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Sprache als Zugang zur religiösen Teilhabe

Mit der Sprache ist ein zentrales Moment von Gemeinschaft und Kultur benannt. Auch das Christentum ist als Buchreligion neben vielen rituellen Handlungen wortgeprägt. Ob bei Dialekt oder Hochsprache, Fremd- oder Fachsprache wird über die Sprache Zugang zu einer Gemeinschaft ermöglicht oder verwehrt. Für die Teilhabe an Gesellschaft und gerade auch der christlichen Gemeinschaft ist die Sprache damit ein relevanter Aspekt. In den verschiedenen Forschungsprojekten wird die christliche Sprache mit ihren Lern- und Entwicklungsimplikationen bestimmt und unterschiedliche Lernsettings erprobt.

Religiöse Sprachentwicklung im Ganztag - Eine Interventionsstudie

Im Rahmen dieser Studie wurde ein Angebot zur Sprachentwicklung in der christlichen Gemeinschaft der katholischen Grundschule St. Michael entwickelt, das darauf abzielt, die Kompetenz zu fördern, religiöse Sprache verstehen und verwenden zu können.

 

Studien zur religiösen Begriffsentwicklung

Das Forschungsteam untersucht die religiöse Begriffsentwicklung von Kindern unter dem Titel "Relgiöse abstrakte Begriffe und Sprachentwicklung in sozialer Aushandlung: Die Rekonstruktion semantischer Bedeutungsentwicklung bei Grundschüler:innen zum abstrakten relgiösen Begriff Barmherzigkeit (RABE)", Förderung beantragt bei der DFG.

Forschungsstand

1. Forschungsstand zur religiösen Sprachfähigkeit

Um Teil der Glaubensgemeinschaft des Christentums zu werden, ist es für Kinder und Jugendliche von entscheidender Bedeutung, die Sprache des katholischen Christentums zu beherrschen. Allerdings wird ihnen immer wieder eine religiöse Sprachunfähigkeit attestiert (vgl. Sitzberger 2013). Der Religionsdidaktiker Tobias Faix stellt beispielsweise heraus, dass die Kinder und Jugendlichen sich nicht mehr der traditionellen christlichen Sprache bedienen (können) (vgl. Faix 2015). Dieses Ergebnis stützten Stefan Altmeyer und Dieter Hermann in einer folgenden Studie mit Kindern im Übergang zum Jugendalter. 35% der Befragten (n = 487) ordnen die Autoren in eine Gruppe die sie „Sprachlose“ nennen ein, da diese keine Worte haben, um über Gott zu sprechen. Die anderen 65% finden eigene Wege über ihr Gottesbild zu sprechen (vgl. Altmeyer, Hermann 2016). Die Religionspädagogin Karin Peter merkt jedoch zu recht an, dass „systematische Erkenntnisse und Reflexionen zu der Generierung bzw. der spezifischen Eigenart einer religiösen Jugendsprache [und Kindersprache; d. Verf.], die über die Darstellung einzelner Unterrichtsstunden und -projekte hinausgehen“ (vgl. Peter 2016, S. 77), kaum zu finden sind. Dieses Desiderat gilt es in der Interventionsstudie mit zu füllen.

2. Forschungsstand zur Verbesserung von (religiöser) Sprachentwicklung

Das Vorlesen oder das gemeinsame Lesen von Geschichten fördert die Sprachfähigkeit und die Größe des Wortschatzes von Kindern. Verschiedene linguistische Untersuchungen haben den signifikanten Zusammenhang des Vorlesens und der Sprach- bzw. Begriffsentwicklung bei alltäglichen und abstrakten Begriffen gezeigt (vgl. Housten-Price, Howe, Lintern 2014). Kinder, die an Treatments mit Vorlesesituationen teilnahmen, haben in Wortverständnistests besser abgeschnitten als solche, denen nicht vorgelesen wurde (vgl. Hassinger-Das, Ridge, Parker, Michnik Golinkoff, Hirsh-Pasek, Dickinson 2016). Sie konnten signifikant sicherer eine Definition von alltäglichen und komplexen Begriffen geben, bildliche Repräsentationen zuordnen oder grammatische Nutzungen als angemessen oder unangemessen beurteilen. Selbst Begriffe auf einem Sprachniveau, welches das zu erwartende übersteigt, konnten durch diese Vorlesesettings entwickelt und nachhaltig gefestigt werden (vgl. Housten-Price, Howe, Lintern 2014).

