Spätmittelalterliche Industrie und Handel am Wasser - Exkursion nach Flandern & Zeeland (11.06.2025 – 14.06.2025) Ein Teilnehmerbericht
- Von Fabian Deppe und Kimi Schmidt -
Im Rahmen der Übung „Flucht, Geopolitik und Fachkräftemangel. Spätmittelalterliche Migration in Nordwesteuropa“ haben wir uns zusammen mit unserem Dozenten Jun. Prof. Yves Huybrechts in der Kulturwoche für vier Tage auf nach Flandern und die niederländische Provinz Zeeland gemacht. Gemeinsam haben wir uns auf die Suche nach Spuren der sozialen und wirtschaftlichen Unruhen gemacht, die im Spätmittelalter die politische Verfasstheit der flämischen Städten Brügge und Gent änderte, sowie auch wiederholte Abwanderung von flämischen Tuchwerkern nach England bewirkte. Dass diese Städte eng mit dem Nordseeraum und vor allem England verbunden waren, wurde besonders deutlich in deren ehemaligen „Vorhäfen“ Sluis, Vlissingen und Middelburg. Dadurch konnten wir den in der Übung behandelten Kontext des hochurbanisierten spätmittelalterlichen Flanderns vor Ort anschauen und die bisherigen Erkenntnisse vor Ort erweitern. Besonders unterstützt hat uns hierbei Herr Huybrechts, der selbst ein „waschechter“ Flame ist und für uns den Tour-Guide spielte sowie auch zu aktuellen Entwicklungen Aufschluss geben und sämtliche Fragen der Studierenden beantworten konnte.
Auf dem Weg nach Brügge!
Nach einer angenehmen Zugreise sind wir am späten Nachmittag des 11. Juni in Brügge angekommen. An einem typischen mit Pappeln gesäumten Kanal entlang ging es für uns zunächst zur Jugendherberge, um dort unser Gepäck abladen zu können. Doch für eine allzu große Pause blieb keine Zeit, denn die Brügger Altstadt wartete auf uns. Im Zentrum angekommen stießen wir zum ersten Mal auf die Brügger Liebfrauenkirche und den Grote Markt. Der Grote Markt als historischer Marktplatz im Stadtkern bildet zusammen mit dem berühmten Belfort und den bunten Giebelhäusern das typische Postkartenmotiv Brügges schlechthin. Die Türme der Liebfrauenkirche und des Belforts sind auch von weitem als die Wahrzeichen Brügges zu sehen. Vorbei an der Statue von Jan Breydel und Pieter de Coninck – zwei Anführer im Aufstand gegen die französische Besatzung von 1302, die von der belgischen Romantik zu Nationalhelden stilisiert wurden– ging es zur ältesten Börse der Welt. In der Nähe eben dieser Börse lag auch der wichtige historische Hafen Brügges, der von den Häusern vieler Kontoren umgeben ist. Dort befindet sich auch die Statue des berühmten Malers Jan van Eyck. Zum Abschluss des Tages gab es ein gemeinsames Abendessen in einer originalen Brügger Friterie. auf dem Weg zurück zur Jugendherberge viel allen auf, dass viele Gebäude in der Brügger Altstadt sehr gut erhalten oder rekonstruiert zu sein scheinen. Ein abendlicher Spaziergang durch diese insgesamt gut gepflegte Stadt ist äußerst empfehlenswert.
