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Fakultät für Kulturwissenschaft - kw.forscht

(POST-)DOKTORANDINNEN SCHREIBEN. STIMMEN IM ÜBERGANG ZUR WISSENSCHAFT // PROJEKT VON ANDREA KARSTEN

Aus: KW.FORSCHT: KULTURWISSENSCHAFTLER*INNEN UND IHRE PROJEKTE
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Der dialogische Blick auf Sprache – oder besser auf Menschen, die sprechen – hat Andrea Karsten sofort fasziniert. Daher hat sie in ihrem Studium immer wieder Seminare und Kurse gewählt, in denen das Thema Sprache, Dialog und Interaktion eine Rolle spielte und das Vorgehen ähnlich war: Genau lesen, genau hinschauen, Hintergründe verstehen und Zusammenhänge diskutieren. Heute möchte sie vor allem wissen: Wie werden Wissenschaftlerinnen in der Promotions- und Postdoc-Phase zu akademischen Schreiberinnen und Fachwissenschaftlerinnen.

"Sprecht darüber! Findet Freund*innen in eurem Themengebiet."

In welchem Fach promovierten Sie?

Ich habe in den Fächern Allgemeine Sprachwissenschaft und Psycholinguistik an der LMU München promoviert. Meine Dissertation heißt „Schreiben im Blick. Schriftliche Formen der sprachlichen Tätigkeit aus dialogischer Perspektive“.

Aus welchem Grund/welchen Gründen promovierten Sie? 

Aus Faszination für mein Forschungsthema. In meinem zweiten Studiensemester hatte ich in einem Lektüreseminar den allerersten Kontakt mit dem psycholinguistischen Blick auf Sprache, der bis heute die Grundlage meiner wissenschaftlichen Arbeit ist. Die Hauptidee war, dass Sprache ein soziales Geschehen ist und wir für Andere sprechen und auf das antworten, was Andere gesagt haben, selbst wenn vielleicht gar keine anderen Menschen anwesend sind, wie es z.B. oft beim Schreiben oder beim Nachdenken der Fall ist. Für die meisten Menschen ist dies total einleuchtend, aber gerade in den Sprachwissenschaften und in der Psychologie ist es durchaus nicht üblich, Sprache aus diesem Blickwinkel zu untersuchen. Mich hat dieser dialogische Blick auf Sprache – oder besser auf Menschen, die sprechen – jedenfalls sofort fasziniert. So ähnlich war es auch mit der Art und Weise, wie wir in diesem Lektüreseminar Texte ganz genau gelesen und diskutiert haben. Ich habe mir dann in allen drei Fächern meines Magisterstudiums immer wieder Seminare und Kurse ausgesucht, in denen das Thema Sprache, Dialog und Interaktion eine Rolle spielte und in denen das Vorgehen ähnlich waren: Genau lesen, genau hinschauen, Hintergründe verstehen und Zusammenhänge diskutieren. Am Ende meines Studiums konnte ich mir dann nicht vorstellen, damit aufzuhören, gemeinsam mit anderen über Sprache – und über Schreiben, was inzwischen mein Lieblingsthema geworden war – nachzudenken.

In welchem Fach ist Ihr aktuelles Postdoc-Projekt angesiedelt?

Meine Habilitation plane ich am Institut für Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft, und sie soll wie meine Dissertation wieder im Bereich Psycholinguistik angesiedelt sein. Anders als in der Dissertation untersuche ich jetzt nicht mehr, das Schreiben „an sich“, sondern was Menschen durch und mit Schreiben tun und was dadurch im Gegenzug beim Schreiben mit diesen Menschen passiert.

Was für ein Projekt ist das genau? Habilitieren Sie sich?

Mit meinem Projekt möchte ich beleuchten, wie Wissenschaftlerinnen in der Promotions- und Postdoc-Phase zu akademischen Schreiberinnen und Fachwissenschaftlerinnen werden. Wie schaffen sie es, ein akademisches Selbst zu entwickeln, mit welchen Hürden haben sie zu tun, wie läuft dieser Übergang ab? Diesen Prozess untersuche ich am Schreiben und aus sprachpsychologischer Perspektive, d.h. mich interessiert, was die Wissenschaftlerinnen von ihrem Schreiben erzählen, welche eigenen und fremden Stimmen über das Wissenschaftlerin- und Schreiberin-Sein sprechen, wie das klingt, was das bedeutet.

Aus welchem Grund/Aus welchen Gründen verfolgen Sie dieses Projekt?

Ich bin Koordinatorin des Kompetenzzentrums Schreiben, dem Schreibzentrum der Uni Paderborn. Wir bieten dort Workshops und Beratung für Studierende, Promovierende und Lehrende aus allen Fächern an, in denen die Teilnehmer*innen sich mit dem akademischen Schreiben auseinandersetzen. Unsere Themen sind z.B. das Entwickeln von Fragestellungen für wissenschaftliche Texte, der Weg hin zum sinnvollen Aufbau eines Texts, die Selbstorganisation im Schreibprozess, der Umgang mit Rückmeldungen zum eigenen Geschriebenen und der Einbezug von akademischem Schreiben in die Fachlehre. In meiner Tätigkeit als Schreibberaterin und Schreibdidaktikerin habe ich regelmäßig mit Doktorandinnen zu tun. Ich spreche mit ihnen über ihr Schreiben und Nicht-Schreiben, über das, was ihr Fach, ihre Betreuer*innen, ihre Kolleg*innen, Reviewer*innen und Herausgeber*innen, ihre Freunde, ihre Familie und sie selbst von ihnen, von ihrer Forschung und von ihren Texten erwarten. Wir sprechen über ihre Schreibprozesse, ihre Schreibtechniken, ihre Schreibschwierigkeiten, ihre Schreibressourcen. In meinen Workshops und Schreibberatungen höre ich dabei immer wieder ähnliche Stimmen: die der für ihr Thema brennenden Fachwissenschaftlerin, der guten Projektmitarbeiterin, der engagierten Lehrenden, die der jeweiligen Betreuer*innen, der beteiligten Disziplinen usw. Viele dieser Stimmen sind hilfreich für das Schreiben und den Promotionsprozess, manche aber auch nicht. Mich interessiert, wer da jeweils durch den Mund einer (Post-)Doktorandin spricht und welche Funktion diese Stimme für die Schreiberin und ihr Schreibprojekt hat. Aus diesem Interesse heraus ist mein Habilitationsprojekt entstanden.

