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Fakultät für Kulturwissenschaft - kw.forscht

DEVIANZ-ORTE IN DER WENDELITERATUR // DISSERTATION VON BJÖRN HEERDEGEN

Aus: KW.FORSCHT: KULTURWISSENSCHAFTLER*INNEN UND IHRE PROJEKTE
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Das Erzählen begleitet und fasziniert Björn Heerdegen schon sein Leben lang. Er glaubt fest daran, dass wir Menschen uns in Geschichten erzählen, wer wir sind. Es ist ihm wichtig, und treibt ihn an, diese Emotionalität beizubehalten. Ebenso begeistert es Björn, wissenschaftlich-distanziert mit Texten zu arbeiten.

"Das Erzählen begleitet und fasziniert mich schon mein Leben lang."

In welchem Fach promovieren Sie?

Neuere Deutsche Literaturwissenschaft

Aus welchem Grund/welchen Gründen promovieren Sie?

Das Erzählen begleitet und fasziniert mich schon mein Leben lang. Von den Gutenachtgeschichten meines Vaters ausgehend konnte ich nie genug davon bekommen. Meine Eltern sind selbst Lesemenschen und haben mir immer die Möglichkeit gegeben, mich in meiner Begeisterung für Literatur auszuleben. Ich glaube fest daran, dass wir Menschen uns in Geschichten erzählen, wer wir sind. Es ist mir wichtig, und treibt mich an, mir diese Emotionalität beizubehalten. Ebenso begeistert es mich, wissenschaftlich-distanziert mit Texten zu arbeiten. Die Kulturwissenschaften bieten eine breitgefächerte Werkzeugkiste, mit der sich Literatur aus unterschiedlichsten Perspektiven betrachten lässt. Mit der Traufel durch die Sedimente unserer Kulturgeschichte zu gehen oder mit dem Skalpell am Pulsschlag der Zeit zu operieren ist unfassbar spannend und gewinnbringend. Daraus ziehe ich für mich persönlich viel. Hoffe aber auch, einen gesellschaftlich relevanten Beitrag leisten zu können.

Gab es einen entscheidenden Moment, in dem Sie sich für die Promotion entschieden haben?

Nicht wirklich. Schon im Bachelor-Studium ist mir klar geworden, dass ich gerne promovieren möchte. Glücklicherweise wurde ich darin von vielen Menschen bestärkt.

Wie finanzieren Sie Ihr Promotionsprojekt?

Durch eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Bildungsforschung und Lehrerbildung – PLAZ-Professional School. Dort arbeite ich im Bereich Kommunikation & Transfer.

Welchen aktuellen Titel hat Ihre Arbeit?

Devianz-Orte in der Wendeliteratur. Raumtheoretische Untersuchungen zu ausgewählter Prosa Lutz Seilers, Monika Marons und Sven Regeners.

Wie oft haben Sie Ihren Arbeitstitel geändert?

Erst ein Mal. Aber dabei wird es sicherlich nicht bleiben…

Könnten Sie Ihr Projekt in 2-3 Sätzen beschreiben?

Meines Erachtens werden in der Wendeliteratur immer wieder spezielle Orte erschrieben, die den Romanfiguren als Refugium des Eigenen dienen und sie ihre subversiven Potentiale erleben lassen. Diese speziellen Orte nenne ich „Devianz-Orte“ und möchte sie auf einem breiten kulturwissenschaftlichen Fundament raumtheoretisch definieren. Auf dieser Basis werden Romane Monika Marons, Lutz Seilers und Sven Regeners in ihren je eigenen räumlichen Strukturen vermessen.

Wo findet sich Ihr Thema im Alltag anderer Menschen wieder?