Auf Besuch in einer unruhigen Stadt - Gent
Der zweite Tag begann früh morgens in den engen Gassen Brügges. Unterwegs galt es zunächst, die mittelalterlichen Armenhäuser zu begutachten. Spätestens hier wurde der strenge Denkmalschutz in Brügge deutlich. Weitergelaufen über die Blinde-Ezelbrug an der Groenerei – ein sehr fotogener Blick auf die Türme Brügges - ging es zum Burgplatz. Mittlerweile findet sich hier das Verwaltungszentrum der Stadt mit dem gotischen Rathaus und der Heilig-Blut-Basilika, welche eine kostbare Reliquie mit angeblich dem Blut Christi besitzt. Im Anschluss daran ging es zu dem Wahrzeichen Brügges schlechthin: dem Belfort. Ein 83 Meter hoher Glockenturm mit 366 Stufen, welcher für den Stadtrat, Handel und als Schatzkammer genutzt wurde. Nachdem wir ihn bereits am Vortag von außen gesehen haben, konnten wir ihn nun auch besteigen. Die Aussicht von den Aussichtsplattformen war einfach phänomenal! Doch nicht nur die Aussicht über die ganze Stadt und das Umland sorgte für Staunen, auch das von uns begutachtete Uhrwerk beeindruckte. Das Uhrwerk, welches über ein großes Glockenspiel die Glocken des Belforts auch während unseres Besuchs lautstark zum Erklingen brachte, besteht aus insgesamt 47 Glocken. Nachdem die 366 Stufen wieder hinabgestiegen waren, ging die Reise weiter zu einem prächtig erhaltenen Relikt der mittelalterlichen Oberschicht Brügges: dem Herrenhaus der Gruuthuses, heute Gruuthusemuseum. Es handelt sich dabei um einen Stadtpalast mit einer beeindruckenden Sammlung an Kunst, Dokumenten und Gerätschaften. Durch die hauseigene Loge der ehemaligen Hausherren Gruuthuse bietet das Haus auch einen direkten Einblick in die Liebfrauenkirche. Im gesamten BeNeLux-Raum sind kaum solcher privaten Hauskapellen erhalten geblieben. Unten führt auch eine Treppe von der Kirche zur Loge, damit die edlen Herren die Kommunion nehmen konnten, ohne ihr Haus zu verlassen. Diese konnten wir im Anschluss ebenfalls besichtigen. Durch ihren gotischen “Brabanter” Baustil mit hohen Gewölben und farbigen Glasfenstern wirkt die Liebfrauenkirche sehr majestätisch. Der absolute Höhepunkt in dieser Kirche sind natürlich die Grabmäler Karls des Kühnen (dem letzten Herzog von Burgund) und Marias von Burgund (der Tochter Karls des Kühnen) im Hochchor. Diese Ruhestätten fallen durch die kunstvolle Gestaltung der Bronzefiguren und die Wappen der zahlreichen Territorien der Herzöge auf.
Kurz danach fuhren wir mit der belgischen Bahn nach Gent – einer von der Textilindustrie geprägten Stadt, die im 14. und 15. Jahrhundert Brügge qua Größe sogar übertraf und es sich mehrmals mit der burgundischen Herrschaft anlegte. Nach einem kurzen Gang durch den schönen Citadelpark und einer Erfrischung im Innenhof des Achtersikkels – einem ehemaligen Herrenhaus – ging es zum Belfort von Gent: Wahrzeichen der Stadt mit Aussichtsturm und Glockenspiel. Markant ist jedoch vor allem der Drache auf der Turmspitze. Wer wissen will, was dieser Drache über den Charakter der Genter aussagt, braucht nur das örtliche Bier „Gulden Draak“ zu trinken. Vorbei an der imposanten St.-Nikolaus-Kirche, einer frühgotischen Kirche aus dem 13. Jahrhundert, die mitten im Stadtzentrum liegt, erreichten wir das spätgotische Rathaus, dessen Architektur eine eindrucksvolle Mischung aus Gotik und Renaissance zeigt.
Von der Sint-Michielsbrug aus bot sich allen ein atemberaubender Blick auf die drei berühmten Türme der Stadt: dem Turm der St.-Nikolaus-Kirche, dem Belfried und dem Kirchturm der St.-Bavo-Kathedrale. Ein Höhepunkt war der Besuch der Grafenburg (Gravensteen), einer gut erhaltenen mittelalterlichen Burg, die einst als Verteidigungsanlage diente. Sie ähnelt vom Bautyp den Kreuzfahrerburgen im „heiligen Land“. Auf dem Vrijdagmarkt, einem großen Platz, konnten wir das lebendige Treiben der Stadt erleben. Zum Abschluss bot der Citadelpark mit seinen künstlichen Grotten und Museen einen ruhigen, grünen Kontrast zum historischen Stadtzentrum und angenehme Ruhe auf dem Weg zurück.
