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Gewölbemalerei der ehemaligen Domstiftsbibliothek im Nordflügel der Domklausur, Brandenburg an der Havel. Bildinformationen anzeigen
Digitale Kulturwissenschaften - Augmented Reality: Im Lehr- und Forschungsprojekt ‚Historisches Paderborn’-App entwickeln Informatiker und Kulturwissenschaftler eine App zur Erkundung des historischen Paderborns, die Nutzern beispielsweise ikonographische Aspekte am mittelalterlichen Paradiesportal des Doms vor Augen führt. Gelb gekennzeichnet: Apostel Jakobus der Ältere (Jacobus Major) erkennbar an der von ihm gehaltenen grün markierten Muschel (sog. Jakobsmuschel). Bildinformationen anzeigen

Gewölbemalerei der ehemaligen Domstiftsbibliothek im Nordflügel der Domklausur, Brandenburg an der Havel.

Foto: Foto: © Birgit Malter 2009.

Digitale Kulturwissenschaften - Augmented Reality: Im Lehr- und Forschungsprojekt ‚Historisches Paderborn’-App entwickeln Informatiker und Kulturwissenschaftler eine App zur Erkundung des historischen Paderborns, die Nutzern beispielsweise ikonographische Aspekte am mittelalterlichen Paradiesportal des Doms vor Augen führt. Gelb gekennzeichnet: Apostel Jakobus der Ältere (Jacobus Major) erkennbar an der von ihm gehaltenen grün markierten Muschel (sog. Jakobsmuschel).

Foto: A. Schmitt-Chandon

DFG-Sachbeihilfe HE 4556/3-1 „Der Wandmalereizyklus zu den Wissenschaften und Künsten in der Brandenburger Domklausur. Kunstproduktion und Wissensorganisation um 1450“ unter der Leitung von Prof. Dr. Ulrike Heinrichs

Projektbeschreibung
Blick nach Osten in die ehemalige Domstiftsbibliothek im Nordflügel der Domklausur, Brandenburg an der Havel. © Holger Kupfer, Berlin

Im September 2017 hat das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierte und auf die Dauer von drei Jahren angelegte kunsthistorische Forschungsprojekt „Der Wandmalereizyklus zu den Wissenschaften und Künsten in der Brandenburger Domklausur. Kunstproduktion und Wissensorganisation um 1450“ die Arbeit aufgenommen. Mit Ulrike Heinrichs als Projektleiterin und Bearbeiterin von Fragen der frühneuzeitlichen Genremalerei und verwandter Werke der Skulptur in der Mark Brandenburg, Katharina Pick als Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin der Kunstgeschichte und Martina Voigt als Bearbeiterin der Epigraphik wird die grundlegende kunstgeschichtliche Erforschung der repräsentativen Wandgemälde im baulichen und geistesgeschichtlichen Kontext der ehemaligen Bibliothek des Domkapitels und Prämonstratenserkonvents geleistet. Das Forschungsprojekt wird durch die enge Kooperation mit dem Domstift Brandenburg sowie dem Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologischen Landesmuseum (BLDAM) ermöglicht.

Das besonders in der monumentalen Kunst nördlich der Alpen außergewöhnliche Bildprogramm des oberen nördlichen Kreuzgangs umfasst weibliche Personifikationen der sieben Artes liberales von der Grammatik bis hin zur Astronomie, Szenen der sieben Artes mechanicae von der Landwirtschaft bis hin zur Schauspielkunst sowie Allegorien der vier Fakultäten mit der Theologie an der Spitze. Eine Schlüsselstellung nimmt die Ars scripturarum ein, nach Hieronymus die Kunst, die Heilige Schrift zu verstehen. Bemerkenswert ist die Bandbreite der Darstellung der mittelalterlichen Disziplinen, die durch erläuternde Inschriften ergänzt werden. Von der frühen Wertschätzung der Zeitgenossen zeugt die Beschreibung durch Hermann Schedel, den Nürnberger Arzt und Gelehrten. Erhöhte Aufmerksamkeit ziehen die Beschreibungen der Medizin oder auch der Hafenszene im Rahmen der Navigatio auf sich, da sie Genremalerei von gut 200 Jahren späteren Datums evozieren.

Hermann Schedel ist in den späten 1440er Jahren als Leibarzt am Hofe Friedrich II., des Kurfürsten von Brandenburg, belegt und muss die Wandmalereien spätestens vor seiner Abreise nach Eichstätt 1452 beschrieben haben. Nicht nur sein jüngerer Vetter Hartmann Schedel, Kompilator der berühmten Nürnberger Weltchronik, sondern auch Sigismund Gossembrot übernahmen bereits im 15. Jahrhundert Auszüge dieser Beschreibungen. Die repräsentativen Malereien in der märkischen Prämonstratenserbibliothek lassen auch vor diesem Hintergrund nach dem implizierten Betrachter fragen. In erster Linie ist hier an die Domherren zu denken, die in Bezug auf ihre großenteils adlige Herkunft und universitäre Bildung durch die Bilder angesprochen wurden. Einem antiken Topos zur Bibliotheksausstattung entsprechend dominiert vor allem im Gewölbe die Farbe Grün, so dass der Betrachter sich an einen angenehmen Ort „im Grünen“ versetzt fühlt, um sich dort dem Studium zu widmen. Die umfangreichen Inschriften des Gemäldezyklus bieten dabei u.a. eine erste Orientierung zum Lesestoff, betonen aber beispielsweise auch die Voraussetzungen einer guten Herrschaft für das Erblühen der Künste. Ein wichtiger historischer Akteur in diesem Zusammenhang ist der erste bürgerliche Bischof von Brandenburg Stephan Bodeker (1421–1459). Er studierte in Erfurt, Prag und Leipzig mit dem Abschluss baccalaureus simplex des Kirchenrechts und verfügte über für diese Zeit ungewöhnliche Hebräischkenntnisse. Die Artes mechanicae behandelt Bodeker bereits in seinem in den 1440er Jahren verfassten Dekalogtraktat.

Zu den herausragenden Merkmalen gehört die innovative Entfaltung der „Praxis“. Besonders die Darstellungen der Handwerkskünste werden in Landschaften ausgebreitet und mit höfischen Bildthemen versetzt. Keineswegs geht es dabei um die damals bekannten Wissensbereiche in ihrer gesamten Breite, sondern es werden programmatische Akzente gesetzt und die Praxis als alle Bereiche des Wissens und der Bildung verbindende Ebene menschlicher Tätigkeit herausgehoben. Dieses zugleich universelle und exemplarische Wissensfeld und die vielschichtige Funktion als repräsentativer Bibliotheksraum am Prämonstratenserkonvent und Bischofsstuhl eröffnet weit reichende Zusammenhänge der regionalen und europäischen Kunstgeschichte.

