Auch im Sommersemester 2025 wurde die Vortragsreihe des IEMAN – Institut für die Erforschung des Mittelalters und dessen Nachwirkung – fortgesetzt. Dieses Semester gab es sogar zwei internationale Referate. Am 17. Juni referierte Dr. Milan Pajic der Universität Straßburg in Paderborn und am 1. Juli Prof. Dr. Tim Soens der Universität Antwerpen. Beide Referenten fanden auf Einladung des Arbeitsbereichs Geschichte Flanderns in europäischer und globaler Verflechtung ihren Weg zur Pader, um eher ungewohnte (aber dafür umso spannendere) Aspekte des Mittelalters, nämlich die lokale Bewältigung von Immigration und den epochenüberschreitenden Umgang mit Naturgewalt, vorzustellen. Dr. Pajic ist seit seiner Publikation bei der angesehenen Cambridge University Press über die Migration flämischer Tuchwerker nach England im späten 14. Jahrhundert eine Autorität für die Erforschung der Migrationspolitik unter dem englischen König Edward III. und die Gründe für Migration zwischen England und den “Low Countries”. In seinem Vortrag “Institutions and Strangers in English Towns (1300-1500)” ging er mehr auf den Umgang mit unterschiedlichen Migrantengruppen in englischen Dörfern und Städten ein, mit besonderem Augenmerk auf der Frage, ob die überlieferte episodische Gewaltausbrüche gegen Migranten auf “Xenofobie” oder eher auf andere Gründe wie zum Beispiel Wirtschaftskonkurrenz zurückzuführen sind. Die verfügbaren Quellen lassen eher auf letzteren Aspekt schließen. Während des Vortrags wies Pajic auf überraschende Facetten der Migrantengemeinschaften in England hin, wie zum Beispiel die Unterscheidung zwischen Opfergruppen, Gewalt unter Migranten untereinander und das Unvermögen der “Zentralregierung”, ihre Begünstigungspolitik gegenüber Migranten gegen lokale Behörden durchzusetzen. Mit der Migrationspolitik sind schließlich wichtige Aspekte des Staatsformierungsprozesses verbunden und es ergab sich nach dem Vortrag deshalb auch eine Diskussion über die Frage, ob die königliche Regierung in England von mehr strategischer Weitsicht geprägt war, als die Migrationspolitik der flämischen Städte. Danach gab es auch mehrere Fragen zur Quellenlage bezüglich dieses Themas, zur Methodologie, und auch Parallelen zur heutigen Migrationsproblematik.
Am ersten Julitag konnten die IEMAN-Teilnehmer dann dem Vortrag “Accommodation. Unlocking the medieval way of living with extreme natural events” von Prof. Dr. Tim Soens lauschen. Der Vorsitzende des Antwerpener Historischen Departements ist seit langer Zeit ein Experte für die Umweltgeschichte – oder genauer gesagt: die Geschichte des menschlichen Umgangs mit seiner Umgebung, in den “Low Countries”. Obwohl er hauptsächlich Mediävist ist, arbeitet er immer epochenübergreifend und versucht dabei, langfristige Trends und Entwicklungen im Umgang mit der Natur herauszuarbeiten. Seine letzte Publikation über diese Thematik “Mens en natuur: een geschiedenis” (2024) ist ein Publikumshit in Belgien und eine Übersetzung wird gespannt erwartet. Epochenübergreifend ging er auch in seinem Vortrag vor, der erste Erkenntnisse aus einer keimenden Publikation präsentierte. Angefangen mit einem Brief an die flämische Gräfin Margareta van Male, überlieferte er das Wissen über den historischen Umgang mit Überflutungen und Epidemien, um daraus Strukturumstände und langfristig wirksame Umgangsmuster herauszuarbeiten, was auf eine Gegenüberstelling von drei unterschiedlichen Umgangsmodellen hinauslief: “Accomodation” versus “Control” versus “Resilience”. Besonders die Ausführungen über letzten Begriff deckten auffällige Mentalitätsverschiebungen auf, die sich in unserem Zeitalter deutlich manifestieren. Mit dem Vortrag gewannen die Zuhörer somit nicht nur Einblicke in aktuelle Forschung über Umwelt- und Katastrophengeschichte, sondern auch über wandelnde Mentalitäten und Auffassungen vom Staat. Es folgte eine belebte Diskussion über die Quellen und die Begrifflichkeiten, mit denen Prof. Soens arbeitet sowie auch über die Vergleichbarkeit von Epidemien und regionalen Unterschieden, die eventuell berücksichtigt werden müssten. Insgesamt zeigte der Vortrag nicht nur die Ergiebigkeit des Themas Umweltgeschichte, sondern auch, wie sehr die Niederlande (im breiteren Sinne) mit dem gesamten Nordseeraum verflochten waren. Hieraus wird sich sicherlich Stoff für weitere Vorträge ergeben.