Im Seminar „Post Punk, New Wave und Synthie Pop: Subkulturen, Mainstreams, Gender und Zeitgeister“ von Prof. Dr. Jacke geht es im Wintersemester 2025/26 immer wieder um die 1980er Jahre: Die Mode, die Kunst, die Medien, die Kultur und selbstverständlich die Musik. Dieses Jahrzehnt heute zu untersuchen, ist besonders spannend, da die Menschen und Gesellschaften vor ähnliche Probleme gestellt werden, wie Markus Kavka (Journalist, Moderator und Autor) bei seinem Besuch des Seminars im November bereits festhielt. Aus diesem Grund ist es besonders erfreulich, dass Prof. Dr. Jacke zwei weitere Gäst:innen einladen konnte, um jeweils in einer digitalen Sitzung aus ihrer Perspektive über diese spannende Dekade und deren Einflüsse bis heute zu berichten.
Jan Frohne (Musiker bei Düsenjäger und Schnelles Geld, Mitarbeiter Green Hell Records) berichtet den Studierenden von seinen Bühnenerfahrungen, Songwriting-Prozessen, Einflüssen und der Silvesternacht der Jahrtausendwende, als die Band Düsenjäger gegründet wurde:
„Wir hatten keinen Bock auf diesen ganzen Silvester-Trubel. Macht doch alle, was ihr wollt, wir machen unser eigenes Ding und verkriechen uns zu viert im Proberaum.“
Die in der Entstehungsgeschichte von Düsenjäger widergespiegelte Abkehr vom Mainstream zeigt sich auch in der Musik der Band. Inspiriert von Post Punk Bands wie Joy Division, EA 80 oder The Cure beschäftigen sich die Künstler in ihren Songs mit den Krisen, die damals wie heute die Gesellschaft beeinflussen. Die auch schon in den 1980er Jahren bekannten Zukunftsängste, ausgelöst unter anderem durch die nukleare Bedrohung und Umweltzerstörung, sind auch den jüngeren Generationen heute nur zu präsent: Klimawandel, internationaler Rechtsruck und Kriege setzen auch die Gesellschaft und Individuen der 2020er Jahre unter Druck und lassen sich in künstlerischen Verarbeitungen erkennen.
Frohne: „In den Achtzigern hieß es: Oh Gott, in fünf Jahren geht die Welt unter. Und so was Ähnliches hängt jetzt auch in der Luft. Das fällt auch auf in kreativen Prozessen, dort fällt es auf fruchtbaren Boden.“
Die Studierenden waren besonders interessiert daran, wie Frohne in seinen Texten politische Botschaften unterbringt: „Ich fand seinen Blick, weil er Texte schreibt, sehr spannend, da politische Themen schon immer Teil seiner Arbeit waren und oft eher unterschwellig als direkt benannt auftauchen. Diese Herangehensweise hat sich für ihn überraschenderweise über die Jahre kaum verändert. Gerade an Songs wie ‚Herbstmanöver‘ sieht man eindeutig, wie zeitlos und wandelbar eben politische Messages in der Musik sein können.“ (Ronja Fischer, Studierende der Popmusik und Medien)
Eine Woche später besucht Gudrun Gut (Autorin, Künstlerin, Labelmacherin und Musikproduzentin) das Seminar und stellt sich den Fragen der Studierenden. Nachdem sie lange Zeit in Berlin gelebt hat, ist Gut vor kurzem in die Uckermark in ländlichere Gegenden gezogen. Die Musikerin (u.a. Malaria!, Mania D., Einstürzende Neubauten und Ocean Club) und DJ schreibt zur Zeit an einem Buch über ihr selbstgegründetes Label „Monika Enterprise“, das sich seit der Gründung für die Verbreitung weiblicher Musik vor allem in Indie- und elektronischen Bereich eingesetzt hat (z.B. Masha Qrella, Barbara Morgenstern, Lucrecia Dalt). Auch wenn Gut immer noch eine Wohnung in Berlin unterhält, ist ihr Wohnsitz doch in der Uckermark – um dort auch gegen die AfD zu wählen, wie sie sagt.