Das hier Genannte stellt freilich nur einen kleinen Teil der im Projekt zu untersuchenden Fragen dar. Die zu erwartenden Erkenntnisse betreffen Forschungsdesiderata zur Kunst der Mark Brandenburg in der Mitte des 15. Jahrhunderts wie auch Aspekte der spätmittelalterlichen Bildungsgeschichte und neue Einsichten in eine überregionale Vernetzung. Mit dem DFG-Projekt eröffnet sich nun der Forschung die Chance, die anspruchsvolle Ausmalung der ehemaligen Bibliothek dem Wissenschaftler wie dem Laien ihrem Bestand und ihren Kontexten nach umfassend zu erschließen.

Hervorzuheben ist die bereits in den Vorarbeiten bewusst angelegte Interdisziplinarität: Unter dem gemeinsamen Titel: „Der Wandmalereizyklus zu den Wissenschaften und Künsten in der Brandenburger Domklausur“ begannen im Juli 2017 die Arbeiten im Rahmen des Partnerprojektes „Konservierungswissenschaftliche Forschung zur substanziellen und ideellen Erschließung des erhaltenen Bestandes“, initiiert von Prof. Dr. Rest. Nicole Riedl-Siedow (†) und seit 1. November 2017 unter der Leitung von Prof. Dr. Dipl. Rest. Ursula Schädler-Saub, Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) Hildesheim/Holzminden/Göttingen. Die Zusammenarbeit gewährleistet eine adäquate Herangehensweise an die Wand- und Gewölbemalereien mit kunsthistorischen und konservierungswissenschaftlichen Methoden. Letztere ermöglichen durch ein Untersuchungsprogramm von zerstörungsfreien und zerstörungsarmen analytischen und bildgebenden Verfahren auch eine Auswertung und Visualisierung der im natürlichen Licht nicht erkennbaren Komponenten der Wandmalerei als Grundlage für die weiterführende Forschung.

Als eine gemeinsames Publikationsform und innovative Vernetzung der heterogenen Daten aus den beiden ‚Tandemprojekten’ wird mit Unterstützung des Zentrums für Informations- und Medientechnologien (IMT) und der Universitätsbibliothek der Universität Paderborn das an der Universität Passau entwickelte MonArch-Archivsystem eingesetzt. Nicht zuletzt wird dadurch ein wichtiger Beitrag für den Erhalt und die Zugänglichkeit der einzigartigen Wandgemälde geleistet.

Link zum wissenschaftlichen Poster auf Deutsch

Link zum wissenschaftlichen Poster auf Englisch

Zwischenkolloquium 20.-21.6.2019 am Dom zu Brandenburg an der Havel
Gruppenfoto mit den Teilnehmer*innen des Zwischenkolloquiums in Brandenburg an der Havel, Foto von A. Dzaferagic, HAWK, 20.06.2019.
Begehung im Oberen Kreuzgang, Domklausur, Brandenburg an der Havel, Foto von A. Dzaferagic, HAWK, 20.06.2019.
Sabine Krause-Riemer und Katharina Pick bei der Arbeit vor Ort, Brandenburg an der Havel, Foto von A. Dzaferagic, HAWK, 06.08.2019.

Interdisziplinäre Forschungen zu den spätmittelalterlichen Wandmalereien in der ehemaligen Bibliothek der Domklausur in Brandenburg an der Havel

Zwischenkolloquium des DFG-Tandem-Projekts der Kunstgeschichte (Der Wandmalereizyklus zu den Wissenschaften und Künsten in der Brandenburger Domklausur. Kunstproduktion und Wissensorganisation um 1450, Universität Paderborn) und der Restaurierungswissenschaften (Restaurierungswissenschaftliche Forschung zur substanziellen und ideellen Erschließung des erhaltenen Bestandes, HAWK Hildesheim/Holzminden/Göttingen) am 20.-21. Juni 2019 am Dom in Brandenburg an der Havel.

Kaum ein Forschungsfeld stellt die Kunstgeschichte und die Denkmalpflege vor größere Herausforderungen als dasjenige der Wandmalerei des Mittelalters. Hochgradig fragil und meist nur fragmentarisch erhalten, verweisen diese wertvollen Zeugnisse der Kunst- und Kulturgeschichte vielfach auf Grenzen der materiellen und medialen Zugänglichkeit und Verständlichkeit. Die grundlegende Aufschließung dieser Werke setzt eine fachübergreifende Expertise voraus und kann nur im Rahmen einer interdisziplinären Zusammenarbeit erfolgreich vorangetrieben werden.

Im Herbst 2017 starteten die durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten, in einer interdisziplinären Tandem-Kooperation verbundenen Sachmittelprojekte der Universität Paderborn (Kunstgeschichte, Leitung: Prof. Dr. Ulrike Heinrichs, DFG-HE 4556/3-1) und der HAWK Hildesheim/Holzminden/Göttingen (Restaurierungswissenschaften, Leitung: Prof. Dr. Dipl. Rest. Ursula Schädler-Saub, DFG-USch 4556/3-2) zur grundlegenden Erforschung des 2001–2005 freigelegten spätmittelalterlichen Wandmalereizyklus zu den Wissenschaften und den Künsten im Oberen Kreuzgang der Brandenburger Domklausur. Das Projekt initiiert eine Kooperation mit dem Domstift Brandenburg, dem Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologischen Landesmuseum (BLDAM) sowie mit dem Architekturbüro pmp-Architekten in Brandenburg. Es zielt dabei auf die Entwicklung interdisziplinärer Arbeitsschwerpunkte und den konstruktiven Umgang mit Synergieeffekten bei der Erschließung und Interpretation des Bestandes der Wandmalerei in ihrem Kontext in dem wohl von Anbeginn als Bibliothek des mit Prämonstratensern besetzten Brandenburger Domkapitels konzipierten Obergeschoss des spätmittelalterlichen Anbaus am Nordflügel der Domklausur aus dem 13. Jahrhunderts, in der Kunst- und Kulturgeschichte der historischen Landschaft Brandenburgs und Europas und in der auf die Erforschung von Wandmalerei einschließlich ihrer Restaurierungsgeschichte spezialisierten Restaurierungswissenschaft (Erforschung der historischen künstlerischen Techniken, des Erhaltungszustandes, der Möglichkeiten einer verbesserten Visualisierung und Dokumentation des fragmentarischen Bestandes mit innovativen Methoden und Techniken wie z. B. UV-Fluoreszenzfotografie, Multispektral-, Hyperspektralbildverarbeitung; dazu Erforschung der historischen Ausgestaltungs- und Umgestaltungs- bzw. Restaurierungsphasen). Nicht zuletzt auch mit Blick auf die dem Projekt integrierte Zusammenführung der digitalisierten Daten mittels des Datenarchivierungsprogramms MonArch geht es dabei zugleich um die Entwicklung und vergleichende Reflexion der heterogenen Verfahren der Visualisierung der in weiten Teilen fragmentarischen Malerei, die eine hohe Informationsdichte aufweisen und zugleich spezialisierte Expertisen der Interpretation erfordern.

