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Foto: Universität Paderborn, Gerrit Mauritz

Koranische Zugänge zu Jesus Christus in der Perspektive Komparativer Theologie

Die Christologie gilt unter Angehörigen des Christentums und Islams gemeinhin als der entscheidende Differenzpunkt beider Religionen. Während für Christen der Glaube an Jesus Christus als Sohn Gottes den entscheidenden Glaubenskern darstellt, scheint eben die Absage an dieses Bekenntnis für den islamischen Glauben grundlegend zu sein. Nicht der Glaube an Gott oder das Gottesbild gilt deswegen in der Regel als das Hauptproblem im islamisch-christlichen Dialog, sondern das christliche Bekenntnis zu Jesus als dem Christus.
Auf der anderen Seite gibt es wahrscheinlich keine andere Religion neben dem Christentum, die in den normativen Grundlagen ihres eigenen Glaubens eine so tiefe Wertschätzung von Person und Werk Jesu von Nazaret vorfindet wie der Islam. Von daher kann man in der islamischen Tradition immer wieder eine beachtliche Faszination wahrnehmen, die die Gestalt Jesu auf Muslime ausgeübt hat. So geben einige koranische Aussagen, die Jesus z.B. als das Wort Gottes bezeichnen, Anlass, diese Aussagen auf ihren christologischen Gehalt zu untersuchen.
Das Projekt hat sich deswegen mit der Frage auseinandergesetzt, ob es von christlicher Seite aus denkbar ist, die koranischen Würdigungen Jesu von Nazaret als eine Form von Jesuologie anzuerkennen, die auch Christen etwas Entscheidendes zu sagen hat. Einer christlichen Komparativen Theologie stellt sich in diesem Kontext die Frage, ob sie die islamische Würdigung Jesu von Nazaret ernst nehmen kann, ohne die eigenen, gerade in der Christologie so konstitutiven Geltungsansprüche preiszugeben. Es ging also um die Sondierung, ob man den koranischen Zugang zu Jesus von Nazaret sinnvoll in die christliche Glaubensreflexion integrieren und ob man die Fremdheit dieses Zugangs als Bereicherung der christlichen Identität entdecken kann.
Zugleich stellte sich einer muslimischen Komparativen Theologie die Frage, ob auch aus ihrer Sicht das Verhältnis von christlichem Bekenntnis zu Jesus als dem Christus und den koranischen Aussagen so neu gedacht werden kann, dass man von muslimischer Seite eine moderne Christologie in ein fruchtbares Verhältnis zum islamischen Denken setzen kann. 

Leitend war hierbei eine diachrone und surenholistische Lektüre des Korans, wie sie maßgeblich von der renommierten Berliner Arabistin Angelika Neuwirth vorangetrieben wird. So konnte sich das Projekt auf die Vorarbeiten Neuwirths und auf die Forschungsergebnisse des von Neuwirth etablierten Corpus-Coranicum-Projekts beziehen und hier wichtige Impulse für die eigenen Arbeiten finden.

Im Laufe der beiden Projektphasen (2013-2015 und 2016-2018) entstanden zwei Publikationen, die die Arbeit des Projektes abbilden und die wesentlichen Arbeitsergebnisse bündeln. Die von den beiden Projektleitern gemeinsam verantwortete Monographie „Der andere Prophet“, die 2018 im Herder Verlag erschienen ist, ist das erste Buch über Jesus im Koran, das von einem christlichen und einem muslimischen Theologen gemeinsam geschrieben wurde. Hierbei waren die Autoren bemüht, neben ihren genuin katholisch-christlich beziehungsweise sunnitisch-muslimischen Ansätzen auch protestantische, altorientalische, schiitische und jüdische Perspektiven in ihre Arbeit einfließen zu lassen. Von Bedeutung war hierbei, die intensive Auseinandersetzung mit dem koranischen Text nicht nur philologisch, sondern auch historisch zu perspektiveren. Gemäß dem Ansatz einer diachronen Lektüre des Korans setzte sich das Projekt intensiv mit der Lage der Christologie im siebten Jahrhundert auseinander und nahm dabei insbesondere die Situation auf der arabischen Halbinsel in den Blick. Hier zeigte sich unter anderem, dass die Christentums-kritischen Stellungnahmen des Korans (so zur göttlichen Sohnschaft Jesu Christi) nur angemessen verstanden werden können, betrachtet man sie vor dem geschichtlichen Hintergrund ihrer Verkündigung. Es ist nun sehr wahrscheinlich, dass der Koran mit seiner Kritik an einer überzogenen Vergöttlichung Jesu Christi nicht unbedingt nur christlichen Häresien und Minderheitsgruppierungen im Blick hat, sondern Vorstellungen kritisiert, die auch innerhalb der Theologie der byzantinischen Reichskirche  vertreten wurden. Auf diese Weise wird ersichtlich, inwieweit das Gespräch mit dem Islam helfen kann, theologische Gefahrenpotentiale im eigenen Glauben zu erkennen und theologisch neu zu durchdenken, ohne freilich hierbei das eigene Bekenntnis (in diesem Fall zur wahren Göttlichkeit Jesu Christi) preisgeben zu müssen. Dass der Koran hierbei nicht nur auf Gefahren aufmerksam macht, sondern auch positiv Kategorien zu einer Deutung der Person Jesu Christi bereitstellt, zeigte die Auseinandersetzung mit den vom Koran verwendeten Titeln für Jesus Christus (Knecht, Prophet, der Gott Nahestehende, Wort von Gott) sowie die besondere Wertschätzung, die der Koran der Mutter Jesu, Maria, entgegenbringt.

