornehmlich in den Armen unterschiedlicher Glaubensrichtungen und ihrer Kirchen gesucht, vertrauten im Zuge der Aufklärung immer mehr Menschen ihr immanentes und auch ihr transzendentes Schicksal anderen Deutungsmächten an.
So gilt das ubiquitäre Ideal des „Pursuit of Happiness“, das als Grundrecht erstmals schriftlich in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung formuliert wurde, als typisches Phänomen der Moderne und ist inhaltlich angefüllt mit weltlichen Heilsversprechen wie Individualglück, materiellen Wohlstand sowie ein höchstmögliches Maß an Selbstverwirklichung. Diese Vorstellung irdischen Heils bildet zudem die Grundlage unserer heutigen neoliberalen Marktwirtschaft und Wettbewerbsgesellschaft, deren Protagonisten im ständigen Effizienzgewinn bestimmter Branchen den Dreh- und Angelpunkt allgemeiner Wohlfahrt erblicken.
Darüber hinaus ist im Laufe des letzten Jahrhunderts durch die konstitutiven Faktoren Bildung, materielle Grundversorgung, soziale Grundsicherung sowie Kranken- und Rentenversicherungen ein komplexes System entstanden, das ein Mindestmaß an Heil und Erlösung vor dem Tod garantieren soll. Aus der ursprünglichen Jenseitsvorsorge ist somit eine „Diesseitsvorsorge“ geworden. Zerfall der Gesellschaft, massive Armut, die Globalisierung und die mit ihr verknüpften Folgen wie Krieg, Terror, Umweltzerstörung und Klimawandel sind nur ein paar der Kehrseiten, die manche irdischen Heilsbringer nach sich ziehen. So ist Heil stets mit Unheil, Erlösung stets mit Untergang verbunden. Dies bedeutet, dass die Chancen, Sinnstiftung ausschließlich im Diesseits zu finden, in extremem Maße ungleich verteilt sind.Zugleich wird deutlich, dass die Sehnsucht nach Heil und Erlösung und die Furcht vor Unheil und Untergang nach wie vor bestehen, ihre Inhalte und Träger sich vor dem Hintergrund einer stark säkularisierten Welt jedoch transformiert haben.
Die Tagung ist eine Kooperation zwischen dem Lehrstuhl für Neueste Geschichte, dem Lehrstuhl für Didaktik der evangelischen Religionslehre mit Kirchengeschichte sowie der Professur für Jüdische Studien. Wir bedanken uns beim Präsidium der Universität Paderborn sowie bei der Universitätsgesellschaft Paderborn für die freundliche Unterstützung.
Interessenten sind herzlich willkommen.
Anmeldungen an: trans19 [at] mail.uni-paderborn.de
Veranstaltungsort: Universität Paderborn, Räume L 2.201 / L 2.202
Donnerstag, 14. März 2019
| 10:00 | Begrüßung |
| 10:15 | Impulsvortrag Dr. Martin Dröge (Universität Paderborn) |
| 10:30 | Sektion 1: Utopien und Dystopien Prof. Dr. Matthias Asche (Universität Potsdam) ‚Bis Jesu Reich bricht ein.’ Heils- und Endzeiterwartungen pietistischer Emigranten aus Südwestdeutschland am Beginn des 19. Jahrhunderts Dr. Jacob Birken (Universität Kassel) Planen für das soziale Millennium - Utopische Kommunen Nordamerikas zwischen Transzendentalismus und Reformbewegung Vojin Saša Vukadinović (Humboldt-Universität zu Berlin) Der erste transhumane Albtraum - Wissenschaftsethik in Mary Shelleys "Frankenstein", 1818 |
| 12:00 | Mittagspause |
| 13:30 | Sektion 2: Heilsgeschichte(n) Martin Müller (Universität Greifswald) Industrie als transzendenter Natur-Katalysator zur Erlösung der Menschheit? Alexander Hildebrandt MA (Universität Kassel) „Ein Mensch ist zu nichts ‚berufen‘ und hat keine ‚Aufgabe‘, keine ‚Bestimmung‘“. Max Stirner über die religiöse Besessenheit des Menschen vom Menschen Prof. Dr. Elisa Klapheck (Universität Paderborn) Investitionen in die messianische Zeit |
| 15:00 | Pause |
| 15:30 | Sektion 3: Unheilsgeschichte(n) Doc. Dr. Nerijus Šepetys (Universität Vilnius) „Wo aber ist das Lamm für das Brandopfer?“ (Gen 22, 7) Die geschichtstheologischen und methodologischen Herausforderungen für die Deutung der NS-Taten Raphael Döhn (Universität Kassel) Geschichte als Leidensgeschichte. Die Verschärfung der Theodizeefrage im 20. Jahrhundert PD Dr. Tilman Hannemann (Carl von Ossietzky Universität Oldenburg) Carrels neuer Mensch: Spiritualität, Technologie und religiöser Populismus zwischen deutschem Kriegstrauma und Wirtschaftswunder |
| 17:00 | Ende der Sektion |
19:30 Uhr öffentlicher Abendvortrag im Festsaal des historischen Rathauses der Stadt Paderborn
Prof. Dr. Peter Dabrock
(Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg)
Vorsitzender des Deutschen Ethikrates
Auslaufmodell Mensch? Wenn Künstliche Intelligenz und Biotechnologie verschmelzen
Freitag, 15. März 2019
| 9:30 | Sektion 4: Mensch, Technik und Transhumanismus Sabrina Lausen M.A. (Universität Paderborn) Von Piloten und „Pac-Man-Freaks”. Über die transhumanistische Entwicklung in der internationalen zivilen Luftfahrt Rainer Alisch M.A. (Freie Universität Berlin) Trans- oder Posthumanismus? Wissenschaftstheoretische Reflexionen in Anschluss an Karen Barads Neuen Materialismus Pause Dr. Nikolai Münch/Dipl.-Soz. Justus Pötzsch (Johannes Gutenberg-Universität Mainz) Vom (Un)Heil zur Kontingenz - Parallelitäten und Brüche transhumanistischer und religiöser Kontingenzbewältigung Dr. Michael Waltemathe (Ruhr-Universität Bochum) Neuer Himmel, neue Erde, neuer Mensch? |
| 12:00 | Mittagspause |
| 13:30 | Sektion 5: Säkulare Erlösungsstrategien Dr. Florian Heßdörfer (Universität Leipzig) Heilsversprechen aus Harvard. David McClelland, Timothy Leary und Richard Alpert als Protagonisten dreier Erlösungsprojekte des 20. Jahrhunderts Dr. Sebastian Engelmann (Eberhard Karls Universität Tübingen) Unheilige Allianzen - Entfehlerung, Leistungssteigerung und Reformpädagogik Pause Martin Fromme M.A. (Universität Paderborn) Eine diesseitige Heilsgeschichte? - Die (darwinistische) Evolutionstheorie als Garant für die Vervollkommnung der Menschheit Henning Wachter M.A. (Katholische Fachhochschule NRW Abteilung Paderborn) Heilsversicherung und Ordnungsgarantie - Die Staatsleistungen an die Kirchen in Deutschland |
| 16:00 | Pause |
| 16:30 | Abschlussdiskussion Leitung: Sabrina Lausen M.A. (Universität Paderborn) |
| 17:30 | Ende der Tagung |