Im ehemaligen Sommerrefektorium in der Brandenburger Domklausur wurden die ersten Ergebnisse dieses Projekts sowie eine Anzahl von ergänzenden Beiträgen aus assoziierten und affinen Forschungen in einem interdisziplinären Expertenkreis präsentiert. In ihren Grußworten hoben der Kurator des Domstifts Brandenburg, Dr. Cord-Georg Hasselmann, sowie der Landeskonservator und stellvertretende Direktor des BLDAM, Prof. Dr. Thomas Drachenberg, die Einzigartigkeit der Chance der systematischen ‚Entschlüsselung’ der Wandmalereien hervor, die das DFG-Tandemprojekt bietet, und wiesen weiter darauf hin, dass die zu erwartenden Erkenntnisse auch die museale und denkmalpflegerische Praxis befruchten werden. Auf die über die Arbeit der Hochschulen hinaus reichenden Effekte der transdisziplinären Synergie und Dynamik innerhalb des DFG-Tandem-Projekts mit seinem Netzwerk wies auch Prof. Dr. Volker Peckhaus, Dekan der Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Paderborn, hin.

Den Auftakt bildete der Vortrag von Anneli Ellesat / Jürgen Pursche (HAWK), der die Klärung der im Oberen Kreuzgang angewandten historischen Maltechnik am Beispiel der Malerei an den Gewölben zum Inhalt hatte und hier den Einsatz einer besonders hochwertigen Secco-Malerei mit kostbaren Pigmenten belegte. Der Aufbau der Malerei ließ sich als durch Kohlevorzeichnungen sowie eine sorgfältige Modellierung der Motive u.a. einhergehend mit Schraffuren charakterisieren. Als für die Gattung der Wandmalerei in der historischen Landschaft Brandenburg eher untypische Spezifik konnte eine Nähe zur Buchmalerei (hinsichtlich der Wahl der Bindemittel und Pigmente) und zur Tafelmalerei (bezüglich der Verwendung von Lacken) festgestellt werden.

Mechthild Noll-Minor (BLDAM) entwickelte in ihrem Vortag auf der Basis einer Vielzahl von jüngeren denkmalpflegerischen Projekten einen möglichen Vergleichsrahmen der Wandmalerei in der historischen Landschaft Brandenburg und stellte dabei exemplarisch ein breites Spektrum kunsttechnologischer und formalästhetischer Charakteristika von Werkkomplexen der Wandmalerei des 15. Jahrhunderts in dieser Region vor. Sie verwies darüber hinaus auf aktuelle naturwissenschaftliche Verfahren zur Erforschung von Pigmentveränderungen und weiteren Alterungs- und Schadensphänomenen, die an Fragen des ursprünglichen Farbeindrucks der Wandmalerei im Oberen Kreuzgang heranführten.

Katharina Pick (Universität Paderborn) stellte die kunstgeschichtliche Einordnung des Bildzyklus zur den Wissenschaften und Künsten im sogenannten Oberen Kreuzgang mit gattungs- und stilgeschichtlichen Methoden exemplarisch an einem Schwerpunkt der Gewölbemalerei mit ihrer hoch qualitätsvollen Ornamentik vor. Mittels differenzierter vergleichender Untersuchungen bezogen auf böhmische Buchmalerei, überregional tradierte Mustervorlagen sowie Wand- und Glasmalerei in der unmittelbaren und weitergefassten Umgebung Brandenburgs und Norddeutschlands aus dem 14. und 15. Jahrhundert, wurden künstlerische Voraussetzungen und Stilzusammenhänge erschlossen. Durch den Abgleich mit den wenigen überlieferten Quellen – insbesondere der zeitgenössischen Beschreibung des Wandmalereizyklus in der „liberaria“ in Brandenburg von Hermann Schedel (München, Bayerische Staatsbibliothek, clm. 650), Nürnberger Frühhumanist und Leibarzt Kurfürst Friedrichs II., dessen Aufenthalt in der Mark von 1446–52 urkundlich belegt ist – arbeitete die Referentin die Datierung der Wandmalereien in die 1440er Jahre heraus. Ein bislang unbekanntes Wappen, das in der Gewölbemalerei auftritt, konnte sie auf Grund ihrer archivalischen und heraldischen Recherche dem Dompropst und mutmaßlichen Auftraggeber Peter von Klitzke zuordnen, dessen Amtszeit mit der stilgeschichtlich ermittelten Datierung übereinstimmt. In der Bilanz der Stilanalyse ist eine einheitliche Organisation und Durchführung der gesamten Raumausmalung nahe zu legen, wobei die Vielfalt der systematisch verknüpften Bildmodi (mehrere Motive oder Typen von Figurenmalerei und gemalten Ornamenten) ein arbeitsteiliges Vorgehen vermuten lässt.

Die These einer systematisch angelegten, einheitlichen Konzeption konnte auch von Martina Voigt (BBAW) aus der Perspektive ihrer epigraphischen Erforschung der Inschriften des Wandmalereizyklus auf Basis des Regelwerks der Deutschen Inschriften bestätigt werden. Sowohl die durchfensterte Süd- als auch die Nordwand des Oberen Kreuzgangs, die von dem Kreuzrippengewölbe ‚laubenartig’ überspannt werden, verfügten über eine regelmäßige und kohärente Textgestaltung: Die Inschriften an der Nordwand ließen sich trotz ihres fragmentarischen Zustands mit Hilfe der Handschrift von Hermann Schedel in bedeutenden Teilen rekonstruieren, wobei auch Bezüge zu den Bildmotiven festzustellen seien. Bei den Textsegmenten im Süden handelt es sich allerdings um bislang nicht entschlüsselte Quellenzitate, die nicht mit den durch Hermann Schedel für diesen Bereich angegebenen Texten übereinstimmen.