Linguistische Studien betonen weiterhin die Bedeutung von Spielen. Spiele lassen einen „flow“ entstehen, der die intrinsische Motivation zu lernen steigert. Die Kinder sind spielerisch aktiv im Umgang mit den neuen Begriffen (vgl. Hassinger-Das, Ridge, Parker, Michnik Golinkoff, Hirsh-Pasek, Dickinson 2016). Idealerweise kombinieren sich hier sprachliche, bildliche und gestenreiche Aufgaben (vgl. Rohlfing, Grimminger, Nachtigäller 2015).

Sprachentwicklung – gerade für abstrakte Begriffe – braucht eine natürliche und emotionalisierte Atmosphäre, in der die Koordinierung der Sprachhandlungen routiniert ist, in der Redundanzen und Bezugnahmen auf Begriffe positiv erlebt werden. Ein emotional aufgeladenes Setting hilft eher Erinnerungen zu schaffen und Sprache zu fördern (vgl. Ponari, Norbury, Vigliocco 2020).

Literatur

1. Projekteigene Publikationen

Kohlmeyer, Theresa / Reis, Oliver (Hg.): „Lesen – Sprechen – Erleben“. Das Lese- und Rätselheft für die erste Klasse Religion. Unter Mitarbeit von Alina Lenze, Johanna Nagels und Fabian Potthast, München 2019.

Kohlmeyer, Theresa / Reis, Oliver / Viertel, Franziska / Rohlfing, Katharina: Wie meinst du das? Begriffserwerb im Religionsunterricht, in: Theo-Web. Zeitschrift für Religionspädagogik 19 (2020), H. 1, S. 334-344.

Reis, Oliver (Hg.): „Lesen – Sprechen – Erleben“. Das Lese- und Rätselheft für die zweite Klasse Religion. Unter Mitarbeit von Alina Lenze, Johanna Nagels und Fabian Potthast, München 2020.

Reis, Oliver (Hg.): „Lesen – Sprechen – Erleben“. Das Lese- und Rätselheft zur religiösen Sprachentwicklung 3. Unter Mitarbeit von Alina Lenze, Johanna Nagels und Fabian Potthast, München 2021.

Reis, Oliver (Hg.): „Lesen – Sprechen – Erleben“. Das Lese- und Rätselheft zur religiösen Sprachentwicklung 4. Unter Mitarbeit von Alina Lenze, Johanna Nagels, Fabian Potthast, Kristina Maurer und Carla Weber, München 2022 (i.E.).

Reis, Oliver / Lenze, Alina / Nagels, Johanna / Potthast, Fabian: Die Bibel als Medium religiöser Sprachentwicklung, in: Büttner, Gerhard / Mendl, Hans / Reis, Oliver / Roose, Hanna (Hg.): Biblische Welten (Religion lernen. Jahrbuch für konstruktivistische Religionsdidaktik, 11), Babenhausen 2020, S. 119-132.

Reis, Oliver / Lenze, Alina / Nagels, Johanna / Potthast, Fabian: Wie sehen sprachsensible Aufgabenstellungen für den Religionsunterricht aus?, in: Altmeyer, Stefan / Grümme, Bernhard / Kohler-Spiegel, Helga / Naurath, Elisabeth / Schröder, Bernd / Schweitzer, Friedrich (Hg.): Sprachsensibler Religionsunterricht (Jahrbuch der Religionspädagogik, 37), Göttingen 2021, S. 160-168.