Die deutsche Wiedervereinigung ist auch mehr als 30 Jahre nach ihrem juristischen Vollzug noch immer ein gesamtgesellschaftliches Großprojekt, an dem alle Menschen in Deutschland teilhaben. Als Gelingensbedingung dieses Prozesses wird immer wieder eingefordert, dass sich Ost- und Westdeutsche besser kennenlernen müssten, um zusammenzuwachsen. Diese Kommunikation ist aber häufig von einem hierarchischen Gefälle geprägt, in dem „der Osten“ hinter „dem Westen“ zurücksteht. In der in meinem Projekt untersuchten Wendeliteratur wird ersichtlich, dass die Literatur einen wichtigen Beitrag zum besseren Kennenlernen der Deutschen leisten und an der Auflösung der Hierarchien arbeiten kann. Dies ist der Fall, weil in Texten Ost- und Westdeutscher Autor*innen gleichermaßen Figuren agieren, die sich sogenannte „Devianz-Orte“ erschaffen, in denen sie abweichend zu gesellschaftlichen und staatlich-institutionellen Normen leben können. In diesen Orten erleben und erarbeiten sie sich ein Handlungspotential, mit dem sie auf den von Normen und Machstrukturen durchdrungenen Raum verändernd einwirken.

Was glauben Sie, wer wird Ihre Arbeit einmal lesen?

Vermutlich vorrangig Fachleute, die sich mit deutschsprachiger Gegenwartsliteratur beschäftigen und/oder Raumtheorie beforschen. Wünschenswert wäre aber, dass alle Menschen, die sich für Literatur und die Deutsche Wiedervereinigung interessieren, Zugänge zur Arbeit finden könnten. Wie dies im Sinne von Wissenstransfer und Wissenschaftskommunikation möglich sein könnte ist eine spannende Frage, der ich mich gerne noch widmen möchte.

Welches Bild sehen Sie vor sich, wenn Sie an das Ende Ihrer Promotionsphase denken?

In meinem Arbeitszimmer hängt ein Foto, welches die Teilnehmer der Tour de France 2000 auf ihrem hochalpinen Weg von Briançon nach Courchevel zeigt. Das Foto motoviert mich immer wieder, Serpentine um Serpentine der Dissertation in Angriff zu nehmen. Am Ende der Promotionsphase wäre es fantastisch, einmal das zu tun, was ich mir schon ewig vornehme: Einmal den Col du Galibier mit dem Rad erfahren und auf seinem Gipfel den Blick über die Alpen bis zum Montblanc schweifen lassen (ein kühles Bier könnte sich vielleicht in der Trikottasche versteckt haben).

Was hätten Sie mit Blick auf die Promotionsphase gerne vorher gewusst?

Da gibt es eigentlich nichts. Durch Freunde wusste ich, wie die Rahmenbedingungen einer Promotionsphase im Großen und Ganzen aussehen und wie sich das auch persönlich auswirken kann. Ansonsten habe ich versucht, offen und unvoreingenommen an die Sache heranzugehen. Aus vielerlei Gründen fühle ich mich zudem privilegiert, promovieren zu können. Meine Familie und Freunde sind ein enormer Rückhalt und unterstützen mich sehr. Auch meine Arbeit im PLAZ und die Kolleg*innen dort sind ein echter Segen. Merci vielmal!

Was empfehlen Sie anderen Promovierenden, um die Promotionsphase bestmöglich zu meistern?

Sich immer wieder vor Augen führen, warum man das macht und warum man dafür brennt. Ebenso tut es häufig gut, sich mit anderen auszutauschen. Nicht nur fachlich, sondern auch über die vermeintlich kleinen Dinge. Und auch klare Strukturen, die zu einem ausgewogenen Verhältnis von Arbeit und Freizeit führen sind m.E. wichtig. Thomas Mann beschreibt das in seinem grandiosen Roman „Der Zauberberg“ wunderbar und nennt es „Ferienlizenz“. Nach Zeiten harter Arbeit hat jede*r das Recht, der Zeit abhanden zu kommen und nur für sich zu sein.

Was lieben Sie (nicht) an Ihrer Dissertation?

Was ich liebe habe ich ja schon ausufernd beschrieben… auch in der hundertsten Korrektur noch festzustellen, dass nach einem Blockzitat eine Leerzeile fehlt, bringt mich immer kurz an den Rand des Wahnsinns.

Sprachnachricht von Björn Heerdegen

Vorschaubild des Videos

KULTURWISSENSCHAFTLER*INNEN UND IHRE PROJEKTE

In dieser Reihe verraten Promovend*innen, Post-Docs und Juniorprofessor*innen, was sie zur Wissenschaft geführt hat, welche Hürden sie auf dem Weg zu ihren Qualifikationszielen überwinden müssen und was sie an ihren Projekten begeistert.

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