Fragen des Bildprogramms behandelte Ulrike Heinrichs (Universität Paderborn). Sie präsentierte hier Ergebnisse eines transmedialen Vergleichs zwischen der Raumausmalung im Oberen Kreuzgang und der Handschrift Hermann Schedels in der Staatsbibliothek München (SBB, clm. 650) und berücksichtige dabei in beiden Fällen neben ikonografischen und wissenschaftsgeschichtlichen Kriterien auch solche der Komposition und Anordnung sowie der allegorischen Typik. Auf Grund ihres je unterschiedlichen Verhältnisses zu dem wahrscheinlich in beiden Fällen als wichtigste Quelle benutzten scholastischen Urtext der systematischen Unterscheidung der artes liberales und der artes mechanicae, dem Studienhandbuch Didascalicon de studio legendi des Hugo von St. Victor (um 1127), ließen sich diese beiden Medien jeweils als Äußerungen zur wissenschaftlichen Propädeutik eigenen Rechts charakterisieren. Während der Wandmalereizyklus die theologia hierarchisch als übergeordnete und grundlegende scientia ausweist – hier überein gehend mit den Curricula der Universitäten des 15. Jahrhunderts – und zugleich mit Motiven der weltlichen Herrschaft und des weltlichen Lebens in eine Beziehung setzt, kommt Schedel auf das bei Hugo von St. Victor vorgetragene Konzept der philosophia als „Königin“ der artes zurück. Er verlieh seinem eigenen Fach, der Medizin, damit eine Brückenfunktion innerhalb des Wissenssystems der artes et scientiae.

Erkenntnisse zur Frage nach dem verfügbaren Quellenbestand in der Stiftsbibliothek zur Zeit der Programmentwicklung für die Ausgestaltung des Oberen Kreuzgangs brachte der Beitrag von Rüdiger von Schnurbein (Domstift Brandenburg, Dommuseum). Die erste Katalogisierung und Beschreibung der Bestände der Stiftbibliothek datiert in die Jahre 1901–1905. Anschließend wurde der Gesamtkorpus an die Königliche Bibliothek zu Berlin (heute Staatsbibliothek) übergeben, deren Verzeichnis heute 90 Titel aufweist. Bei diesen handelt es sich vorwiegend um juristische und theologische Schriften, von denen die ältesten in die Mitte des 13. Jahrhunderts reichen. Sammelhandschriften, Wörterbücher und Heiligenlegenden (z.B. Norbert von Xanten) ergänzten den Bestand, der insgesamt auf die Unterstützung der täglichen theologischen Arbeit ausgerichtet ist. Die große Menge an niederdeutschen Schriften korrespondiert mit den Schwerpunkten der Prämonstratenser, die auf der Seelsorge und dem Gottesdienst gelegen hätten. Dass Stephan Bodeker, Bischof von Brandenburg 1421–1459, als spiritus rector des Ausmalungsprogramms des Bibliotheksraums anzusehen sei, sah von Schnurbein als wahrscheinlich an. Auffällig seien die ‚Lücken’ im Bestand von 1901–1905: Werke antiker Autoren und einschlägige Chroniken fehlten damals ebenso wie Bibelhandschriften und liturgische Bücher. Mögliche Gründe hierfür sind Brandschäden oder Zweckentfremdungen (z.B. Verwendung als Einbände von Akten im 18. Jahrhundert oder als „Reparaturpflaster“). Einen Teil übernahm die 1704 gegründete Ritterakademie für die Lehrerbibliothek, hier besteht Überprüfungsbedarf. Die Rolle der Stiftsbibliothek im Kontext der Wende der kurfürstlichen Kirchenpolitik im 15. Jahrhundert (Konfrontation oder Kooperation zwischen Bischof und Landesherr?) könnten möglicherweise als Anstoß zur Ausgestaltung des Oberen Kreuzgangs gesehen werden.

Fragen der Entstehungsgeschichte und der Nutzungs- und Restaurierungsgeschichte behandelte Ursula Schädler-Saub (HAWK). Nach einer ersten, möglicherweise nur kurze Zeit bestehenden Phase der Ausgestaltung ohne Wandmalerei, die sich durch grünlich-schwarz glasierte Formziegel und Schmuckfugen mit Ritzungen auszeichnet, wurde bereits der nun zur Erforschung anstehende Wandmalereizyklus zu den Wissenschaften und Künsten einschließlich der Ornamentmalerei – als einheitlich konzipierte, den ganzen Raum umfassende Ausmalung – aufgebracht. Eine helle Graufassung auf weißer Tünche fungierte hierbei als Träger der Ausmalung. Einen weiteren Schwerpunkt des Vortrags bildete die Umnutzung des Raums im Rahmen der von 1704 bis 1945 bestehenden Ritterakademie, die mit verschiedenen durchgreifenden baulichen Maßnahmen und teils historisierenden Umgestaltungen der Architekturoberflächen verbunden war, welche sich nicht nur für die Wandmalerei, sondern auch insgesamt für die historische Bausubstanz, die Gestaltung ihrer Oberflächen und bauplastischer Details zerstörerisch auswirkten.

Olaf Schwieger (Gramann und Schwieger GbR) stand im Rahmen einer offenen Diskussion sowie bei gemeinsamen Begehungen des Oberen Kreuzgangs für Fragen zum Erhaltungszustand unmittelbar vor der Freilegung der Wandmalereien 2001–2005, an der er als Restaurator maßgeblich beteiligt war, zur Verfügung.

Bauhistorische Bezüge des Oberen Kreuzgangs und die Möglichkeiten ihrer Darstellung mit dem Datenarchivierungssystem MonArch waren Gegenstand des Projekterfahrungsberichts von Sabine Herrmann vom Architekturbüro pmp-Architekten, das seit 1999/2000 sukzessive die Baualterskartierung der Domklausur bearbeitet. Im Zuge der Zusammenarbeit bei der Erstellung der Datenbank werden dem DFG-Tandemprojekt aktuelle Planzeichnungen sowie der Zugang zu allen wichtigen Befunden der laufenden Bauforschung zur Verfügung gestellt. Das auf Monumentalbauten spezialisierte Datenarchivierungsprogramm MonArch, das am Institut für Informationssysteme und Softwaretechnik (IFIS) Universität Passau entwickelt wurde, erlaubt eine passgenaue Zuordnung von einzelnen Gebäudeteilen und Baugliedern innerhalb der Gebäudepläne mit den zu archivierenden Dokumenten. Die synchronisierte Navigation über den gemeinsam entwickelten Partonomieaufbau und aktive Flächen innerhalb der Gebäudepläne, Themenbaum-, Schlüsselwort- und Datensatzsuche gehören zu den Vorteilen, die dieses Programm auszeichnen.

