Liebestragödie
Hendrik Schlieper
Glaubt man dem Klischee, in dem ja auch immer ein Funken Wahrheit steckt, so muss es zwischen Frankreich und der Liebe eine besondere Verbindung geben: Paris ist die Stadt der Liebe und spätestens seit Marilyn Monroe wissen wir: „The French are glad to die for love“! Das Genre der Liebestragödie ist die theatergeschichtliche Entsprechung dieser Vorstellung; auch sie gilt gemeinhin als französische Erfindung.
Gattungsgeschichtlich gesehen ist mit der Liebestragödie allerdings ein erhebliches Problem aufgeworfen. Die Liebestragödie tritt in ein Spannungsverhältnis zum antiken Modell der Tragödie, wie es grundlegend in der Poetik des Aristoteles konzipiert wird: Ebendieses Modell kennt keine Liebestragödie im eigentlichen Sinne. Hinzu kommt, dass der ideale Protagonist einer Tragödie, wie Aristoteles im 15. Kapitel der Poetik ausführt, männlichen Geschlechts ist und ‚männlich‘ handelt. (> Geschlechterpoetik) Die Fokussierung der Tragödie auf die Liebe, wie sie sich in Frankreich ab den 1630er Jahren ausmachen lässt, bricht diese Verbindung von Gattung und Geschlecht systematisch auf. In dem Maße, wie Liebesverhältnisse nun prominent verhandelt werden, eröffnen sich neue ‚Spielräume‘ für die Geschlechter. Dies hängt auch damit zusammen, dass mit der Liebe Elemente in die Tragödie aufgenommen werden, die traditionell anderen Gattungen, anderen dramatischen Genres, wie etwa der Pastorale oder der Tragikomödie, und anderen Stillagen zugeordnet sind.
An dieser Stelle ist ein Vergleich des französischen Theaters ab den 1630er Jahren mit dem Elisabethanischen Theater und insbesondere mit Shakespeares Dramen aufschlussreich. Nur wenig früher bringt Shakespeare Tragödien wie Antony and Cleopatra oder Romeo and Juliet auf die Bühne, die nicht selten als repräsentative Beispiele der Liebestragödie angeführt werden. Der zentrale Unterschied besteht im Umgang mit dem antiken Erbe und mit der Gattungstradition der Tragödie. Shakespeares Theater – und auch dies hat Auerbach gezeigt – zeichnet sich durch einen spielerisch-distanzierten Umgang mit dieser Tradition aus. Dementsprechend ist dort auch die ‚Korrumpierung‘ der Tragödie mit tragödienfremden ‚Liebeselementen‘ keine eigens problematisierte Entwicklung. In Frankreich stellt sich die Situation gänzlich anders dar: Im Zuge der von Kardinal Richelieu initiierten kulturpolitischen Funktionalisierung des Theaters wird ein dezidiert französisches Theater gefordert, das auf der antiken Gattungspoetik und -praxis der Tragödie aufbaut, wobei zuvörderst die Poetik des Aristoteles zum normativen Vorbild erhoben wird. Die Frage nach der Vereinbarkeit von Liebe und Tragödie, die bereits mit den Tragödien der Spielzeit von 1634/1635 aufgeworfen wird (darunter Jean Rotrous Hercule mourant, Jean Mairets Sophonisbe und Pierre Corneilles Médée), mündet in eine überaus intensive Diskussion, die in der berühmten Querelle du Cid (1637) ausgetragen wird. (> Querelle du Cid) Die französischen Tragödien, die im Laufe des 17. Jahrhunderts entstehen, können allesamt auf diese Diskussion rückbezogen werden. Mit jeder Tragödie ist folglich von Neuem danach zu fragen, wie sie sich zur Gattungstradition positioniert, welchen Stellenwert sie der Liebe zuspricht und, damit verbunden, wie sie die an der antiken Gattungspoetik bemessenen Vorstellungen von Handlung, Charakter und Wirkung transformiert. Die im französischen Kontext aufgeworfene Frage der Vereinbarkeit von Liebe und Tragödie setzt eine einzigartige Dynamik frei, die sowohl die Tragödienproduktion als auch die poetologischen Debatten weit über das 17. Jahrhundert hinaus bestimmt – eben deshalb ist von der Liebestragödie als einer französischen Erfindung die Rede.
Aus der Perspektive einer Literatur- und Kulturgeschichte des europäischen Theaters ergeben sich hieraus drei Konsequenzen:
1. Der Begriff ‚Liebestragödie‘ ist ein Kollektivsingular. Es wäre irreführend, von ‚der‘ französischen Liebestragödie des 17. Jahrhunderts zu sprechen, ohne die gattungsgeschichtlichen Binnendynamiken mitzudenken, die sich aus den Positionierungen der einzelnen Tragödien ergeben. Dies bedeutet zugleich, dass eine Geschichte der Gattung ‚Tragödie‘ im französischen 17. Jahrhundert mit den vorherrschenden teleologischen Narrativen – etwa: im Zuge der Querelle du Cid formiert sich eine doctrine classique, die in Racines Phèdre als „la plus pure des tragédies françaises“ (Philipp Sellier) ihren vollendeten Ausdruck finde – kaum adäquat zu erfassen ist.