Zwischen den Zeilen wird im lebhaften Gespräch klar, dass politisches, feministisches Engagement immer Teil von Guts Arbeit war. Yannick Tigges und Sophie Stremel, zwei Studierende aus dem Seminar, haben sich vorab eingehend mit Werk und Leben Guts beschäftigt, Literatur- und Medientipps gegeben und die Sitzung moderiert. Vom einstigen Uni-Leben Guts in Westberlin über Geschlechterrollen in der Musikindustrie, wie im Punk, bis hin Guts Fantum für Lana Del Rey: Die Studierenden haben viele Fragen an Gudrun Gut, die diese ausführlich und unterhaltsam beantwortet.
Inspiriert wurde Guts Kunst nicht nur durch die Zeit, sondern auch in vielerlei Hinsicht durch den jeweiligen Ort: Westberlin als Inselstadt wurde „total vernachlässigt“, berichtet die Künstlerin. Ob sie und ihre Freund:innen sich die trostlose Stadt dann wieder mit fröhlicher Musik aneignen wollten? „Fröhlich? Das war gar nicht da. Es war nur grau, grau, grau.“ Und weiter: „Berlin war ein Experimentierfeld. Wir haben uns selbst unterhalten, weil nichts los war, haben wir selbst Konzerte organisiert. Dann haben wir festgestellt, dass noch andere so fühlen wie wir.“
Musik wurde einfach gemacht – in Kneipen oder Cafés, Hinterhöfen oder Kellerräumen.
Gut: „Die Musik im Radio oder die, die um uns herum stattfand, hatte nicht mit der Realität zu tun damals in Westberlin. Auch deswegen wollte ich selbst Musik machen.“
Dabei ging es nicht nur um den Sound oder das Genre. Die Stimme der Frau, wortwörtlich wie metaphorisch, hat Gut gefehlt. Es gab zu wenig Frauenbands. Die Musikindustrie war (und ist sie noch heute, wie Gut betont) männlich, und so hatten Frauen nie einen Vertrauensbonus, sondern mussten immer doppelt abliefern. Genau an diesem Punkt hat sie mit ihrem Label „Monika Enterprise“ angesetzt. Gut erinnert sich, dass sie oft gefragt wurde, warum sie denn nur mit weiblichen Künstlerinnen arbeitet:
„Was auch gar nicht stimmte – aber wurde irgendjemand sonst gefragt, warum ihr Label nur männliche Bands veröffentlicht? Nein. Also hab‘ ich gesagt, ich suche nach meinem persönlichen Geschmack aus.“
Die Studierende Ronja Fischer sagt über den Besuch von Gudrun Gut: „Sie hat durch ihre Vielseitigkeit und ihre klare Haltung einen starken Eindruck hinterlassen. Besonders eindrücklich war ihr Blick auf die Musikindustrie und alles drum herum aus weiblicher Perspektive: Die Offenheit, welche Steine ihr als Frau in den Weg gelegt worden sind, ohne sich aber letztendlich davon aufhalten zu lassen.“
Auch andere Studierende zeigen sich begeistert von den Seminarbesucher:innen. Yannick Tigges berichtet, wie er auch für zukünftige Interviews etwas gelernt hat: „Ich fand es spannend zu sehen, wie schnell beide Künstler aufgetaut sind – was glaube ich daran lag, dass das Format eine lockere Atmosphäre hatte. Es war nicht zu trocken, es wurden viele lebhafte und kreative Fragen gestellt. In beiden Fällen trat das Phänomen auf, dass die Künstler noch mehr Details, Backgroundinfos und weitere Gedanken von der Leine ließen, wenn man ihnen nach ihren Statements etwas Zeit ließ und nicht direkt mit der nächsten Frage reingrätschte. In beiden Sitzungen ging die Zeit viel zu schnell um!“
Sowohl Jan Frohne als auch Gudrun gut sind sich einig: Mit Sicherheit würde nicht alles genauso laufen, wenn sie die achtziger Jahre wiederholen könnten. Aber die Musik würden sie nicht loslassen. Die Studierenden waren fasziniert von der kleinen Zeitreise in die achtziger Jahre und zurück.
Anm. der Verf.: Das Zitat im Titel stammt von Ronja Fischer.
Text und Bilder: Alyssia Ron