Wie Ulrike Heinrichs in der anschließenden Diskussion betonte, stellen der Prozess der Verschlagwortung und Verlinkung innerhalb dieses Verbundsystems wie der präzisen Zuweisung bei einzelnen Datensätzen (Autorenrecht, Zugriffsrecht, Material, Technik) hohe Anforderungen und bedürfen der Fachkenntnisse der Mitarbeiter/innen beider Sachmittelprojekte. Diese zusätzliche, das DFG-Projekt ergänzende und von beiden beteiligten Hochschulen finanzierte Arbeit dient dem Ziel, dass die Untersuchungsergebnisse zum Oberen Kreuzgang perspektivisch zu einer breit angelegten Erforschung der gesamten Domklausur ausgebaut werden können.

Die Notwendigkeit eines kontinuierlichen Monitorings – im Sinne der restauratorischen Überwachung von Veränderungsprozessen am Bestand – zur Gewährleistung der langfristigen Erhaltung von Wandmalereien unterstrich Jan Raue (Fachhochschule Potsdam) in seinem Erfahrungsbericht aus der denkmalpflegerischen Praxis an Hand von Beispielen im Land Brandenburg. Mit Blick auf die hohen Kosten von technisch aufwändigen Monitoring- und Wartungsmaßnahmen, die den dauerhaften Einsatz dieser „High-Level“-Methoden ausschlössen, sind Raue folgend bewährte „Low-Level“-Methoden (insbesondere die traditionelle fotografische Dokumentation im Maßstab 1:1) zu empfehlen.

Laut Ursula Schädler-Saub zeigt sich die Wichtigkeit eines Monitorings auch im Oberen Kreuzgang, wo seit der letzten Restaurierungsphase von 2005 bereits kleine Schäden entstanden sind, die im Rahmen des DFG-Projekts der HAWK kartiert werden.

Um den denkmalpflegerischen Umgang mit und innovative Möglichkeiten einer verbesserten Visualisierung fragmentarischen Beständen von historischer Wandmalerei ging es auch in der von Peter Turek (Restaurator aus Forchheim) präsentierten Fallstudie an Beispielen in der ehemaligen Klosterkirche Prüfening und in Kirchen und Wohnhäusern in Bamberg. Peter Turek sprach sich ausdrücklich gegen den Einsatz von Retuschen aus. Insbesondere wies er darauf hin, dass an Wandmalereien mit Retuschen eine künftige Vertiefung der Produktions- und Restaurierungsgeschichte erschwert werde, da insbesondere UV-Fluoreszenzaufnahmen verunklärt werden und insofern nicht mehr einsetzbar seien.

Den Anlass zu dieser Präsentation bot die Tatsache, dass auch im Falle der Wandmalereien im Oberen Kreuzgang in Brandenburg auf jegliche Retusche verzichtet wurde und wird, – ein unschätzbarer Vorteil aus Sicht der Denkmalpflege und des DFG-Tandem-Projekts.

Den Einsatz innovativer Methoden und Techniken der Visualisierung im Dienste der vertieften Untersuchung fragmentarischer Wandmalereien präsentierten Gunnar Siedler (fokus GmbH Leipzig) – mit Beispielen der 2D-/3D–Visualisierung und Sabine Krause-Riemer (HAWK) – mit ersten Ergebnissen der Auswertung, die an den Wandmalereien im Oberen Kreuzgang der UV- Fluoreszenzfotografie, der Multispektral- und Hyperspektralbildverarbeitung, die unter Verwendung des digitalen Dokumentationsprogramms metigoMAP bearbeitet wurden. Mit Hilfe des Kartierungsprogrammes metigoMAP können die verschiedenen Aufnahmen maßstabsgerecht übereinandergelegt und die verschiedenen optischen Phänomene, die teilweise außerhalb der menschlichen Wahrnehmung liegen, separiert, interpretiert und computergraphisch visualisiert werden. Diese Herangehensweise kam erstmals im Bereich der Wandmalerei zur Anwendung und gibt Anlass zur Entwicklung einer neuen wissenschaftlichen Methode der Analyse am fragmentarischen Malereibestand und der virtuellen Rekonstruktion.

Letzteres Vorhaben wurde im Rahmen einer Fallstudie an Bereichen der Malerei im Joch IX an der Nordwand durch Katharina Pick (Universität Paderborn) und Sabine Krause-Riemer (HAWK) näher beleuchtet. Der intensive Arbeitsprozess im Rahmen dieser beispielhaften Kooperation zwischen Restaurierungswissenschaften und Kunstgeschichte lieferte zunächst eine Hilfslinien-Visualisierung auf Grundlage hunderter von Aufnahmen unterschiedlicher Phänomene. Diese sind sukzessive zusammen analysiert worden, wobei die gebündelten visuellen Informationen auf die ursprüngliche Formgebung der ornamentalen und figurativen Wandmalerei bezogen, und schrittweise grafisch am Computer umgesetzt wurden. U. a. mit Blick auf den szenischen Zusammenhang einer nunmehr als Tanzaufführung durch Figuren einer höfischen Gesellschaft verständlichen Darstellung und zahlreicher Details hat sich der Zugewinn an visueller Information als sehr bedeutend erwiesen.

So führte die konstruktive Verschmelzung von kunsttechnologischem und restauratorischem Wissen sowie motivgeschichtlicher, kostümhistorischer und ikonografischer Analyse zu bemerkenswerten Ergebnissen, deren Erkenntniswert für die Deutung und Vermittlung des Brandenburger Wandmalereizyklus großes Zukunftspotential in sich trägt.

