Nach­richt aus den Kul­tur­wis­sen­schaf­ten

Ma­r­cus Bösch zu Gast: Wie So­unds zu po­li­ti­scher Pro­pa­gan­da wer­den

Ist „L’amour toujours“ noch ein harmloser Partysong oder inzwischen eine rechtsextrem codierte Rufparole? Dieser Frage widmeten sich Studierende und interessierte Gäst*innen am 7. Juli 2026 gemeinsam mit dem Politik- und Kommunikationswissenschaftler Marcus Bösch. Eingeladen hatte ihn unser wissenschaftlicher Mitarbeiter David Corrales im Rahmen seines Seminars „What do you Meme? Humor, Sounds und Kontexte in der Internet-Kultur“. 

Im Seminar untersuchen die Studierenden bekannte Phänomene der Internetkultur und fragen unter anderem danach, was Memes auszeichnet, ob auch Songs selbst zu Memes werden können und wie sich ihre gesellschaftliche Bedeutung erforschen lässt. Mit Marcus Bösch rückte besonders die politische Nutzung von Sounds, Memes und TikTok in den Mittelpunkt. 

Ausgangspunkt der Diskussion war die rassistische Umdeutung von Gigi D’Agostinos „L’amour toujours“. Bereits vor dem viel diskutierten Vorfall auf Sylt im Mai 2024 war die Melodie in Videos mit einer rassistischen Parole verbunden worden. Das Sylt-Video löste jedoch eine breite Debatte über Rassismus in der Mittel- und Oberschicht aus. In der Folge wurde der Song unter anderem in einigen Fanzonen der Fußball-Europameisterschaft 2024 und auf Volksfesten nicht mehr gespielt. 

Bösch machte deutlich, dass sich die Verbreitung solcher Botschaften durch Abspielverbote allein kaum verhindern lässt. Im digitalen Raum können Sounds ständig kopiert, remixt und in neue Zusammenhänge gestellt werden. Eine wichtige Rolle spielen sogenannte Dogwhistles – politische Anspielungen, die vor allem von Personen verstanden werden, die mit den jeweiligen Codes vertraut sind. Nach außen können sich Nutzer*innen darauf berufen, es handle sich lediglich um einen Song oder einen Witz. Der eigentliche Kontext werde häufig erst durch weitere Videos, verwendete Symbole oder die Kommentarspalten deutlich. So entstehe die politische Bedeutung nicht durch einen einzelnen Beitrag, sondern durch ein Mosaik verschiedener Hinweise. 

Die Diskussion zeigte also, dass Nutzer*innen nicht nur Empfänger*innen, sondern selbst aktiv an der Verbreitung und Veränderung politischer Inhalte beteiligt sind. Bösch sprach in diesem Zusammenhang von partizipativer Propaganda. Heutzutage können heute zahlreiche Nutzer*innen Inhalte remixen, kommentieren und an ein großes Publikum weitertragen. Davon profitieren sowohl politische Akteur*innen als auch die Plattformen selbst, deren Geschäftsmodelle auf Aufmerksamkeit und Interaktion beruhen. Eine mögliche Reaktion auf die rechtsextreme Besetzung populärer Songs sieht Bösch in ihrer Rückaneignung. Künstler*innen und andere Akteur*innen können Sounds neu kontextualisieren, remixen und mit anderen Bedeutungen versehen. Solche Versuche seien nicht immer erfolgreich, aber dennoch wichtig, um rechtsextreme Deutungen im digitalen Raum nicht unwidersprochen zu lassen. 

Abschließend ging es um die Frage, wie politische Codes erkannt werden können. Dazu gehört, nicht nur einzelne Videos zu betrachten, sondern auch Sounds, Kommentare und weitere Verwendungen zu prüfen. Schulen, Bildungseinrichtungen und andere gesellschaftliche Akteur*innen seien deshalb gefordert, stärker Wissen über plattformspezifische Sprachen, Memes und Codes zu vermitteln. 

Wir bedanken uns herzlich bei Marcus Bösch für seinen Besuch, die spannenden Einblicke in seine Forschung und die anregende Diskussion.

Finn Lohaus, Seminarleiter David Corrales, Seminargast Markus Bösch, Marius Schenk und David Roberts nach der Diskussionsrunde (v.l.n.r.) (c) Gesine Flick
Seminarleiter David Corrales und Markus Bösch (v.l.n.r.) (c) Gesine Flick
Die Studierenden haben die Diskussionsrunde mit eigenem Input vorbereitet und begleitet. (c) Gesine Flick
Der Titel der Diskussionsrunde (c) Gesine Flick

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