Desintegrative Um-Schreibungen: Doing Space while Doing Jewishness in der Berliner Gegenwartsliteratur (2016–2023). Dissertationsprojekt von Anna Maria Spener, betreut von Prof. Dr. Claudia Öhlschläger (Paderborn) und Prof. Dr. Andree Michaelis-König (Antwerpen)
Vor allem während der Weimarer Republik galt Berlin als von jüdischem Leben geprägte Stadt. Seit der deutschen Wiedervereinigung erhält der Topos Berlins als jüdischer Stadt bedingt durch Verschiebungen im erinnerungskulturellen Diskurs wieder Aktualität. Demografisch vergrößerte sich die Berliner jüdische Gemeinde seit den 1990er Jahren durch die Immigration postsowjetisch-jüdischer sog. Kontingentflüchtlinge, seit den 2010er Jahren durch den Zuzug jüdischer Israeli*nnen. In den Medien ist immer wieder die Rede von einer jüdischen, mittlerweile auch von einer israelischen Renaissance in Berlin.
Auf diese erinnerungskulturellen Verschiebungen und die daraus erwachsenen Sichtbarkeits-, Anerkennungs- und Repräsentationsregime reagiert eine Ausprägungsform der Berliner jüdischen Gegenwartsliteratur, die in der Untersuchung als desintegrativ kategorisiert wird. In den Texten Dana Vowinckels, Mirna Funks, Deborah Feldmans, Tomer Gardis, Sivan Ben Yishais und Dmitrij Kapitelmans – die als paradigmatische Auswahl aus einem (auch medial) sehr viel umfangreicheren Fundus im Dissertationsprojekt untersucht werden – finden sich formal, narrativ, thematisch und sprachlich höchst unterschiedliche Auseinandersetzungen mit der seit einigen Jahren wieder virulenten Imagination Berlins als einer jüdischen Stadt. Gemeinsam ist ihnen, dass sie die mit dieser Imagination verbundenen vereindeutigenden Raum- als Wissens- und Machtordnungen kritisch aufgreifen und neu verhandeln.
Das im Bereich der Jewish Literary und Cultural Studies disziplinär verortete Dissertationsprojekt untersucht mittels eines diskursanalytisch, praxeologisch und raumtheoretisch informierten kulturpoetischen Ansatzes literarische Raum- und Subjektivierungspraktiken des Sich-Verortens, durch die dominante erinnerungskulturelle Narrative eines 'jüdischen Berlins' aufgenommen, verschoben und neu konfiguriert werden. Das in der Untersuchung entwickelte Konzept literarischer Desintegration versteht diese nicht als feste Identitätsposition im Sinne eines Gegenmodells zum erinnerungskulturellen Diskurs, sondern als ästhetisch-politische Praxis, durch die hegemoniale Sichtbarkeits-, Repräsentations- und Anerkennungsordnungen offengelegt und subversiv verschoben werden.