Ulrike Heinrichs, Katharina Januschewski [17.12.2019]

Berichte und Publikationen
  • Ulrike Heinrichs, „Genremotive im mittelalterlichen Hausbuch. Aneignungen der Ikonographie von Kunst und Philosophie im burgundisch-deutschen Kunsttransfer“, in: Peiraikos‘ Erben. Die Genese der Genremalerei bis 1550, hrsg. von Birgit Ulrike Münch und Jürgen Müller, Wiesbaden 2015, S. 199–246.
  • Katharina Pick, „Der Wandmalereizyklus der Künste und Wissenschaften in der Brandenburger Domklausur. Ein Monument der Konkurrenz zwischen Bischof und Kurfürst hinsichtlich ihrer Bildungspolitik und der Wahl ihrer Künstler?“, in: Die Mark Brandenburg unter den frühen Hohenzollern: Beiträge zur höfischen Kunst und Architektur im 15. Jahrhundert, hrsg. v. Peter Knüvener und Dirk Schumann, Berlin 2015, S. 301–317.
Vorträge und Präsentationen

Brandenburg an der Havel: IV. Forum Kunst des Mittelalters

Führungen vor Ort: Umgeben von Bildern der Künste und Wissenschaften. Architektur, Bildprogramm und Konservierung der ehemaligen Bibliothek des Brandenburger Domkapitels  | von Prof. Dr. Ulrike Heinrichs, Katharina Pick und Dipl.-Rest. Olaf Schwieger [September 2017]

 

Universität Paderborn: Interdisziplinäre Tagung „Neue Forschungen zur Wandmalerei des Mittelalters“

Katharina Pick, Die Wandmalereien in der „liberaria“ (Hartmann Schedel) im Oberen Kreuzgang des Domstifts Brandenburg [Juni 2015]

 

Universität Freiburg/Schweiz: Generalversammlung der Görres-Gesellschaft, Tagung, Sektion Kunstgeschichte unter der Leitung von Prof. Dr. Harald Wolter von dem Knesebeck und PD Dr. Stefan Matter

Präsentation: Die Artes mechanicae in neuem Licht – Der Wandmalereizyklus im oberen Kreuzgang des Domstifts in Brandenburg an der Havel, Teil 1: Prof. Dr. Ulrike Heinrichs, Universität Paderborn: Die Artes mechanicae im geistlich geprägten Bildprogramm „in liberaria Brandenburgensi“, Teil 2: Mechthild Noll-Minor, Dipl.-Restauratorin, Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege und archäologisches Landesmuseum, Zossen: Kunsttechnologischer Untersuchungen an den fragmentarisch erhaltenen Wandmalereien, Teil 3: Katharina Pick, M.A., Das Verhältnis von Bild und Text am Beispiel der Agricultura [September 2014]

Einsatz des MonArch-Datenarchivierungssystem an der Domklausur in Brandenburg an der Havel

MonArch im Einsatz an der Brandenburger Domklausur

[Prof. Dr. Ulrike Heinrichs, Universität Paderborn / Dipl. Rest. Mechthild Noll-Minor, Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege (BLDAM), 7.12.2019 | Zusammenfassung des Vortrags, gehalten am 11. Oktober 2019 auf dem MonArch-Workshop (10.-11. Oktober 2019, Universität Passau/IFIS)] 

Das MonArch-Datenarchivierungsprojekt an der Brandenburger Domklausur ist ein integriertes Unterprojekt des durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) finanzierten interdisziplinären Tandemprojekts (Sachmittelprojekte der DFG der Universität Paderborn (DFG-HE 4556/3-1, Kunstgeschichte, Leiterin: Prof. Dr. Ulrike Heinrichs) und der Hochschule für Angewandte Kunst und Wissenschaft Hildesheim (HAWK) (DFG_USch 4556/3-2, Restaurierungswissenschaft, Leiterin: Prof. Dr. Dipl. Rest. Ursula Schädler-Saub) mit dem gemeinsamen Obertitel „Der Wandmalereizyklus zu den Wissenschaften und Künsten in der Brandenburger Domklausur“. Im Sinne der grundlegenden Erforschung dieses Komplexes bündelt das DFG-Projekt verschiedene fachwissenschaftliche Perspektiven wie insbesondere auch historische, baugeschichtliche und naturwissenschaftliche Ansätze.

Als integriertes Unterprojekt wird der Einsatz des MonArch-Datenarchivierungssystems hier durch die Universität Paderborn (Kooperation mit IFIS Universität Paderborn für Schulung, informationstechnische Anpassungen und Hosting) und die HAWK (Kooperation mit pmp- Architektin/Dipl. Ing. Architektur Sabine Herrmann für die Erstellung des Graphen und Integration von Planzeichnungen von pmp-Architekten) finanziert. Mit dem Ziel, die Nachhaltigkeit des DFG-Sachmittelprojekts im Sinne des Erhalts und der Vermittlung des Monuments zu fördern, fokussiert dieses Unterprojekt zugleich auf eine Kooperation mit dem Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologischem Landesamt (BLDAM), dem Domstift Brandenburg und dem durch das Domstift Brandenburg beauftragten Büros pmp-Architekten/Dombaumeister Jürgen Padberg sowie der Universität Passau-IFIS und dem IMT sowie der Universitätsbibliothek der Universität Paderborn.

Durch folgende inhaltliche und methodische Besonderheiten zeichnet sich diese Anwendung des MonArch-Datenarchivierungssystems aus: Erfasst werden nicht nur der Standort der zu erforschenden spätmittelalterlichen Wandmalereien im Nordflügel der Domklausur, sondern in der Gebäudestruktur sind bereits alle Gebäude im Besitz des Domstifts Brandenburg auf der Brandenburger Dominsel angelegt. Dieser Standort bildet den historischen Ausgangspunkt für die Entstehung der Mark Brandenburg und des Bistums Brandenburg im hohen Mittelalter. Die Bauten, Kunstwerke und Archive des Domstifts, die hinsichtlich der Entstehung teilweise bis auf das 12. Jahrhundert zurückreichen, sind von großer kunstgeschichtlicher und landesgeschichtlicher Bedeutung.

Dies dient zum einen der Kontextualisierung der Wandmalereien in Bezug zu ihrem baulichen Umfeld bis hin zu möglichen Bezügen zu Werken der Malerei und Skulptur im Dom und im Dommuseum und zu Planzeichnungen und Urkunden im Domstiftsarchiv. Es ermöglicht zum anderen die Vorbereitung von Anschlussprojekten, die sich z.B. auf baugeschichtliche und archäologische Themen oder auf ein Inventar der Gebäude insgesamt beziehen können.

Das MonArch-Datenarchivierungssystem dient neben der digitalen Archivierung der vorhandenen sowie der im Projekt erstellten Dokumente auch als Medium der Darstellung und Vermittlung von Ergebnissen des DFG-finanzierten Tandemprojekts. Dies betrifft werkimmanente, auf das Monument selbst konzentrierte Dokumentationen der beiden Disziplinen Restaurierungswissenschaft und Kunstgeschichte wie insbesondere digitale Visualisierungen und Digitalisate, die das Projekt selbst generiert, oder die es bündelt und auswertet. Dies betrifft z.B. bereits vorliegende Dokumentationen zu baulichen Befunden und ältere Restaurierungsdokumentationen.

