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Photo: Yvonne Ruhose

Biopoethik der Gegenwart: Subjekt, Narration und Lebenswissen im eugenetischen Roman

„All creatures would agree that it was better to be healthy than sick, vigorous than weak, well fitted than ill-fitted for their part in life. In short, that it was better to be good rather than bad specimens of their kind, whatever that kind might be. So with men.“
(F. Galton, 1905)

Das in dieser generalisierenden Weise von Francis Galton beschriebene Bedürfnis, ‚gut‘ statt ‚schlecht‘ zu sein, markiert zugleich den Ausgangspunkt für ein Bestreben, ‚gut‘ stetig zu ‚besser‘ zu verändern. Diese Vision einer Verbesserung bis zur Vervollkommnung bestimmt das Programm der Eugenik, das mittels der Modifizierung des menschlichen Individuums eine Optimierung der menschlichen Spezies zu erreichen versucht und von eugenischen Genealogiestudien im späten 19. Jahrhundert bis zu (eu)genetischen und biotechnologischen Eingriffen in unserer Gegenwart nachgezeichnet werden kann. Ausgehend vom Untersuchungshorizont der Eugenetik werden mit dem Dissertationsprojekt zwei zentrale Thesen formuliert.

Erstens ist der eugenetische Diskurs als Verschaltung von Wissenschaften, Ethiken und Künsten zu modellieren. Biowissenschaftliche Forschungen am und über den Menschen (βίος) stehen in stetigem Dialog zu bioethischen Reflexionen (ήθος) und biopoetischen Imaginationen (ποίησις). Diese Dimensionen werden insbesondere in Texten der Erzählliteratur zu einer Biopoethik verdichtet, die menschliches Leben in eugenetischen Szenarien modelliert, ethische Reflexionsräume eröffnet und poetische Betrachtungsweisen ermöglicht. Biopoethische Texte reichen von frühmodernen Sozialutopien, die perfekte Gesellschaften an entlegenen Orten imaginieren, über Zukunftsromane und Dystopien des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, in denen der Mensch als erfolgreicher wie scheiternder Gestalter seiner eigenen Zukunft gezeigt wird, zu kontemporären Romanen, die menschliche Subjekte in den Kontexten von Humangenetik und Biotechnologie zur Darstellung bringen. Diese Texte sind nicht als bloße Reaktionen auf gesellschaftliche Entwicklungen und somit als Formen einer literarischen Widerspiegelung der Wirklichkeit zu lesen, sondern als eigenständige Beiträge zum eugenetischen Diskurs zu verstehen. Biopoethische (und andere) Literatur erweist sich mit einer Formulierung Wolfgang Asholts und Ottmar Ettes als ein „Mobile des Wissens, das uns den experimentellen Umgang mit […] Lebensformen und Lebensnormen erlaubt“ (W. Asholt/O. Ette, 2010), das in dieser Weise ein spezifisches Lebenswissen aushandelt und das mit diesem Wissen maßgeblich gesellschaftliche Haltungen prägt.

Zweitens ist der eugenetische Roman als biopoethische Literatur der Gegenwart zu konzeptualisieren. Eugenetische Romane bilden ein Genre der Gegenwartsliteratur, das die experimentelle Aushandlung menschlichen Lebens im Referenzrahmen des Epistemenwechsels von post- zu metamodernem Denken durchspielt: Subjekt und Narration, Lebensweisen und Lebenswissen werden problematisiert, in verschiedenen Konfigurationen ausgelotet und in ethischer Hinsicht reflektiert. Eugenetische Romane sind hierbei durch spezifische Darstellungsformen charakterisiert: Zum einen fokussieren sie eugenetische Subjekte in doppelter Hinsicht, insofern sie eine subjektivierende Narration aufweisen, die den Menschen zugleich als Objekt und Subjekt auszuhandelnden Lebenswissens modelliert. Zum anderen explizieren sie eugenetische Szenarien als gegenwartsbezogene Zukunftsvisionen, insofern sie ein perspektivierendes Futur II einsetzen, das die faktische Prospektive des eugenetischen Szenarios aus einer fiktionalen Retrospektive betrachtet und so dessen gegenwärtige Relevanz aufzeigt.

Das Dissertationsprojekt konturiert den eugenetischen Diskurs als Verschaltung biowissenschaftlicher, bioethischer und biokünstlerischer Beiträge, profiliert den eugenetischen Roman als Genre der Gegenwartsliteratur und konkretisiert diese Überlegungen anhand paradigmatischer eugenetischer Romane (Atwood, Houellebecq, Zeh und andere), deren je spezifisches Lebenswissen herausgearbeitet wird. Diesem im Fiktionalen generierten Wissen kommt eine wichtige kulturelle Bedeutung zu: Während in hohem Tempo neue humangenetische und biotechnologische Forschungsergebnisse vorgelegt werden, neue Bilder des Menschen entstehen und neue Ansatzpunkte der Wirtschaft entwickelt werden, ist es unerlässlich, diese Entwicklungen kritisch zu reflektieren und sich nötigenfalls über bereits gesetzte und zu setzende Tabus eugenetischen Denkens und Handelns zu verständigen - das biopoethische Wissen der Gegenwartsliteratur sollte hierfür nicht unbeachtet bleiben.

Kontakt

Ronja Hannebohm

Institut für Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft > Komparatistik/Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft

Ronja Hannebohm
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