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Geschlecht - Macht - Politik: Herrscherinnendramen in der Frühen Neuzeit

Aktuell unter dem Hashtag MeToo geführte gesellschaftliche Debatten um systematische, von Männern in Machtpositionen ausgeübte (sexualisierte) Gewalt gegen Frauen sowie massenmedial präsente Kontroversen um Frauen in Führungspositionen und geschlechtergerechte Löhne offenbaren eine gemeinsame Grundlage: Die fortbestehende Annahme einer strukturell patriarchal organisierten Gesellschaft und die Gewissheit einer damit verbundenen systematischen Unterdrückung und Ohnmacht der Frau durch eine von Männern gemachte Politik. Jüngst sind diese Grundannahmen erneut ins kritische Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt und die Frage nach den Möglichkeiten spezifisch weiblicher Selbstermächtigung öffentlichkeitswirksam und kontrovers verhandelt worden (vgl. Flaßpöhler 2018, S. 16f.). Tatsächlich scheint sich in gegenwärtigen Diskursen "ein zutiefst patriarchal geprägtes, von Passivität und Negativität gezeichnetes Frauenbild" (ebd.) zu artikulieren und gleichsam fortzuschreiben, in dem die produktive Verbindung von Weiblichkeit, Macht und Politik eine signifikante Leerstelle bildet.

Bemerkenswert ist vor diesem Hintergrund die anlässlich des Jubiläums der Kaiserin Maria Theresia geführte Diskussion über die reale Macht- und Geschlechterpolitik der österreichischen Kaiserin in der Geschichtswissenschaft, die anhand der historischen Persönlichkeit nach den generellen Möglichkeiten weiblicher Herrschaft in der Frühen Neuzeit fragt (vgl. Stollberg-Rilinger 2017). Darauf aufbauend und zugleich ergänzend dazu nimmt das Projekt eine dezidiert literar- und kulturhistorische Perspektive ein: Denn das Drama der Frühen Neuzeit eröffnet eine bemerkenswert differenzierte Perspektive hinsichtlich der angenommenen Virilität von Politik und Macht, die bisher zwar nur in Ansätzen erforscht wurde, aber ausgesprochen produktiv auf noch immer stattfindende Debatten um Geschlechtergerechtigkeit bezogen werden kann. Es zeigt sich - auch angesichts der realhistorisch belegten Vielzahl von Regentinnen und gekrönten Fürstinnen zwischen 1500 und 1800 -, "dass die Männlichkeit von Macht in vieler Hinsicht eine moderne Konstruktion ist, eine Idee, die in dieser Eindeutigkeit erst im 19. Jahrhundert entwickelt wurde." (Opitz 2001, S. 58) Das frühneuzeitliche Drama repräsentiert hierbei eine regelrechte Fundgrube inszenierter Machthaberinnen und 'starker Frauen' in politischer Funktion. Die 'starke Frau' wird gar zur Gründungsfigur der regelmäßigen frühneuzeitlichen Tragödie: Sowohl eine antikisierende, regelmäßige italienische Tragödientradition als auch die 'klassische' französische Tragödie werden allererst durch Herrscherinnendramen (Gian Giorgio Trissinos Sofonisba, 1514/15 und Jean Mairets La Sophonisbe, 1634) begründet, die hier wie dort als jeweils erste neuzeitliche Tragödie gelten.

In geschlechterhistorischer Perspektive ist die Ausgestaltung weiblicher Herrschaft im frühneuzeitlichen Drama vor dem Hintergrund eines graduell differenzierenden Geschlechterdenkens zu entziffern, das der Erkenntnis eines kategorial unterscheidenden two-sex-models im 18. Jahrhundert, das die männliche Vormachtstellung durch die aus der biologischen Differenz hergeleiteten sozialen Geschlechterrollen sichert (vgl. Laqueur 1990), zeitlich vorausgeht. Obschon der Ausschluss der Frau aus dem Bereich des Politischen ein Resultat einer sich erst seit dem 18. Jahrhundert durchsetzenden spezifisch bürgerlichen Geschlechterideologie ist, verweisen auch die frühneuzeitlichen femmes fortes auf die prekäre Verbindung von Weiblichkeit und Herrschaft, insofern ihre Darstellungstradition wahlweise in mythologischen oder heilsgeschichtlichen Kontexten die Transgredierung 'natürlicher' Geschlechtergrenzen des weiblichen Geschlechts als Bedingung der Legitimität von Herrschaft ausweist. Die Figur der Herrscherin verfügt in diesem Sinne gewissermaßen über zwei Körper: einen natürlichen und einen politischen, die stets aufeinander verwiesen bleiben und wechselseitig ihre jeweiligen Begrenzungen markieren (vgl. Schulte 2002, S. 11ff.). In dieser Gemengelage von Geschlecht, Macht und Politik entsteht eine bemerkenswert komplexe Geschlechterperformanz der weiblichen Herrscherinnenfigur, die zwischen Weiblichkeitsphantasmen der Selbstermächtigung einer "ebenso kraft- wie machtvoll" (Opitz 2001, S. 58) auftretenden femme forte, der keuschen Tugendhaftigkeit der bonne femme, sowie androgynen Vorstellungen in der Nähe zu einem männlichen Körper oszilliert.

