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Die Bereiche des Instituts

Foto: Yvonne Ruhose

Heterogene Widerstandskulturen: Sprachliche Praktiken des Sich-Widersetzens von 1933 bis 1945

In dem von der DFG geförderten Projekt, das im Frühjahr 2018 beginnt, soll auf der Basis eines repräsentativen volltextdigitalisierten Korpus umfassend ermittelt werden, wie Sprache eingesetzt wird, um Widerstand auszuüben, welche Sprachge­brauchsmuster nachweisbar sind und welche Leistungen diese erbringen. Zentrale Doku­mente des deut­schen Wi­der­stands zwischen 1933 und 1945 wurden, seien es öffentliche Dokumente wie Flugblätter oder Denkschriften, seien es private Dokumente wie Tagebuch- oder Haftaufzeichnungen, in sprachwissenschaft­lichen Forschungen zum Na­tionalsozialismus trotz wieder­holter Verweise auf ein entspre­chendes Forschungsdeside­rat bisher allenfalls punktuell unter­sucht. In das Projekt sollen nicht nur bekannte Dokumente wie etwa die Flugblätter der Weißen Rose oder die Schriften des Kreisauer Kreises, sondern auch eher unbekannte Schriften und Verlautbarungen eingehen. Deren Analyse soll auch durch private Zeugnisse, Briefwechsel, Tagebuch- und Haftaufzeichnungen und Lebensberichte gestützt werden.

Bei dem Vorhaben soll insbesondere die Heteroge­nität der Widerstandskommunikation systematisch berücksichtigt werden, die sich zum einen durch die Bindung an jeweils unterschiedliche soziale und/oder poli­tische Milieus, zum ande­ren durch die je unterschiedliche Akteursposition und zum dritten durch eine jeweils unter­schied­liche Auseinandersetzung mit dem NS-Machtapparat und der zunehmend inte­grierten Gesellschaft erklärt, deren Sprachgebrauch u.a. in einem DFG-Projekt von Heidrun Kämper (IDS Mannheim) „Sprachliche Sozialgeschichte 1933-1945“ untersucht wird, mit das Projekt eng verbunden ist.

Zur Analyse von Widerstands­texten wird auf Basis schon vorhandener Ansätze zu einer handlungsorientierten Diskursanalyse ein eigenständi­ges mehrdimensio­nales Modell entwickelt, das unter Berücksichtigung der ge­nannten Vo­raussetzungen von der textlichen Oberfläche ausgehend Hand­lungsmuster  (so Handlungen der Wirklichkeits-, Identitäts- und Beziehungskonstitution sowie Handlungen des Wider­spruchs, des Widerlegens und der Gegenwehr) und deren Veränderung erschließt. Da es sich zumeist um schriftliche Texte handelt, wird auch der Gestalt, der Materialität der Texte, und ihrem Zusammenspiel mit anderen semiotischen Ressourcen (Bilder, Zeichnungen) Beachtung geschenkt. Übergreifend soll auch der Stil, der sich holistisch aus allen Kommunikationsebenen ergibt, und sein Kontextualisierungspotential einbezogen werden. In me­thodi­scher Hinsicht ist das Forschungsvorhaben grundsätzlich der linguistischen Hermeneu­tik verpflichtet. Das Projekt sieht jedoch auch eine Ver­knüpfung von quantitativen und quali­tativen Ver­fahren vor, deren Einsatz auf der Grundlage des Ana­lysemodells erfolgt. Vorgesehen ist der Einsatz des Tools CATMA.

Die Untersuchung der Widerstandskommunikation trägt zwar somit den in der Zeitgeschichte ermittelten Ergebnissen Rechnung, zielt jedoch auf eine eigenständige sprachwissenschaftli­che Profilierung der Widerstandsthematik ab und eröffnet folgende Perspektiven: Sie erlaubt, Widerstand nicht nur im Sinne einer Widerstandsaktivität, etwa gemäß der gängigen Unter­teilung in einen aktiven und einen passiven Widerstand, zu verstehen, sondern ihn auch vom Sprachgebrauch her zu erschließen und Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu Mustern der öffentlichen Kommunikation des NS-Apparates und zum Sprachgebrauch der integrierten Gesellschaft nachzuweisen. Die mit dem Projekt verbundene Untersuchung der Indienst­nahme vorgängiger Praktiken und dadurch vermittelter Diskurse zeigt einerseits die Traditi­onsbindung des widerständigen Sprachgebrauchs an, andererseits schärft sie den Blick für eine Traditionsentbindung bzw. für die Veränderungen des Sprachgebrauchs unter den Be­dingungen des Totalitarismus.

Die Universität der Informationsgesellschaft