Ar­gu­ment­at­ive Tex­t­prozed­uren – eine kor­pus­basierte Ana­lyse zum Zusam­men­hang von Prozed­urenaus­drück­en und Niveau­stufen

Rabia Karabey

Das schriftliche Argumentieren ist eine komplexe kommunikative Praktik, durch die Lernende Perspektiven systematisch erfassen, abwägen und begründet vertreten lernen (vgl. Schröter, 2021; Feilke & Rezat, 2025). Ziel ist die Überführung von Strittigem in Unstrittiges (vgl. Winkler, 2017, S. 76). Der Erwerb lässt sich in Phasen modellieren (vgl. Augst & Faigel, 1986). Besonders das konzessive Argumentieren, das virtuelle Dialogizität erfordert, stellt im Erwerb und in der Förderung eine zentrale Herausforderung dar (vgl. Pohl, 2014, S. 298; Rezat & Karabey, 2025, S. 288). Zugleich gilt schriftliches Argumentieren als altersübergreifend kritische Fähigkeit (vgl. u. a. Stein et al., 1999; Langlotz, 2014). Schreibende nutzen dabei etablierte sprachliche Muster, d.h. Textprozeduren (vgl. Feilke & Rezat 2025). Empirische Studien belegen den Erwerb zentraler argumentativer Prozeduren, insbesondere des Positionierens und Konzedierens, sowie deren Bedeutung für die Förderung argumentativer Schreibkompetenz (vgl. u.a. Steinhoff, 2007, Grundler et al., 2020; Feilke, 2021; Rezat, 2021). Es fehlen allerdings große korpusbasierte und statistisch ausgerichtete Studien, die den Zusammenhang der ausdrucksseitigen Realisierung argumentativer Textprozeduren und Niveaustufen systematisch untersuchen. Besonders interessant ist, ob sich aus der Realisierung von Prozedurenausdrücken Hinweise auf Grammatikalisierungsprozesse ableiten lassen (vgl. Feilke, 2001). Also darüber, wie lexikalische Einheiten zunehmend grammatisch integriert und konventionalisiert werden und dadurch funktionale Unterschiede zwischen Niveaustufen sichtbar werden.

Im Dissertationsprojekt wird dieses Desiderat aufgegriffen. Konkret wird folgende übergeordnete Forschungsfrage bearbeitet: „Welche argumentativen Makro- und Mikrostrukturen sind charakteristisch für argumentative Lerner:innentexte einer spezifischen Niveaustufe und lassen sich daraus Hinweise auf Grammatikalisierungsprozesse ableiten?“ Dies umfasst folgende weitere Teilfragen: Welche Textprozeduren (Handlungsschemata) sind typisch für eine bestimmte Niveaustufe? Inwiefern unterscheidet sich die makro- und mikrostrukturelle Realisierung von Textprozeduren in unterschiedlichen Schreibaufgaben? Zur Beantwortung dieser Fragen wurden 1320 argumentative Schüler:innentexte (5. und 9. Klasse) aus dem Scriptoria-Korpus (2009-2012) aus dem FD-LEX auf Grundlage einer Mehrebenenannotation auf ihre Makro- und Mikrostruktur hin annotiert und bezogen auf ihre Qualität geratet. Für eine breitere Streuung der Daten wurde das Korpus um ein Expert:innenkorpus ergänzt. Es wird über das gleiche Vorgehen annotiert und geratet. Geplant sind die Datenauswertung mittels Mann-Whitney-U-Test (vgl. Rasch et al., 2021), korpusgestützter Textanalyse (vgl. Stede, 2018) und kriteriengeleiteter Auswertung (vgl. Kuckartz & Rädiker, 2022). Ziel ist der Vergleich von Kontrastgruppen unterschiedlicher Niveaustufen. Im Fokus stehen Fragen der Grammatikalisierung, nicht erwerbsbezogene Aspekte.

 

Zentrale Literatur:

  • Feilke, Helmuth/Rezat, Sara (2025): Textprozeduren. Werkzeuge für den Schreibunterricht – Grundlagen und unterrichtspraktische Anregungen. Hannover: Klett/Kallmeyer.
  • Feilke, Helmuth (2021): Vom Satz zum Text. – Der „schriftliche Ausdruck“ im Werden. In: Die Sprache in den Schulen – Eine Sprache im Werden. Dritter Bericht zur Lage der deutschen Sprache. Herausgegeben von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften. Berlin, S. 91-124.
  • Rezat, Sara (2021): Zur makrostrukturellen Prägung argumentierender Textprozeduren. In: Schicker, Stephan/Schmölzer-Eibinger, Sabine (Hrsg.): ar|gu|men|tie|ren – eine zentrale Sprachhandlung im Sprach- und Fachunterricht, Weinheim: Beltz, S. 28-47.
  • Lindauer, Nadja (2021): Textproduktion von schwach schreibenden Jugendlichen: Eine empirische Untersuchung zur Entwicklung schriftlicher Argumentationskompetenz. Klinkhardt.
  • Feilke, Helmuth (2001): Grammatikalisierung und Textualisierung – »Konjunktionen« im Schriftspracherwerb. In: Feilke, Helmuth/Kappest, Klaus-Peter/Knobloch, Clemens (Hrsg.): Grammatikalisierung, Spracherwerb und Schriftlichkeit. Tübingen: Niemeyer, S. 107–125.