Gerade der Titel Jesu als „Wort von Gott“ bot Anknüpfungspunkte für das christlich-muslimische Gespräch. Während im Christentum Christus als das ewige Wort Gottes bezeichnet wird, verstehen Muslime in besonderer Weise den Koran als Wort Gottes. Inwieweit lassen sich diese beiden Bekenntnisse in ein fruchtbringendes Verhältnis bringen? Die Selbstzusage Gottes im Koran führte die Diskussion weiter zu der Frage, ob sich muslimischerseits funktionale Äquivalente zum Leiden des Wortes Gottes, Jesu Christi, am Kreuz finden lassen. Gibt es im Islam eine Möglichkeit, Gottes Barmherzigkeit den Menschen gegenüber so zu verstehen, dass sich Gott wirklich von der Antwort des Menschen auf seine Selbstzusage betreffen lässt?

Abschließend lässt sich festhalten, dass die gemeinsame Auseinandersetzung mit dem für Christen zentralen Thema der Christologie nicht dazu geführt hat, dass die Gräben zwischen Christentum und Islam vertieft wurden. Ganz im Gegenteil wurde deutlich, dass Christentum und Islam gerade in der ihnen bleibend unterschiedlichen Akzentsetzung der Person Jesu Christi zu einem besseren gegenseitigen Verständnis wie auch zu einer vertieften Durchdringung des eigenen Bekenntnis gelangen können.  

ProjektmitarbeiterInnen:

  • Martina Aras
  • Dr. Darius Asghar-Zadeh
  • Cornelia Dockter
  • Dr. Zishan Ghaffar
  • Katharina Holtmann
  • Tolou Khademalsharieh
  • Eva-Maria Leifeld
  • Hamideh Mohagheghi
  • Dr. Dina El Omari
  • Christine Schlichtig
  • Lena Steindl
  • Jun.-Prof. Dr. Muna Tatari

Laufzeit des Projekts: 2013-2015; 2016-2018

Fördernde Institution: Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)

Publikationen:

Klaus von Stosch/Mouhanad Khorchide (Hg.), Streit um Jesus. Muslimische
und christliche Annäherungen, Paderborn 2016 (Beiträge zur Komparativen Theologie; 21).

Mouhanad Khorchide/Klaus von Stosch (Hg.), Der andere Prophet. Jesus im Koran, Freiburg i.Br. 2018.

Klaus von Stosch, Reflecting on Approaches to Jesus in the Qur'ān from the Perspective of Comparative Theology. In: Francis X. Clooney/Klaus von Stosch (ed.), How to do comparative theology, New York 2018, 37-58.

Klaus von Stosch, Eine urchristliche Engelchristologie im Koran? In: Georges Tamer (Hg.), Die Koranhermeneutik von Günter Lüling, Berlin-Boston 2019 (Judaism, Christianity, and Islam – Tension, Transmission, Transformation; 9), 69-91. 

Presse:

Wiegelmann, Lukas, Das Mohammed-Evangelium. In: WamS 13 (2016), 53f.

Zander, Helmut, Alle mal tief durchatmen. In: FAZ 261 (2018), 10.

Information: 

 

Die Universität der Informationsgesellschaft