Die Problematik der Verbindung von Weiblichkeit, Macht und Politik potenziert sich in gattungstheoretischer Hinsicht: Wird mit dem Herrscherinnendrama ein antikisierendes, regelmäßiges Tragödienmodell im Kontinentaleuropa der Frühen Neuzeit allererst normativ gesetzt, werden damit seine gattungsspezifischen Grundfeste zugleich mindestens problematisiert. Im Sinne der konstitutiven Verbindung des antiken Dramas mit 'Staats- und Heldenaktionen' schränkt die aristotelische Poetik als gattungstheoretischer Gründungstext die Handlungsspielräume der Geschlechter konsequent ein. Über den Begriff der Angemessenheit wird die Dramenhandlung an eine spezifische Form 'starker' Männlichkeit gebunden: Adäquate Handlungsträger sind Männer tüchtigen, tapferen und energischen Charakters, während bei Frauen diese Charaktereigenschaften als Verstoß gegen das Ideal der Angemessenheit gewertet werden (vgl. Aristoteles 1994, Kap. 15). Dadurch geraten nicht nur die gattungstheoretischen Bedingungen des poetologischen Aristotelismus der Frühen Neuzeit hinsichtlich der dramatischen Ausgestaltung von Geschlecht, Macht und Politik als Form des staging gender in den Blick, sondern es stellt sich zudem die Frage nach einer von der Figur der Herrscherin ausgehenden, differenzierten Betrachtung der Gattungsentwicklung in der Frühen Neuzeit.

Ausgehend von der skizzierten Problemlage fokussiert das geplante germanistisch-komparatistische Dissertationsprojekt Herrscherinnendramen der Frühen Neuzeit in einer literatur- und geschlechterhistorischen Perspektive. Anhand von drei als paradigmatisch verstandenen DramenautorInnen der deutschen Frühaufklärung (J.E. Schlegel, Johann Christoph und Luise Adelgunde Victorie Gottsched), denen im Projekt der 'Deutschen Schaubühne' eine zentrale Bedeutung zukommt, werden dramatische Inszenierungen politischer Machthaberinnen (Dido, Margaretha, Panthea etc.) unter Berücksichtigung ihrer jeweiligen historischen Kontexte im Hinblick auf die spezifische Ausgestaltung des Verhältnisses von Geschlecht, Macht und Politik untersucht. Als weitere Determinante dieser Verhältnisbestimmung ist der poetologische Aristotelismus zu beachten, der sich in der Zeit der Frühaufklärung in Deutschland allererst durchsetzt, sodass die Konzentration auf die Zeit der Frühaufklärung gattungstheoretisch und -geschichtlich zugleich in besonderem Maße evident erscheint. Der gewählte Zeitausschnitt repräsentiert also in dramengeschichtlicher Perspektive eine Renaissance der frühneuzeitlichen Tragödie in Deutschland, innerhalb derer das Herrscherinnendrama eine Blütezeit erlebt, die nicht zuletzt im Kontext intensiv geführter Geschlechterdebatten innerhalb der beginnenden Aufklärung zu lesen ist. Die besondere Bedeutung der zu untersuchenden Dramen liegt in ihrem eigenständigen Beitrag zur Verhältnisbestimmung von Geschlecht, Macht und Politik und wird über die Ebene des Dramentextes hinaus insbesondere vom Ehepaar Gottsched auch auf der Ebene legitimer Autorschaft verhandelt.

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Sahra Puscher

Institut für Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft > Komparatistik/Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft

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