Di­gi­ta­le De­mo­kra­tie und di­gi­ta­ler Au­to­ri­ta­ris­mus: Das IN­NO­VA­DE-For­schungs­team der Uni­ver­si­tät Pa­der­born ver­an­stal­tet Pa­nel auf der IAM­CR-Kon­fe­renz 2026

Das INNOVADE-Forschungsteam der Universität Paderborn (Prof. Christian Fuchs, Joel Museba, Kevin Friesch) organisierte ein Panel auf der Konferenz 2026 der International Association for Media and Communication Research (IAMCR). Das Panel trug den Titel „Partizipative Demokratie und partizipativer Faschismus im Zeitalter des digitalen Kapitalismus“. Im Mittelpunkt stand die Rolle von Partizipation in digitaler Demokratie und digitalem Autoritarismus. Gemeinsam mit den drei Forschenden nahm Prof. Jack L. Qiu an der Veranstaltung teil. Er ist Shaw Foundation Professor für Medientechnologie an der Wee Kim Wee School of Communication and Information der Nanyang Technological University in Singapur.

Christian Fuchs erläuterte, wie zeitgenössischer (digitaler) Autoritarismus funktioniert, welche Rolle Partizipation dabei spielt, in welchem politökonomischen Kontext er steht und wie demokratische Alternativen aussehen sowie verwirklicht werden können. Er argumentierte, dass Konzepte wie Partizipation, Basisdemokratie, alternative Medien, Bürgerjournalismus oder Öffentlichkeit ideologisch der Logik des Autoritarismus untergeordnet worden seien.

Joel Museba zeigte auf, warum die Theorie partizipativer Demokratie im Kontext digitaler Medien von zentraler Bedeutung ist. Er betonte, dass partizipative digitale Demokratie Ressourcen und Zeit erfordert, eine Ausweitung demokratischer Prozesse von der Politik auf die gesamte Gesellschaft voraussetzt, Online- und Offline-Beteiligungsformen miteinander verbinden muss und auf verfassungsrechtliche Schutzmechanismen angewiesen ist.

Kevin Friesch stellte die sechs Modelle digitaler Demokratie sowie die vier Zukunftsszenarien digitaler Gesellschaften vor, die im Rahmen des INNOVADE-Projekts vom Paderborner Forschungsteam entwickelt wurden. Ziel dieser Modelle und Szenarien ist es, die Vorstellung davon zu erweitern, wie sich digitale Gesellschaften künftig entwickeln könnten.

Jack Qiu argumentierte, dass Süd- und Südostasien seit Langem als Laboratorien für digital vermittelten Populismus und Extremismus dienen. Er zeigte, dass sich digitaler Extremismus in Asien häufig hinter kulturellen, ethnischen oder religiösen Deutungsmustern verbirgt. Zu den von ihm vorgestellten Beispielen aus sozialen Medien gehörten anti-Rohingya-Facebook-Gruppen in Myanmar, Vlog-Netzwerke aus der Duterte-Ära auf den Philippinen, Telegram-Kanäle der Bewegung „Malay Power“ in Malaysia sowie antisemitische und antimuslimische Discord-Gruppen.

Die International Association for Media and Communication Research (IAMCR) wurde 1957 mit Unterstützung der UNESCO gegründet. Mit rund 1.700 Teilnehmenden war die Konferenz im irischen Galway die bislang größte IAMCR-Konferenz. Das von Christian Fuchs geleitete Panel war Teil des Tagungsprogramms der Fachsektion Political Economy. Diese gehört zu den größten Sektionen der IAMCR und bildet seit 1978 eine lebendige internationale Gemeinschaft von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die sich mit dem Zusammenspiel von Medienpolitik und Medienökonomie beschäftigen.

Jack Qiu und Christian Fuchs arbeiten bereits seit vielen Jahren zusammen, unter anderem als Mitherausgeber der Sonderausgabe „Ferments in the Field: The Past, Present and Future of Communication Studies“ des Journal of Communication aus dem Jahr 2018. Das Journal of Communication zählt zu den weltweit führenden und höchstgerankten Fachzeitschriften der Medien- und Kommunikationswissenschaft.

Das Panel machte deutlich, wie wichtig es ist, Kontinuitäten und Veränderungen von Autoritarismus und Demokratie zu erforschen, zu analysieren, wie digitale Technologien als Vermittlungsinstanzen partizipativen Autoritarismus und partizipativer Demokratie wirken, und dabei eine kritische sowie international vergleichende Perspektive einzunehmen.

Die Erkenntnisse des Panels stehen im Einklang mit den fünf Entwicklungstendenzen, die Jack Qiu und Christian Fuchs in der Sonderausgabe des Journal of Communication als prägende Merkmale der gegenwärtigen Medien- und Kommunikationswissenschaft herausgearbeitet haben:

  • (a) Kommunikationswissenschaft im globalen Maßstab,
  • (b) die Bedeutung der Forschung zu Kommunikation in einer sich rasch wandelnden digitalen Medienumgebung,
  • (c) die Bedeutung kritischer Kommunikationswissenschaft,
  • (d) die neue kritische und materialistische Wende sowie
  • (e) praxisorientierte Kommunikationsforschung und die Analyse von Machtungleichgewichten in der Wissensproduktion.

 

Empfohlene Lektüre

Fuchs, Christian & Qiu, Jack L. (2018): Ferments in the Field: Introductory Reflections on the Past, Present and Future of Communication Studies. Journal of Communication, 68(2), 219–232. DOI: https://doi.org/10.1093/joc/jqy008