Als Medium und archivalische Plattform des DFG-finanzierten Tandemprojekts bringt es dessen Thematik zum Ausdruck und ist auf dessen Forschungsergebnisse hin modelliert. Daher wird der sogenannte Obere Kreuzgang mit dem spätmittelalterlichen Wandmalereizyklus im Bereich der ehemaligen Bibliothek des Domkapitels durch eigens modellierte Themenschwerpunkte zur „Wandmalerei“, zur „Instandsetzung und Restaurierung“, zur „Werktechnik“ oder zum „Bildthema“ besonders differenziert beschrieben und erfasst dabei materialgeschichtlich und kunsttechnologisch relevante Befunde ebenso wie die restaurierungsgeschichtliche Einordnung und einen ungewöhnlich motivreichen, einzigartigen Bereich der bildenden Kunst zwischen profanen und sakralen Funktionen. Die ausgewählten Lexiken werden durch die Forscherteams auf der Grundlage ihrer Forschungsergebnisse entwickelt. Sie identifizieren geeignete Vorbilder (z.B. ICONCLASS für die Ikonographie, Alois Riegl für die Ornamentik, Wasmuths Lexikon der Baukunst für die Baubeschreibung, EwaGLos für die konservierungswissenschaftliche Terminologie), treffen hier eine Auswahl bzw. nehmen Erweiterungen vor und tragen somit zur Weiterentwicklung von terminologischen Standards bei.

Ein weiteres Thema ist die Verknüpfung von graphischen Strukturen in Kartierungen zu semantischen Strukturen in Themengraphen. Durch die perspektivisch angestrebte Implementierung des Importes von grafischen Auswertungen der bildgebenden Untersuchungen (u.a. Aufnahmen unter ultravioletter Strahlung und Aufnahmen mittels Hyperspektralkamera) im Programm MetigoMap werden bildliche Motive und restaurierungswissenschaftlich erfasste Phänomene von Alterung und Degradation – z.B. Ergebnisse von Schadensprozessen wie Pigmentumwandlungen – referenziert und weiterführenden Untersuchungen zugänglich gemacht.

Die strukturelle Beschaffenheit des MonArch-Datenarchivierungssystems fördert besonders die Vertiefung von einer Reihe von wichtigen Reflexionsbereichen des Tandemprojekts, die durch andere Medien nicht oder nicht mit vergleichbarer Effizienz erreicht werden, wie Charakteristik und Vergleich der interdisziplinär verfassten heterogenen Visualisierungen der fragmentarisch überlieferten Wandmalerei an ihrem baulichen Standort. Hierdurch wird der Charakter des Monuments als begehbares und – auf Bild- und Textebene – visuell zu erfassenden Wissensarchiv aus dem späten Mittelalter überzeugend vermittelt.

Gleichzeitig dient die Zusammenführung und gebäudebezogene Referenz der vorhandenen Daten und Dokumentationen als Grundlage und unterstützendes Instrument für den Erhalt der baulichen Strukturen und der mittelalterlichen Wandmalerei durch Monitoring und hierdurch veranlasste Wartung und Pflege.

Ulrike Heinrichs und Mechthild Noll-Minor, 7.12.2019

 

Die ‚Historische Paderborn’-App (HiP-App)

Projektbeschreibung
Raum als Ressource: Die HiP-App macht Geschichte erlebbar.

Interfakultäres Lehr- und Forschungsprojekt zur agilen Softwareentwicklung und mobilen multimodalen Vermittlung vormoderner Artefakte

Die ‚Historisches Paderborn-App‘ (HiP-App) ist ein interdisziplinäres und interfakultäres Lehr- und Forschungsprojekt im Bereich der Digital Humanities, das Methoden der verschiedenen Disziplinen produktiv zusammenwirken lässt.
Das Projekt wird maßgeblich von folgenden Akteuren getragen: Dr. Markus Greulich (Ältere deutsche Sprache und Literatur), Dr. des. Nicola Karthaus (Mittelalterliche Geschichte), Dr. Simon Oberthür (Informatik), Ariane Schmitt-Chandon, M.A. (Mittlere und Neuere Kunstgeschichte), Björn Senft, M.Sc. (Informatik), Kristina Stog, M.A. (Germanistische und Allgemeine Sprachwissenschaft) und Jun.-Prof. Dr. Nicole M. Wilk (Germanistische Sprachwissenschaft).
Ziel des Projektes ist die gemeinsame Entwicklung einer Anwendung für mobile Endgeräte, die auf ansprechende Weise detaillierte und fachlich sinnvoll aufbereitete Materialien zur selbstständigen historischen Erkundung der Stadt Paderborn anbietet. Konzipiert werden derzeit drei verschiedene Stadtrundgänge zum hl. Liborius, zu Karl dem Großen und zu Bischof Meinwerk von Paderborn – drei für die Entwicklung Paderborns zentrale historische Persönlichkeiten des frühen Mittelalters. Ein weiterer Stadtrundgang thematisiert die historischen Orts- und Straßennamen in Paderborn.
Existierende Denkmäler dienen als Ausgangspunkt, um germanistische, historische und kunsthistorische Inhalte zu erläutern. Ein zentrales Anliegen des Projekts ist es, den Stadtraum historisch erfahrbar zu machen. Die Geschichte der Kulturgüter und Artefakte von Paderborn direkt vor Ort mit Hilfe der App ‚sicht- und lesbar’ zu machen, ist hierbei für den Lehrbereich der Mittleren und Neueren Kunstgeschichte von besonderem Interesse. Kunstwerke können nicht nur schriftlich oder mündlich erläutert werden, sondern auch singuläre Details hervorgehoben oder verlorene Sinnzusammenhänge visualisiert werden. Sogar der ursprüngliche Kontext eines Werkes kann so rekonstruiert werden. Auch ist es möglich, kunsthistorische Vergleiche zu ziehen und eine kulturhistorische Kontextualisierung vorzunehmen. Die Kombination von Artefakten und Sprechertexten, Fotos, Skizzen und Legenden, Rekonstruktionen und interaktiven Angeboten führt zu innovativen und anregenden Medienformaten. Die Benutzeroberfläche der App wird u. a. durch aktuellste Präsentationsformen historischer Artefakte im Bereich der Augmented Reality, d. h. der virtuell erweiterten Realität, gestaltet. So wird die Neugier der Nutzer_innen geweckt, die Wahrnehmung des urbanen Umfelds verändert und zur eigenen Auseinandersetzung mit der Stadtgeschichte und dem Kulturraum angeregt.
Das Projekt zeichnet sich durch ihren evolutiven Charakter und ihre enge Verzahnung von Forschung und Lehre aus. Im Fokus des interdisziplinären Projektes stehen neben der Aufbereitung wissenschaftlicher Inhalte auch Aspekte des forschenden Lernens und der Medienkompetenz. Entwicklung und Betrieb sowie Erarbeitung der multimodalen Inhalte der App werden – unter wissenschaftlicher Leitung – von Studierenden der Informatik und der Kulturwissenschaften der Universität Paderborn geleistet. Dazu fanden im Sommersemester 2015, im Wintersemester 2015/2016 sowie im Sommersemester 2106 mehrere fachspezifische Seminare der Kulturwissenschaften und der Informatik statt. In einer einwöchigen Herbstakademie des IEMAN im September 2015 entwickelten darüber hinaus Studierende in interdisziplinären Arbeitsgruppen innovative und nutzerzentrierte Konzepte für das Front-End, d.h. die sichtbare Oberfläche der App.
Zentrales gemeinsames Forschungsanliegen der Kulturwissenschaften und der Informatik ist es, in diesem Projekt Methoden, Prozesse und Analysen im Bereich der Digital Humanities zu entwickeln. Forschungsgegenstand und -grundlage hierfür bilden Genese, Entwicklung, Betrieb und Pflege der HiP-App, aber auch die kritische Reflexion der Kopplung physischer, kartographierter und medialer Räume, die die urbane Topographie diachron lesbar machen. Als Plattform für die Analyse der multimodalen Raumkonstitution soll die HiP-App die vielfältigen Prozesse der Visualisierung und digitalen Aufbereitung von stadtgeschichtlichem Wissen beschreiben und dabei ermitteln, welche Möglichkeiten historischer Sinnstiftung sich mit der Verknüpfung von Artefakten, Sprache und digitalen Medien auf einer interaktiven Benutzeroberfläche eröffnen.
Die Projektgruppe wurde 2015 mit dem Forschungspreis der Universität Paderborn ausgezeichnet und konnte 2016 auf der 3. Tagung des Verbands ‚Digital Humanities im deutschsprachigen Raum‘ eine eigene Sektion mit drei Vorträgen gestalten.

