Am 2. Juni 2026 waren der Arbeitsbereich Zeitgeschichte und das Forschungszentrum C:POP Gastgeber des Vortrags von Dr. Martin Göllnitz mit dem Titel „(I can’t get no) securization“. Sicherheitsdynamiken des Pop in den 1950er und 1960er Jahren. Im Zentrum stand dabei die Frage, wie Popmusik in der alten Bundesrepublik nicht nur als Unterhaltung, Vergnügen oder Jugendkultur wahrgenommen wurde, sondern auch als mögliche Bedrohung für gesellschaftliche Ordnungsvorstellungen.
Dr. Göllnitz zeigte, dass Rock’n’Roll, Beat und Pop in der bundesrepublikanischen Nachkriegsgesellschaft immer wieder mit Unsicherheit verbunden wurden. Dabei ging es nicht nur um Musik im engeren Sinne, sondern auch um Körper, Kleidung, Frisuren, Tanzbewegungen, Geschlechterbilder, Lautstärke und Emotionen. Pop wurde so zu einem kulturellen Phänomen, an dem sich gesellschaftliche Fragen nach Normen, Werten, Ordnung und Sicherheit verdichteten.
Ausgehend von Pop als kultureller Praxis machte der Vortrag deutlich, dass Popmusik immer im Zusammenhang mit sozialen Räumen, medialen Entwicklungen sowie Formen der Produktion, Distribution und Rezeption betrachtet werden muss. Pop entsteht demnach nicht nur im Song selbst, sondern auch in den Praktiken, Deutungen und Aushandlungen, die ihn begleiten.
Besonders anschaulich wurde dies anhand von The Who. Verzerrte Gitarren, Feedback, exzessives Drumming und die Zertrümmerung von Instrumenten wurden im Vortrag als popkulturelle Praktiken beschrieben, die irritierten, provozierten und in der öffentlichen Wahrnehmung schnell mit Lärm, Kontrollverlust und „akustischer Gewalt“ verbunden wurden. Die Zerstörung von Gitarren wurde dabei nicht nur als Bühnengeste lesbar, sondern als Teil einer spezifischen Pop-Ästhetik, die gesellschaftliche Reaktionen hervorrief.
Gleichzeitig machte Dr. Göllnitz deutlich, dass Popgeschichte nicht allein als Abfolge von Skandalen oder als einfacher Generationenkonflikt erzählt werden sollte. Popkonsum war nicht nur Rebellion, sondern auch Vergnügen, Gruppenzugehörigkeit und soziale Praxis. Gerade diese Gleichzeitigkeit von Faszination und Bedrohungswahrnehmung machte Pop zu einem gesellschaftlichen Verhandlungsraum.
Mit dem Begriff der Versicherheitlichung rückte der Vortrag schließlich in den Blick, wie Pop überhaupt erst zu einem Sicherheitsthema gemacht wurde. Nicht Popmusik an sich war automatisch gefährlich, sondern bestimmte Sounds, Körperbilder, Performances und Verhaltensweisen wurden gesellschaftlich als unsicher markiert und entsprechend gedeutet.
Mit der anschließenden Diskussion über die Gleichzeitigkeit von Vergnügen und Unsicherheit oder Chaos, seinem methodischen Vorgehen und einem differenzierteren “Medienbegriff” konnte der Besuch von Dr. Martin Göllnitz als gelungen bezeichnet werden. Wir freuen uns auf den nächsten Besuch und danken den Organisator*innen.