2. Weiterführende Literatur

Altmeyer, Stefan / Hermann, Dieter: Mit Freunden über Gott reden... Religiöse Kommunikation vor dem Übergang von der Kindheit zum Jugendalter, in: Altmeyer, Stefan / Bitter, Gottfried / Boschki, Reinhold (Hg.): Christliche Katechese unter den Bedingungen der „flüchtigen Moderne“ (Praktische Theologie heute, 124), Stuttgart 2016, S. 125-142.

Faix, Tobias: Deutungsmuster jugendlicher Spiritualität, in: Faix, Tobias / Riegel, Ulrich / Kunkler, Tobias (Hg.): Theologien von Jugendlichen. Empirische Erkundungen zu theologisch relevanten Konstruktionen Jugendlicher (Empirische Theologie, 27), Berlin 2015, S. 49-70.

Hassinger-Das, Brenna / Ridge, Katherine / Parker, Amira / Michnik Golinkoff, Roberta / Hirsh-Pasek, Kathy / Dickinson, David K.: Building Vocabulary Knowledge in Preschoolers Through Shared Book Reading and Gameplay, in: Mind Brain and Education 10 (2016), H. 2.

Houston-Price, Carmel / Howe, Jodie A. / Lintern, Natalie J.: Once upon a time, there was a fabulous funambulist …: What children learn about the „high-level“ vocabulary they encouter while listening to stories, in: frontiers in psychology (2014), online: doi.org/10.3389/fpsyg.2014.00075.

Müller, Christina / Obier, Marit: Bewegtes Lernen – nur etwas für die „Kleinen“?, in: Zimmer, Renate / Hunger, Ina (Hg.): Wahrnehmen – Bewegen – Lernen. Kindheit in Bewegung, Schorndorf 2004, S. 102-106.

N.N.: Erzbistum betritt Neuland (Neue Westfälische, 19.09.2018

Peter, Karin: Zwischen Sprachlosigkeit, Alltagssprache und Sprache, die über alles hinausführt. Religiöse Sprachentdeckung und Sprachförderung bei Jugendlichen, in: ÖRF 24 (2016), H. 1, S. 73-80.

Ponari, Marta / Norbury, Courtenay Frazier / Vigliocco, Gabriella: The role of emotional valence in learning novel abstract concepts, in: Developmental Psychology 56 (2020), H. 10, S. 1855-1865.

Reis, Oliver / Kohlmeyer, Theresa: Liturgie und Schule in der Partizipationsfalle – Warum das Versprechen von Partizipation an Liturgie und Bildung ein Trugbild bleibt, in: Theo-Web. Zeitschrift für Religionspädagogik 17 (2018), H. 21, S. 248-262.

Rohlfing, Katharina J. / Grimminger, Angela / Nachtigäller, Kerstin: Gesturing in joint book reading, in: Kümmerling-Meibauer, Bettina / Meibauer, Jörg / Nachtigäller, Kerstin / Rohlfing, Katharina J. (Hg.): Learning from picturebooks, Perspectives from child development & literacy studies (Routledge Series in Explorations in Developmental Psychology, 3), London u.a. 2015, S. 99-116.

Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Hg.): Kirchliche Richtlinien zu Bildungsstandards für den katholischen Religionsunterricht in den Jahrgangsstufen 5-10/Sekundarstufe I (Mittlerer Schulabschluss) (Die deutschen Bischöfe, 78), Bonn 2014.

Sitzberger, Rudolf: „Wenn ich in dieser Lage wäre, dann...“ – Sprechen, Lernen, Handeln im Kontext von Dilemmageschichten im Religionsunterricht, in: Büttner, Gerhard / Mendl, Hans / Reis, Oliver / Roose, Hanna (Hg.): Ethik (Religion lernen. Jahrbuch für konstruktivistische Religionsdidaktik, 4), Hannover 2013, S. 76-91.

Die Universität der Informationsgesellschaft