Berichte und Publikationen

Reckendorf, Nina, Das ist HiP: Erkundung der Domstadt mithilfe einer App, in: upb.aktuell, Ausgabe 32, 8. Oktober 2015, S. 2-3.

Greulich, Markus / Karthaus, Nicola, Digital Humanities und Design Thinking. Selbständig das historische Paderborn erkunden, in: Paderborner Universitätszeitschrift (PUZ) 2, Wintersemester 2015/2016, S. 36-37.

Greulich, Markus / Karthaus, Nicola / Schmidt, Ariane, Ins Leben gerückt. Zum Potential mobiler Anwendungen für die Vermittlung vormoderner Artefakte, in: Dhd 2016: Modellierung – Vernetzung – Visualisierung. Die Digital Humanities als fächerübergreifendes Forschungsparadigma, Universität Leipzig 7.-12. März, Konferenzabstracts, hg. von Elisabeth Burr, Leipzig 2016, S. 70-73.

Forschungspreis 2015: Zwei fachübergreifende Projekte erhalten rund 100.000 Euro, in: Paderborner Universitätszeitschrift (PUZ) 2, Wintersemester 2015/2016, S.50-51.

Negri, Julia, Design Thinking? Heiliger Liborius! SICP-Nachricht vom 9. Juni 2017.

Vorträge und Präsentationen

06.03.2015
Universität Paderborn: 44. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Hochschuldidaktik „Hochschuldidaktik im Dialog. Tag(ung) des Lernens und Lehrens“

Dr. Katrin Bourée, Dr. Markus Greulich, Ariane Schmidt M.A., DisQspace-Beitrag: Dimensionen einer interdisziplinären Kooperation in universitärer Lehre ‚Historisches Paderborn‘-App (HiP-App)

10.03.2016
Universität Leipzig: 3. Tagung des Fachverbandes Digital Humanities im deutschsprachigen Raum (DHd) „Modellierung – Vernetzung – Visualisierung. Die Digital Humanities als fächerübergreifendes Forschungsparadigma“

Dr. Markus Greulich, Dr. des. Nicola Karthaus, Dr. Simon Oberthür, Ariane Schmidt, M.A., Björn Senft M.Sc., Kristina Stog, M.A., Jun.-Prof. Dr. Nicole M. Wilk, Sektion: Mobile Anwendungen als multimodale Medien zur Vermittlung vormoderner Artefakte. Die ‚Historisches Paderborn‘-App – ein interdisziplinäres Forschungs- und Lehrprojekt“

26.06.2016
Präsentation der HiP-App im Rahmen der Wissenschaftstage der Universität Paderborn [zusammen mit Dr. Markus Greulich, Dr. des. Nicola Karthaus, Dr. Simon Oberthür, Björn Senft, M.Sc., Kristina Stog, M.A. und Jun.-Prof. Dr. Nicole M. Wilk]

13.07.2016
Universität Paderborn: Interdisziplinäre Ringvorlesung des Instituts für Kunst, Musik, Textil „Kunstbegriffe 4: Orte“

Dr. Markus Greulich, Dr. des. Nicola Karthaus, Ariane Schmidt, M.A., Kristina Stog, M.A., Jun.-Prof. Dr. Nicole M. Wilk, Vortrag: Karl der Große vor Ort. Herstellung geschichtlicher Räume durch multimodale Darstellung

22.09.2016
Universität Bochum: 45. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Hochschuldidaktik „Gelingende Lehre: erkennen, entwickeln, etablieren“

Dr. Markus Greulich, Dr. des. Nicola Karthaus, Dr. Simon Oberthür, Ariane Schmidt, M.A., Björn Senft, M.Sc., Kristina Stog, M.A., Jun.-Prof. Dr. Nicole M. Wilk, DisQspace-Beitrag Design Thinking als Methode in den Digital Humanities. Optionen interdisziplinären, forschenden Lehrens und Lernens

Die Universität der Informationsgesellschaft