Über die Schelde nach Zeeland
Um die Verbindungen zwischen den Städten und die Rolle der Nordsee im Mittelalter nachvollziehen zu können, begaben wir uns am dritten Tag der Exkursion in die niederländische Provinz Zeeland. Unser erster Halt des Tages war Sluis, eine kleine Festungsstadt in belgisch-niederländischer Grenznähe mit Überresten mittelalterlicher und neuzeitlicher Verteidigungsanlagen und Windmühlen. Es sind Zeugen der strategischen Rolle Sluis‘, die bis zum Zweiten Weltkrieg relevant blieb. Im Mittelalter war Sluis vor allem wichtig als “Vorhafen” und Tor Brügges zur Nordsee. Besonders bemerkenswert war der Belfort als Wachturm und Symbol städtischer Freiheit von Sluis, der einzige seiner Art in den Niederlanden. Heute beherbergt er ein kleines Museum und verfügt ebenso über ein Glockenspiel.
Wir setzten unsere Fahrt fort und überquerten die Schelde mit der Fähre nach Vlissingen. Nach der Überquerung erreichten wir Middelburg, die Hauptstadt Zeelands. Im Mittelalter war diese Stadt ein bedeutendes Handelszentrum. Dort haben wir den historischen Hafen mit seinen ehemaligen Kontoren besichtigt. Leider waren wir einen Tag zu früh fürs Hafenfest, was wir auch gerne erlebt hätten. Im Stadtkern begutachteten wir anschließend weitere Zeugnisse aus dem Spätmittelalter. Besonders sehenswert ist die ehemalige Abtei, welche heute noch durch ihre Bauart und den imposanten Innenhof von ihrer religiösen und politischen Macht dieser Zeit zeugt. Heute beherbergt sie unter anderem das Zeeuws-Museum. Nennenswert ist auch das Gebäude der Kloveniersdoelen, das als Zeugnis bürgerlicher Selbstorganisation zu nennen ist, da es einst Sitz eines Schützenvereins (zu dem wohlhabende Einwohner gehörten) zur Stadtverteidigung war. Auf der Rückfahrt besichtigten wir auch kurz Vlissingen, ein Ort, der als wichtiger Abfahrtspunkt für die Überseefahrt eng mit den Biographien von Herrschern wie zum Beispiel Kaiser Karl V. verbunden ist. Vlissingens strategische Lage an der Mündung der Schelde ist unter anderem dadurch sichtbar, dass er Schauplatz von anderen historischen Begebenheiten war: So erinnern beispielsweise Überreste deutscher Bunker und sogar eines U-Bootesaus an die Mühen der Alliierten im Zweiten Weltkrieg, die Scheldemündung und somit den Zugang zum Antwerpener Hafen zu befreien. Entlang des langen steinernen Ufers und am Schauplatz der alliierten Landung im Zweiten Weltkrieg vorbei erreichten wir die Fähre, die uns wieder zurück auf die andere Seite der Schelde brachte. Wieder angekommen in Brügge aßen wir in einem Lokal gemeinsam zu Abend, wobei wir in den Genuss von auch aus deutscher Sicht besonderen belgischen Biere kamen.
Rückfahrt - Samstag, den 14.06.2025
Nach den vergangenen ereignisreichen Tagen machten wir uns am Morgen dann wieder auf den Rückweg nach Paderborn. Trotz dem Verpassen unseres Zuges hat uns die belgische Bahn pünktlich nach Deutschland gebracht. Dort hatten wir dann – beinahe wie erwartet – mit etlichen Verspätungen zu kämpfen, sodass wir erst frühabends in Paderborn ankamen. Nach mehreren Tagen mit bestem Wetter wurden wir dann kurz nach unserer Ankunft von einem schweren Unwetter begrüßt.
Rückblickend möchten wir festhalten, dass die Exkursion sehr lehrreich war. Positiv fanden wir, dass sich eine Gruppendynamik bilden konnte, die sich im Regelbetrieb der Universität nicht formen lässt. Vor allem aber konnten wir Wissen aus unserer Übung vor Ort anwenden, wodurch die Geschichte dieser – noch größtenteils unbekannten – Region für uns greifbarer wurde und wir so ein viel tieferes Verständnis erhalten konnten. In Flandern, Belgien und den Benelux-Ländern insgesamt gibt es noch viel zu entdecken.