Ida Bün­ge­ner 1963 – 2024 Se­lec­ted Works

Jetzt erschienen:  

Herausgegeben: Prof. Max Schulze
Texte: Nelly Gawellek, Max Schulze & Elisa Tamaschke
Gestaltung: Studio Thomas Spallek
Gefördert von: Kunststifung NRW

Distanz, Berlin
308 Seiten
D / E
164 Farbabbildungen
129 s/w Abbildungen
ISBN: 978-3-95476-872-1

Die Arbeiten der Künstlerin Ida Büngener werden mit der vorliegenden Publikation erstmals einem breiteren Publikum zugänglich gemacht. Geboren am 27.11.1943 in Lennestadt (Nordrhein-Westfalen) und seit den frühen 1960er Jahren in Düsseldorf tätig, hat Ida Büngener über Jahrzehnte hinweg ein beeindruckendes malerisches Werk geschaffen – abseits des Kunstmarkts und nahezu unbeachtet von der Öffentlichkeit. Dieses Werk gilt es nun zu entdecken. Solche blinden Flecken entstehen nicht zufällig: Die traditionelle Kunstgeschichtsschreibung hat über lange Zeit hinweg Künstlerinnen marginalisiert oder unsichtbar gemacht – sei es durch die Dynamiken einer durch die männliche Perspektive geprägten Kanonbildung oder ganz konkret durch strukturelle Diskriminierungsmechanismen wie einem eingeschränkten Zugang zu Ressourcen und dem Ausschluss aus meist exklusiv männlichen Netzwerken. Außerdem erfahren Frauen ungleich stärker als Männer eine Benachteiligung aufgrund von Elternschaft. Ida Büngener ist ein Beispiel für diese systembedingte Unsichtbarkeit. Sie studierte von 1963 bis 1967 an der Kunstakademie Düsseldorf und widmete sich konsequent der Malerei und Zeichnung – zu einer Zeit, in der Konzeptkunst und performative Ausdrucksformen im Trend lagen, eine zusätzliche Hürde für die Anerkennung ihrer Arbeit.
  
Bereits während der Rundgänge an der Akademie lösten Ida Büngeners Arbeiten kontroverse Reaktionen aus und wurden als „zu direkt“, „zu intim“ und „zu verletzlich“ beschrieben. Ihre Malerei wurde als „zu persönlich“ und „zu naiv“ wahrgenommen oder sogar verspottet. Daher entschloss sie sich, ihren Lebensunterhalt als Kunstlehrerin zu verdienen und arbeitete weitgehend zurückgezogen ohne ihre Bilder in Ausstellungen zu zeigen oder zu verkaufen.

Ihr künstlerisches wie privates Umfeld, zu dem unter anderem Lothar Baumgarten, Norbert Tadeusz, Candida Höfer, Fritz Heubach, Irmel und Felix Droese, Jörg Immendorff, Joseph Beuys sowie Memphis Schulze gehörten, prägte ihre Entwicklung, auch wenn ihr Werk stets eine eigenständige Position bezog. Trotz familiärer Herausforderungen – insbesondere ab 1993 als alleinerziehende Mutter zweier Kinder – entstand zwischen 1963 und heute ein tiefgründiges, sensibles und kraftvolles Œuvre aus über 750 Gemälden und 700 Zeichnungen, das zentrale, weiblich konnotierte Themen wie Schwangerschaft, Geburt, Fürsorge, Familie, Freundschaft, Natur, Verlust und Tod auf unverwechselbare Weise darstellt.

In den letzten Jahren hat sich die Perspektive auf die Kunstgeschichte der 1960er bis 1990er Jahre gewandelt und Künstlerinnen finden zunehmend Beachtung. Ein Buch über Ida Büngeners Arbeit ist daher nicht nur überfällig, sondern auch hochaktuell. Es wirft so zentrale Fragen auf wie: Wie verhält sich eine künstlerische Produktion, die völlig außerhalb des Kunstmarkts entstanden ist, zur etablierten Kunstgeschichte? Welche Relevanz hat sie? Wie beeinflussen private Umstände wie Herkunft, Religion, Mutterschaft oder psychologische Selbstreflexion die bildende Kunst? Und was bedeutet ein „weiblicher Blick“ in der Malerei?