Wie finanzieren Sie sich aktuell?

Ich arbeite, wie schon erwähnt, als Koordinatorin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kompetenzzentrum Schreiben und bin außerdem noch wissenschaftliche Mitarbeiterin im Graduiertenkolleg eines interdisziplinären und transregionalen Sonderforschungsbereichs der Unis Bielefeld und Paderborn. Mein Habilitationsprojekt verfolge ich aber größtenteils außerhalb dieser beiden Tätigkeiten, was mit dem Profil meiner beiden Stellen zu tun hat. Gut an meiner Stellensituation ist die Sicherheit, die mit einer unbefristeten Anstellung kommt und die Freiheit, die ich in meinem Habilitationsprojekt habe, eben weil es nicht in ein Projekt eingebunden ist. Schwierig ist, dass das Habilitieren größtenteils in meiner Freizeit stattfinden muss.

Wo findet sich Ihr Thema im Alltag anderer Menschen wieder?

Im Arbeitsalltag von Wissenschaftler*innen: überall. Und wenn man die schwierige Grenzziehung zwischen Beruf und Privatleben im akademischen Bereich mitbedenkt, nicht nur im Arbeitsalltag…

Was glauben Sie, wer rezipiert Ihre Forschung (einmal)?

Ich hoffe natürlich, dass sich meine schreibwissenschaftliche Community für meine Forschung interessiert. Dieses Feld entwickelt sich in Deutschland gerade sehr stark weiter. Forscher*innen aus verschiedenen Disziplinen, aber besonders auch Praktiker*innen aus Schreibzentren und ähnlichen Stellen der Schreibförderung an Hochschulen treten immer stärker in Dialog, und vielleicht entsteht gerade so etwas wie eine Schreibwissenschaft – ein sehr spannender Prozess. Besonders hoffe ich aber, dass meine Forschung die Menschen, mit denen ich forsche – (Post-)Doktorandinnen – erreicht und ihnen vielleicht dabei hilft, ihre Erlebnisse rund um das akademische Schreiben einzuordnen und zu verstehen und ihre Qualifikations- und Schreibprozesse leichter zu meistern.

Was hätten Sie mit Blick auf die Promotionsphase gerne vorher gewusst?

Ich hätte gerne gewusst, dass es noch viel mehr Menschen gibt, die sich für Schreiben interessieren – dass meine Community also viel größer ist als ich damals dachte. Viele dieser Menschen arbeiten nicht offensichtlich als Wissenschaftler*innen, sondern an der Schnittstelle zwischen Praxis und Forschung an Schreibzentren an Universitäten und Hochschulen, so wie ich mittlerweile auch. Für mein Seelenheil als Doktorandin (um hier einfach einmal einen etwas klischeehaften Begriff zu bemühen) hätte ich außerdem gerne mehr darüber gewusst, wie unterschiedlich Promotionsprozesse aussehen, aus individuellen Gründen, aber auch, weil Universitäten unterschiedlich strukturiert sind, Betreuer*innen unterschiedlich ticken, sich Fächer, Disziplinen und wissenschaftliche Gemeinschaften in ihren Gepflogenheiten unterscheiden. Beim genaueren Darüber-Nachdenken haben mich diese Punkte durchaus ein bisschen zu meinem Habilitationsprojekt inspiriert… ;)

Was empfehlen Sie anderen Promovierenden, um die Promotionsphase bestmöglich zu meistern?

Sprecht darüber! Sucht euch andere Menschen, die im selben Boot sitzen, und nutzt die verschiedenen Beratungs-, Mentoring-, und Weiterbildungsmöglichkeiten. Besonders aber: Findet Freund*innen in eurem Themengebiet. Akademische Freundschaften haben eine besondere Qualität. Sie sind oft ein bisschen anders als rein private Freundschaften: Man kann zusammen fachsimpeln, sich Projekte ausdenken, sich Feedback zu Texten geben, sich gegenseitig aufbauen, wenn sich die akademische Welt mal wieder von einer ihrer unangenehmen Seiten gezeigt hat, sich auf ein Wiedersehen auf der nächsten Konferenz freuen… Und wie ich gehört habe, tun akademische Netzwerke auch der wissenschaftlichen Karriere gut.

Inwiefern unterscheidet sich Ihr Postdocprojekt von Ihrem Promotionsprojekt?

Mein Postdoc-Projekt ist stärker portioniert und nimmt sich weniger wichtig. Es hat viel weniger den Anspruch, alles verstehen zu wollen (was in meinem Fall hieß: verstehen zu wollen, wie Schreiben funktioniert). Dafür ist das Thema – hoffentlich – noch praxis- und lebensnaher.

KULTURWISSENSCHAFTLER*INNEN UND IHRE PROJEKTE

In dieser Reihe verraten Promovend*innen, Post-Docs und Juniorprofessor*innen, was sie zur Wissenschaft geführt hat, welche Hürden sie auf dem Weg zu ihren Qualifikationszielen überwinden müssen und was sie an ihren Projekten begeistert.

Die Universität der Informationsgesellschaft